Kinderfeindlichkeit

Da war doch dieses eine Café, wo eine stillende Frau nicht willkommen war und dann auch noch der Eingang für Kinderwagen unpassierbar gemacht wurde. Einen Campingplatz gab’s auch, auf dem das Mindestalter der Gäste auf 16 festgelegt wurde. Und jetzt macht die Geschichte von einem Restaurant die Runde, das ab 17 Uhr kinderfrei zu sein hat. So wird nun also mal wieder diskutiert, ob so ein Kinder-Verbot OK ist.

Spoiler:
Ist es nicht.
Warum? Das könnt ihr weiter unten in diesem Post unter der Überschrift Diskriminierung nachlesen. Vorher ein bisschen Rant, aber auch etwas Argumentation.

Oh, da hab ich in ein Wespennest gestochen.

Den Kommentaren entnehme ich, dass:

  • es viele bösartige Trolle gibt. („Wieviele Angehörige marginalisierter Gruppen haben keinen Zugang zu deinem Anus? Diese Diskriminierung sollte dir bewusst sein.“)
  • viele Kinder verzogen sind und die sind das Problem, die gut erzogenen sind ja OK, aber da sind die Eltern ja so reflektiert, dass sie gar nicht erst ins Restaurant gehen. Oder so.
  • viele Eltern keine Kinder mögen. Also die Kinder anderer Leute. Denn die sind meist schlecht erzogen. Die eigenen nicht.
  • Kinder im Restaurant einfach ein weit verbreitetes, grundsätzliches Problem sind.

Ich war in meinem Leben auch schon oft in Restaurants und erinnere mich nicht an eine Gelegenheit, bei der mich irgendein Kind genervt hätte. Tatsächlich erinnere ich mich generell an gar keine ernsthaft nervige Situation. Was nicht heißt, dass nicht vielleicht irgendwann mal ein lautes Kind oder eine überdrehte Geburtstagsfeier oder ein alkoholisierter Macho oder sonstwas eine Rolle gespielt haben könnten. Aber offenbar war keine Situation so traumatisierend, dass ich sie noch Jahre später zur Rechtfertigung von generalisierter Ablehnung heranziehen muss. Etwa für ein Geburtstagsfeierverbot oder ein Alkoholverbot oder ein Machoverbot.

Interessant finde ich auch, dass viele Verbotsbefürworter*innen genau eine denkwürdige Geschichte zum Besten geben können. Eine!

„Dieses eine Mal, da wollten wir unsere Ruhe und da kam dieses eine Kind und hat Laute von sich gegeben und das war ja sooo nervig.“

So nervig, dass sie sich immer noch nachts in den Schlaf weinen. Ein Glück gibt’s jetzt endlich die Gelegenheit, sich diese eine Geschichte von der Seele zu reden. Die dreißig anderen Restaurantbesuche seitdem, die ohne Kinder-Eklat abliefen, gehen da direkt unter, werden vom Trauma überschattet. Selbst, dass man allein heute morgen auf dem Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb einer halben Stunde die gesamte Bevölkerung schon hundertmal ausrotten wollte, wegen laut telefonierenden, drängelnden, riechenden, schubsenden, pöbelnden, aufdringlichen Mitmenschen – selbst das geht unter, bei dem Wunsch nach kinderfreier Ruhe. Ach.

Denn im Ernst: wir sind alle genervt von unseren Mitmenschen. Ständig. Von Kolleg*innen, anderen Verkehrsteilnehmer*innen, Leuten in der Schlange vor uns. Wir können die aber nicht alle verbieten! Und komischerweise fordert das auch niemand. Ist halt auch schwierig. Denn es sind nunmal nicht konkrete Gruppen, die nerven, sondern Individuen.

„Was ist dann mit Frauenfitnessstudios?! Voll männerfeindlich!“
„Und ins Legoland dürfen Erwachsene nur mit Kindern!“

Ja, OK. Ich versuch’s mal zu erklären. Von mir aus auch anhand dieser, mir die Tränen des Mitleides in die Augen treibenden Beispiele. Das Stichwort lautet:

Schutzräume (engl.: Safe Spaces)

Frauen werden in Fitnessstudios häufig belästigt von Männern. True story. Sie werden angebaggert, bedrängt, ausgelacht. Frauen mögen das nicht und meiden deshalb solche Fitnessstudios. Für Frauen, die gern im Studio Sport machen möchten, ist das ein Nachteil. Ursache ist hierfür die Struktur unserer Gesellschaft, die Männern dieses toxische Verhalten antrainiert und sie gegenüber Frauen in eine Machtposition versetzt. Nachteil + Struktur = strukturell benachteiligt = marginalisiert. Frauen sind eine marginalisierte Gruppe und benötigen deshalb Schutzräume, in denen sie sich möglichst frei bewegen können. In diesem Fall Fitnessstudios für Frauen. Männer können und konnten seit Eröffnung des ersten Fitnessstudios derartige Orte unbehelligt aufsuchen, weshalb sie keine speziellen Schutzräume benötigen und damit eben auch nicht diskriminiert werden durch die Existenz eben solcher.

Ins Legoland dürfen Erwachsene nur, wenn sie Kinder begleiten.

Muss ich das jetzt wirklich auseinandernehmen? Das war tatsächlich ein Argument. Von Menschen, die selbst Kinder haben. Die sich offenbar nicht vorstellen können, warum einzelne Erwachsene, die an einem Ort für Kinder herumwandern, ein Problem sein könnten. Nein. Ich hab keine Lust, das zu erläutern. Orte wie Legoland und Småland und Kindergärten schließen Erwachsene größtenteils aus und das ist okay und in keiner Weise vergleichbar mit kinderfreien Zonen. Don’t @ me.

Wem gehört die Welt?

Wieviele Orte gibt es denn überhaupt, die nur für Kinder zugänglich sind? Ist das ein generelles Problem? Ich frage, weil so einige Leute in den Kommentaren zu meinem Tweet den Eindruck erweckten. Beziehungsweise führten sie das zumindest als Rechtfertigung für kinderfreie Bereiche an. Dass sie ja auch nicht überall hin dürfen. Also zum Beispiel ins Legoland. Oder ins Småland. Oder auf den Spielplatz. Also dorthin zumindest nicht ohne Kind. OK, mehr Beispiele kamen nicht, deshalb bin ich am überlegen… Ich weiß nicht, ob das zählt, wenn das eigene Kind einen aus dem Kinderzimmer schmeißt…?

Vielleicht, nur vielleicht, ist es aber auch so, dass Kinder fast nirgendwo allein hinkönnen? Und vielleicht haben sie auch gar nicht so unfassbar viel Auswahl an möglichen Zielen? Vielleicht leben sie in einer Welt der Erwachsenen, in der sie meistens nur Begleitung sind. Beim Einkaufen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Küche zu Hause. Nur in Ausnahmefällen sind die Gegebenheiten ihnen angepasst. In einigen Läden gibt es Kindereinkaufswagen. In einigen Restaurants gibt es Hochstühle. Manchmal gibt es im Bus einen niedrigeren Sitz.

Ansonsten ist unsere Welt für Erwachsene gestaltet. Kinder können sich darin auch bewegen, aber sie müssen sich anpassen. Sie müssen sich strecken, um an den Halteknopf im Bus zu kommen und sie müssen sich „benehmen“. Alles ist auf uns Erwachsene ausgerichtet, deshalb brauchen wir keine Schutzräume. Kinder aber schon.

Diskriminierung

Heikles Thema. Heutzutage fühlen sich ja alle wegen allem diskriminiert, nicht wahr? (Besonders Frauen, BPOC, LGBTQ+, Behinderte…) Und wer „Diskriminierung“ ruft, ist empfindlich.

Kinder werden doch nun wirklich nicht diskriminiert, oder?

Erstmal googlen…

„Diskriminieren steht für „trennen“, „Unterscheidungen treffen“, „aussondern“. Diskriminierung ist die ungleiche, benachteiligende und ausgrenzende Behandlung von Gruppen und Individuen ohne sachlich gerechtfertigten Grund. Diskriminierung kann sich zeigen als Kontaktvermeidung, Benachteiligung beim Zugang zu Gütern und Positionen, als Boykottierung oder als persönliche Herabsetzung. Möglich wird Diskriminierung meistens durch ein Machtgefälle.
[…]
Ausgangspunkt jeder Diskriminierung ist die Konstruktion von Differenz. Jeder Form Diskriminierung liegt eine Unterscheidung und Bewertung durch eine Mehrheit zugrunde, was als gesellschaftliche Norm zu gelten hat.“

https://www.menschenrechte.jugendnetz.de/menschenrechte/glossar/diskriminierung/

Und da ich gerade dabei war, hab ich gleich noch „Diskriminierung Kinder“ gesucht und den spannenden Aufsatz „Diskriminiert, weil sie Kinder sind –

Ein blinder Fleck im Umgang mit

Menschenrechten“ von Manfred Liebel gefunden. Zitat daraus:

Meines Erachtens können vier Kategorien von Diskriminierung unterschieden werden, die sich auf die Kinder als Individuen oder als
soziale Gruppe oder Generation beziehen:

1. Maßnahmen und Strafen gegen unerwünschte Verhaltensweisen von Kindern, die bei
Erwachsenen geduldet werden oder als normal gelten;

2. Maßnahmen, die mit der besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern begründet werden, aber letztlich zu einer zusätzlichen Benachteiligung der Kinder führen, sei es dass ihr Handlungsspielraum eingegrenzt wird, sei es dass sie aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt werden;

3. Der im Vergleich zu Erwachsenen beschränkte Zugang zu Rechten, Gütern, Einrichtungen und Dienstleistungen;

4. Nicht-Beachtung der sozialen Gruppe der Kinder bei politischen Entscheidungen, die im späteren Leben der Kinder und für nachfolgende Generationen negative Auswirkungen haben.“

Der Text ist insgesamt sehr lesenswert und allein die Formulierung „blinder Fleck“ in der Überschrift ist für mich bezeichnend. Für viele ist der Gedanke schwer fassbar, dass Kinder in unserer Gesellschaft einer grundsätzlichen Diskriminierung unterworfen sind. Aber sie sind eine Gruppe, auf deren Bedürfnisse in der Erwachsenenwelt kaum Rücksicht genommen wird. Sie haben kaum je eine Lobby und sind von sozialen Benachteiligungen meist am stärksten betroffen, ohne überhaupt die Möglichkeit zu haben, dagegen vorzugehen. Sie werden Opfer von spezifisch gegen sie gerichteter Gewalt, wobei die Spanne von psychischer Gewalt in Form von verschiedenen Erziehungsmaßnahmen, über die mancherorts tollerierte disziplinarische Ohrfeige, bis hin zu Pädophilie reicht.

Kinder sind grundsätzlich Diskriminierung ausgesetzt.

Insofern ist ein Ausschließen dieser spezifischen Gruppe von einer „öffentlich angebotenen Dienstleistung“** ein diskriminierender Akt und als solcher genauso verwerflich wie die Exklusion irgendeiner anderen marginalisierten Gruppe.

Ob die Betreibenden des jeweiligen Etablissements legal von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, ob die Regeln des Freien Marktes ihnen recht geben, ob es viele Menschen gibt, die das Verbot begrüßen, ob es reichlich Ausweichmöglichkeiten gibt – egal. Moralisch verwerflich bleibt die Handlung trotzdem und jede*r, di*er das Vorgehen unterstützt, leistet Diskriminierung Vorschub.

Abschluss

Ich wünsche mir, dass Leute, die das Verbot von Kindern in einem Restaurant oder auf einem Campingplatz begrüßen, sich über den Fakt der Diskriminierung im Klaren sind und die zugrunde liegenden Strukturen reflektieren. Warum beihaltet eure ideale Erholung die Abwesenheit von Kindern? Wieviel habt ihr im Alltag mit Kindern zu tun und wie beeinflusst das euer Verhältnis zu ihnen? Welche Rolle spielt eure eigene Erziehung? Welche Rolle spielt das Verhalten anderer Erwachsener in eurem Umfeld?

Ich wünsche mir eine andere Herangehensweise – konstruktiv, statt restriktiv. Gäbe es viel mehr wirklich kinderfreundliche Restaurants (und ich meine nicht, Kinderteller mit Pommes auf der Speisekarte!), würden diese bevorzugt von Menschen mit Kindern frequentiert und Läden ohne entsprechende Einrichtung würden größtenteils automatisch kinderfrei bleiben.

Und dann gibt es noch Länder, in denen es ganz anders läuft

PS

Wir waren heute in einem Familiencafé mit Spielbereich und haben für dessen Nutzung mit einem Kind 4€ bezahlt. Ich möchte bitte, dass Erwachsene für die Nutzung kinderfreier Zonen in Restaurants auch 4€ bezahlen müssen.

*Etwas in der Richtung wurde tatsächlich kommentiert. Und nein, das ist Quatsch, denn diese Erziehungsstile schließen sich teilweise gegenseitig aus.

**Zitat aus einem ganz aktuellen Artikel. Die Ausgrenzung marginalisierter Gruppen scheint gerade im Trend zu liegen. Ein Schelm, wer an die aktuelle politische Stimmung denkt…

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2 Kommentare zu „Kinderfeindlichkeit

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