„Tag zum Tod“ in Berlin

Von Thanatos Bestattung habe ich hier und hier schon geschrieben. Julian Heigel und cass Youssef gehen inzwischen weiter ihrer Arbeit nach: sie richten selbstbestimmte Bestattungen aus und leisten darüber (unentgeltlich) Aufklärungsarbeit. Nun haben sie eine besondere Veranstaltung organisiert, den Tag zum Tod. Ich war dabei – als Gast und als Kinderschminkerin.

Das Programm

Der Dokumentarfilm „Mondlicht“ von Michael Steinhauser eröffnete das Programm. Er illustrierte den Umgang unserer Gesellschaft mit alten Menschen und dem Tod unter anderem anhand von Interviews mit Altenheimbewohnenden.

Darauf folgte die Lesung von Auszügen aus dem Comic-Buch „Sterben ist echt das Letzte“ von Eva Müller. Das Buch habe ich mir direkt gekauft und von der Autorin signieren lassen. Ich will es hier auf jeden Fall noch vorstellen, es ist toll!

Karsten* hielt einen Vortrag zum Umgang mit dem Thema Tod im Gespräch mit Kindern. Eine ganze Reihe von Kinderbüchern stellte Karsten* vor. Ich selbst habe mir einige notiert, die ich besorgen möchte. Andere gefielen mir zwar, passen aber im Moment nicht zur Dreijährigen. Deswegen kann ich euch hier gerade gar keine konkreten Empfehlungen geben, weil die Bücher alle ihre positiven Aspekte haben und die Themen aber sehr unterschiedlich sind.

Dann gab es noch den Bestattungstalk, in dem cass und Julian ihre Arbeit vorstellten. Das Publikum nahm die Informationen zu Selbstbestimmtheit im Umgang mit Bestattungen sehr offen und positiv auf und es gab sicher bei einigen ähnliche Aha-Momente wie bei mir als ich zum ersten Mal auf diesen Umgang mit dem Tod getroffen bin.

Darüber hinaus stand ein Sarg im Raum, eine Aschekapsel, Aschekapselattrappe und eine Überurne. Es gab Kaffee und Kuchen, eine Spielecke für Kinder und ich höchst persönlich hatte die Ehre, Kinder schminken zu dürfen. Die vorgestellten Kinderbücher konnten auch angeschaut werden.

Allgemein war die Stimmung im Leeren Raum in Schöneberg wirklich angenehm: entspannt, ja gemütlich, kinderfreundlich, offen, interessiert, achtsam und respektvoll. Es ging darum, aufzuklären, zu informieren und sich über Tod und Trauer auszutauschen. Bedarf dazu besteht – fast jeder Mensch hat eine*n Angehörige*n verloren. Und immer wieder stelle ich fest, dass die meisten Leute Geschichten von unangenehmen, unbefriedigenden Bestattungen zu erzählen haben. Veränderung auf diesem Gebiet ist nötig und die kann eben am ehesten eintreten, wenn Menschen zunächst einmal informiert sind, offen miteinander sprechen können und heraus finden, was ihnen hilft.

Was die Veranstaltung nicht war

Pietätlos und morbid.
So lauteten einige Vor-Urteile zum Beispiel auf Facebook und anderswo.
Warum? Ich habe hier und da nachgefragt und versucht, dieser Einstellung auf den Grund zu gehen.

Kinder und Tod

Dass die Kombination vielen Leuten eine Gänsehaut verursacht, verstehe ich vollkommen. Umso mehr, seit ich selbst ein Kind habe. Das Durchblättern so einiger der ausgestellten Kinderbücher trieb mir die Tränen in die Augen. Schöne Bücher waren dabei, Geschichten, die sehr liebevoll den Verlust von Haustieren, Großeltern, Geschwistern oder den Tod ganz allgemein behandeln. Das ein oder andere Buch möchte ich selbst gern anschaffen, werde es dann aber wiederholt allein lesen müssen, um beim Vorlesen später nicht laut zu schluchzen.

Warum will ich mein Kind dann mit so einem traurigen Thema in Kontakt bringen? Weil die Dreijährige ohnehin darauf kommt. Wir haben schon eine ganze Halloween-Party damit verbracht, über ägyptische Mumien zu sprechen und ich habe zwar Details zur Entfernung des Gehirns über das Nasenloch ausgelassen, aber schon versucht, ehrlich und verständlich zu erklären. Vor kurzem ist der Hund der Granny gestorben, unser Hund ist auch nicht der jüngste. Wir essen Fleisch und erschlagen Mücken. Der Tod ist Teil unseres Lebens und wir benennen ihn. Unbefangenheit hilft dabei, ehrliches Zeigen von Gefühlen aber auch. Tiere sterben, Menschen sterben. Wir müssen damit umgehen, und unsere Kinder ebenso.

Ja, aber Kinderschminken? Die Veranstaltung war kinderfreundlich. Das erlaubt Familien mit Kindern, teilzuhaben, was andernfalls oft nicht möglich ist. Das ist keine Pietätlosigkeit, sondern Inklusion. Natürlich muss niemand Kinder mitbringen. Doch so eine Möglichkeit ist schön.

Werbung

Eine Informationsveranstaltung zum Tod organisiert von einem Bestatter. Klar, wo ist der Vertrag, den ich unterschreiben soll?

Verträge gab es keine. Flyer lagen tatsächlich dort. Das Comic-Buch von Eva Müller, sowie einige kleinere Papierartikel von ihr, gab es käuflich zu erwerben. Um Spenden für den gemeinnützigen Raum wurde gebeten. Kommerzieller wurde es nicht.

Julian Heigel und cass Youssef sind quer ins Bestattungswesen eingestiegen – aus Leidenschaft. Nach kurzem Gespräch mit ihnen offenbart sich das sehr schnell. Ein Vergleich zeigt, dass Julians Preise sehr günstig sind. Seine Website stellt jede Menge Informationen vor, die man von anderen Institutionen nur widerwillig oder gar nicht erhalten würde.

Ich hoffe, dass so ein Tag zum Tod wiederholt stattfinden wird, und empfehle allen Leuten, die hier Profitbestreben vermuten, selbst mal vorbeizuschauen.

Party

Ein „Totentanz“, „den Tod wie eine Party inszeniert“, schrieb mir jemand auf meine Frage, was an der Veranstaltung „morbid“ sei.

Hm, ja. Also.

Es war keine Party, neun, das nicht. Es war eine gemütliche Informationsveranstaltung. Ja, in dem lichtdurchfluteten Raum mit Kaffee und Kuchen und Spielecke war es in der Tat gemütlich.

Ein bisschen inszeniert wurde der Tod schon, oder viel mehr Symbole und Artefakte, die wir hierzulande mit ihm verbinden. Neben einigen putzige, kitschigen Skelettfiguren, die Deko ausmachten und auch das Gebäck verzierten, standen im Raum eben auch ein Sarg und Urnen. Ein Dokumentarfilm, ein Comic-Buch, die sich mit dem Tod befassen, stellen ja auch eine Inszenierung dar.

Doch es ging eben nicht darum, den Tod zu feiern. (Obwohl ich auch diese Praxis, die in anderen Ländern durchaus gängig ist, auch spannend und sinnvoll finde.) Es ging darum, dem Tod ein wenig von seinem Schrecken zu nehmen. Manchmal lässt man ihn dabei etwas banal aussehen, oder lächerlich. Ein Sargdeckel lässt sich nämlich auch als Sitzbank nutzen und ist damit vielleicht nicht mehr das Große Unberührbare Letzte Möbelstück. Sondern nur ein Ding aus Holz. Ein*e Bestatter*in ist ein Mensch, mit dem man reden kann, während man Sarg-Muffins isst und das eigene Kind geschminkt wird – kein Übermensch, der im Trauerfall alles (Preise inklusive) allein zu entscheiden hat.

Düster

Wie gesagt, es war schön hell in dem Raum. Aber ja, an den Tod zu denken ist traurig, schwer, dunkel. Ich musste, wie erwähnt, gelegentlich ein paar Tränen zurückhalten. (Wegen der Schminke, ihr versteht.) Das ging mir aber eher bei den Kinderbüchern so, die Geschichten von Verlust erzählen. An meine eigene Bestattung zu denken, ist für mich so abstrakt, dass ich es gar nicht schwierig finde. (Einige Songs stehen fest*, bitte möglichst low budget und am liebsten die Asche von der Köpenicker Altstadtbrücke streuen, seht zu, wie ihr das rechtlich hinbiegt.) Auch für Menschen, die ich liebe, kann ich mir sowas Gedanken machen. Weinen muss ich erst, wenn ich an eine Welt ohne diesen Menschen denke. Das ist auch ok.

Es hilft mir auf jeden Fall, zu wissen, dass im Trauerfall nicht alles so streng reglementiert und spröde ist, wie ich bisher dachte.

Zum guten Schluss

Nein, ich habe mich nicht probehalber in den Sarg gelegt. Ein bisschen Aberglauben gönn ich mir.

Danke an alle, die diesen Tag unentgeltlich ausgerichtet, mit Inhalt gefüllt und die Atmosphäre so warm gemacht haben!

* Ok, ich verrate sie – aber nicht, dass ihr die dann alle nehmt! Flogging Molly, „The Sun never shines on closed Doors“ und „If I ever leave this World alive“

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