Lasst uns über den Tod reden. Lesung, Buch, Diskussion

Vor einigen Jahren, mein Mann und ich waren noch nicht standesamtlich verheiratet, landete in unserem Briefkasten ein Brief. Dieser informierte meinen Mann in trockenem Amtsdeutsch darüber, dass sein „Vater“ gestorben sei und er sich nun um die Beerdigung kümmern solle. Mein Mann hatte gute Gründe, das nicht zu tun. Er ignorierte den Brief und so folgte einige Zeit später ein zweiter: die Beerdigung habe stattgefunden, nun müsse mein Mann sie bezahlen, zumindest anteilig, seine Halbschwester habe die andere Hälfte zu übernehmen. Immerhin blieben damit noch satte 1000€ zu entrichten, was für uns eine große Menge Geld darstellt. Es folgte einiges an bürokratischem Hickhack, im Zuge dessen wir allerhand über die Bestattungspflicht und das Erbrecht in Deutschland lernten. Nichts erfreuliches, soviel sei gesagt.

Was da vorgenommen worden ist, nennt sich eine ordnungsbehördliche Bestattung.
Die Tage war ich bei einer hochspannenden Veranstaltung, durch die ich rückwirkend noch einiges über dieses Thema und über selbstbestimmte Bestattungen lernen konnte und davon möchte ich berichten.

„Let’s talk about death. Queere_machtkritische Perspektiven“

So der Titel einer Lesung mit Vortrag und anschließender Diskussion. Francis Seeck stellte das selbstgeschriebene Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ vor, das als Folge einer Forschungsarbeit entstand. Untersucht werden darin ordnungsbehördliche Bestattungen und Sozialbestattungen – und in diesem Zusammenhang auftretender Rassismus und Klassismus.

Recht auf Trauer, Francis Seeck, edition assemblage
Recht auf Trauer, Francis Seeck, edition assemblage

Julian Heigel von Thanatos Bestattung in Berlin erläuterte das Thema aus Sicht seiner Arbeitspraxis und gab einen Einblick in Möglichkeiten für selbstbestimmte Bestattungen. Über ihn werde ich für meinen Zweitblog einen gesonderten Artikel verfassen, der aber sicher auch allgemein von Interesse sein wird.

Im Anschluss folgte eine kurze Diskussion, die eigentlich mehr aus Fragen und Erfahrungsberichten bestand, aber die Veranstaltung hatte, glaube ich, ohnehin sehr viel Input geliefert, sodass ein kritischer Diskurs nicht unbedingt nötig war.

Ordnungsbehördliche Bestattungen

Wie zu Beginn erwähnt, haben mein Mann und ich selbst bereits Erfahrung mit diesem Thema gemacht. Auch in der Diskussionsrunde stellte sich heraus, dass das Phänomen eine gewisse Verbreitung hat.

Tatsächlich werden in Berlin jährlich 2000 bis 2500 Menschen auf diese Weise beerdigt. Die Zahl ist seit 2004 gestiegen, weil zu diesem Zeitpunkt das Sterbegeld abgeschafft worden ist, welches vorher die Beerdigungskosten deckte.

Die Bestattungspflicht in Deutschland sieht vor, dass die Angehörigen Verstorbener für die Bestattung aufkommen. Sind diese finanziell dazu nicht in der Lage oder nicht rechtzeitig auffindbar, übernimmt der Staat Kosten und Organisation der Bestattung. Die Kosten können (wie im Fall meines Mannes) nachwirkend von Angehörigen eingefordert werden.

Der Zeitraum zur Auffindung Angehöriger ist allerdings extrem kurz. Denn es entstehen ja Kosten für die Kühlung der Verstorbenen. Außerdem haben die Mitarbeiter*innen des zuständigen Gesundheitsamtes sehr viele Fälle zu bearbeiten. So wenden sie sich maximal an Standesämter und Melderegister und damit erschöpft sich die Suche. An etwaige Angehörige wird ein Brief versendet. Melden die sich nicht in kürzester Zeit zurück, etwa weil sie verreist sind, wird die ordnungsbehördliche Bestattung in die Wege geleitet.

Diese ist natürlich nicht vergleichbar mit einer persönlichen Beerdigung. Es gibt keine Rede, keine Fotos, meistens keine Gäste und keine Zeit.

Mein Mann hatte kein Bedürfnis an Beerdigung oder Trauerfeier seines Erzeugers teilzunehmen. Stattdessen überwog die Wut, eine Rechnung für die Beisetzung eines im Prinzip fremden Menschen bezahlen zu müssen.

Doch es gibt natürlich Fälle, in denen die Beziehungen anders sind. Plötzlich zu erfahren, dass jemand tot ist und schon beigesetzt wurde – das kann traumatisierend sein.
Oder… Stellen wir uns ein Paar, das nicht verheiratet ist, oder eine Familie, die nicht verwandt ist. Menschen, die sehr wenig Geld haben.

Jemand stirbt. Die Zugehörigen können die Beerdigung nicht finanzieren. Bestattungspflichtige Angehörige gibt es nicht. Eine ordnungsbehördliche Bestattung wird in so einem Fall durchgeführt. Keine Trauerfeier, ein anonymes Reihengrab, sechs Urnen werden nacheinander in einer Reihe in die Erde gegeben. Was macht das mit den Hinterbliebenen?

Sozialbestattungen

Wenn bestattungspflichtige Angehörige nicht für die Beerdigung aufkommen können, kann das Sozialamt die Kosten übernehmen. Das erfordert natürlich enormen bürokratischen Aufwand und Möglichkeiten zur Mitbestimmung sind aus finanziellen Gründen begrenzt. Hier empfehle ich ganz besonders (und immer wieder!) die Website von Julian Heigel und Thanatos Bestattung, weil er umfangreiche Hinweise und Informationen zur Selbstbestimmung bei Bestattungen gibt. Eine Bestattung muss nicht teuer sein, um erfüllend zu sein.

Das Sozialamt übernimmt natürlich nur auf Antrag bestattungspflichtiger Personen die Kosten. Freund*innen, eingetragene Lebenspartner*innen, Geschwister im Geiste usw. zählen nicht dazu und müssen, wenn sie die Bestattung übernehmen möchten, selbst dafür bezahlen.

Diskriminierung

Dass dieses System alles andere als gerecht ist, liegt auf der Hand. Ordnungsbehördliche Bestattungen sind nicht wirklich würdige Bestattungen und die betreffen eben nur Menschen in prekären Lebensverhältnissen. Armut ist oft mit Scham verbunden und so wird für Hinterbliebene der komplizierte Vorgang zur Beantragung einer Sozialbestattung zu einer zusätzlichen Last. Durch ihre Forschung stieß Francis Seeck auch oft auf Fälle, in denen den Hinterbliebenen respektlos begegnet wurde.

Widerstand

Wie können wir uns diesem System widersetzen?

Über Julian Heigels vielfältige Vorschläge für eine selbstbestimmte Bestattung schreibe ich, wie erwähnt, an anderer Stelle nochmal ausführlich.

Darüber hinaus empfiehlt er dringend, zu Lebzeiten, jetzt, über die eigene Bestattung nachzudenken, Wünsche zu formulieren und die im eigenen Netzwerk umfassend zu verbreiten.

Gerade wenn die finanziellen Mittel knapp sind und absehbar ist, dass die Angehörigen eine Sozialbestattung beantragen müssen oder die Zugehörigen schließlich mit einer ordnungsbehördlichen Bestattung konfrontiert sind, können zuvor formulierte Wünsche eventuell das Verfahren der Zuständigen beeinflussen. Das Amt hat in dem Fall Spielraum und kann durchaus bei konkreten Wünschen, mehr Geld zur Verfügung stellen bzw. zum Beispiel eine Auslandsbestattung in die Wege leiten, welche Friedhofsgebühren sparen würde.

Ich persönlich finde auch, dass für eine würdige Bestattung nicht viel Geld von Nöten ist. Ja, es irritiert mich fürchterlich, wieviel Geld für einen Sarg, der in der Erde verrotten oder verbrannt werden soll, ausgegeben werden muss. Mit der Menge an Holz ließe sich auch sinnvolleres anfangen. Eine Schmuckurne kommt für mich auch nicht in Frage – in Deutschland gilt Friedhofszwang, das heißt, die teure Vase wird dann ohnehin begraben. Dann lieber nette Tücher um die Aschekapsel wickeln, wie Julian Heigel es vorschlägt.

Lasst uns unsere Bestattung planen!

Hier findet ihr einige Fragen, die helfen, die eigene Bestattung zu planen. Ich habe vor, meine Vorstellungen demnächst mal schriftlich zu fixieren, mit meinem Mann zu besprechen und das Ergebnis dann mit meinen Lieben zu teilen. Denen werde ich dann vorschlagen, es mir nachzutun. Denn vergraben in irgendeiner Schublade nützen die Letzten Wünsche im Ernstfall nichts.

Ist es verrückt, dass es mir ein bisschen Spaß macht, mir Songs für meine Trauerfeier zu überlegen? Es macht mir Spaß und es macht mich auch traurig. Flogging Molly und Loreena McKennitt denke ich… Was soll bei euch so abgehen?

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