„Indianer“?!

Wir waren zum ersten Mal im MitMachMuseum hier in Berlin und es war sehr schön. Alles ist liebevoll gestaltet, wohl überlegt und nachhaltig. Unbedingte Empfehlung!
So. Jetzt das Aber.

Die aktuelle Ausstellung heißt „Der weite Horizont – Indianische Kulturen & die Kunst des Kennenlernens“.

Und ich dachte:

Indianer…?!

Das ist doch nicht… politisch korrekt?

Hier und da bin ich dem Begriff „Indianer“ in letzter Zeit öfter mal begegnet und damit verbunden der Frage nach seiner Korrektheit. Hier und da habe ich versucht, mir eine Meinung dazu zu bilden.

Nun ein Museum. Ob zum Mitmachen oder nicht, ein Bildungsauftrag besteht da schon. Die sollten es korrekt machen, oder nicht?

Aber, äh, vielleicht geht das in so einem Museum für Kinder nicht so, die ganze Bandbreite der Kulturen der amerikanischen Ureinwohner zu vermitteln? Vielleicht muss das irgendwie reduziert und abstrahiert werden. Letzten Endes konnte dort Kreide selbst gemacht werden und Monsterfiguren bemalt. Das hat auch nichts mit den Ureinwohnern zu tun. Darüber hinaus gab es unter anderem folkloristische Kleidung anzusehen, Fotos von Natives und eine (durchaus kritische) Informationstafel zu Karl May. Hm.

Aufnäher bestempeln – wunderschön, aber…

Eine Infowand beschäftigte sich auch mit dem American Indian Movement (AIM) und erwähnte auch die Problematik des Begriffs „Indianer“. Bitte, geht doch. Aber warum dann eigentlich genau diesen Begriff immer wieder im Rahmen der Ausstellung verwenden?

Und wie ist das mit den Basteleien und Spielen? Wir haben einen Aufnäher mit Rabenmotiv bestempelt, weil es einen Rabenclan in Amerika gibt. Mehr gab es zu dem Thema vor Ort nicht zu erfahren. Wir haben gleich mehrere Aufnäher gestaltet, weil wir das Motiv so schön fanden.

Kindermuseum Mach mit Berlin, Aufnäher, Raben, Native Americans, Raven Clan
Aufnäher bestempeln – wunderschön, aber…

Ist das nicht irgendwie respektlos? Komisch? Einfach dieses Rabenmotiv zu verwenden, obwohl wir dieses Volk nicht mal kennen? Was sagen die Leute aus diesem Land dazu?

Kulturelle Aneignung

Schließlich kam ich mit Zesyra vom Blog Nooborn darüber ins Gespräch und sie schickte mir direkt diesen Artikel. Besser war mein Gewissen danach nicht. Überhaupt nicht.

Die Autorinnen erläutern, warum Indianerkostüme wirklich nicht in Ordnung sind und sie gehen dabei auf die diversen Gegenargumente ein:

  • Aber ist es nicht schön, sich aus unterschiedlichen Kulturen bedienen zu können und z.B. Kleidungsstücke aus anderen Ländern als Verkleidung zu tragen?
  • Mein Kind ist doch ganz unschuldig an kolonialer Vergangenheit! Es will sich doch bloß verkleiden!
  • Aber man kann sich doch auch respektvoll Dinge aus anderen Kulturen “ausleihen”! Ich  mag “Indianer” […]
  • Aber es ist Fasnacht! Das darf man doch nicht so eng sehen, Fasnacht ist doch gerade dazu da, Grenzen zu überschreiten!
  • Aber als Nonne mit Rosenkranz rumlaufen ist an Fasnacht noch erlaubt, oder?!
  • Müssen wir jetzt auf Verkleidungen verzichten?!

Im Text könnt ihr genau nachlesen, wie diese Argumente entkräftet werden, deswegen mache ich das hier nicht auch nochmal. Das ist absolut lesenswert und ekelhaft erhellend. Indianerkostüme sind nicht ok. Der Begriff „Großstadtindianer“, der passim in der Ausstellung auftauchte, ist eine dreckige Ohrfeige für ganze Volksgruppen, denen das Land gestohlen wurde, um eben dort Großstädte für die Invasoren zu errichten.
Der Artikel auf Ringelmietz erläutert die Argumente gegen kulturelle Aneignung wunderbar und allen, die jetzt denken, „so ein nettes Kostüm mit Federn und Fransen an einem unschuldigen Kind ist doch wirklich nicht schlimm“, kann ich nur vehement empfehlen, ihn zu lesen.

Kurz wird in dem Artikel auch erwähnt, dass man Kindern anbieten kann, sich anstelle von „Indianern“ Fantasiewesen oder Figuren aus Büchern als Vorbilder für Verkleidungen zu nehmen. Und hier setzt auch meine nächste Frage an:

Alternativen?

Die Ausstellung im Museum war schon schön und der Grundgedanke, Kindern etwas über andere Kulturen beizubringen, ist natürlich richtig. Wenn wir den Begriff „Indianer“ aus dieser Ausstellung (und überhaupt überall) komplett streichen, ist schonmal viel geschafft.

Aber was ist mit den „Indianer“-Festen, die so gern in Kitas, auf Geburtstagen und Hinterhöfen gefeiert werden? Die sind doch so schön! Tipis, Trommeln und Federschmuck basteln, Regentänze und, äh, voll „indianisches“ Stockbrot.

Wirklich, vieles daran ist schön. Ich überlege also, was daran so schön ist und wie es sich umsetzen ließe, ohne die Blaupause einer uns ohnehin fremden Kultur.

Draußen sein, Lagerfeuer, Musik. Lässt sich alles machen, ohne, dass wir so tun müssen als wären wir im „Wilden Westen“. Aber ein Oberthema ist oft das, was einem Fest das Besondere verleiht. Ein Motto, das zum Verkleiden anregt, Ideen für Basteleien liefert und noch dazu aus dem Rahmen des Alltags fällt.

In unserem Kinderladen hatte das erste Fest, bei dem wir dabei waren das Motto Olchis und Insekten. Die Kinder hatten das selbst gewählt. Eine seltsame Kombination, aber warum nicht! Der Rest (Kostüme, Deko, Essen) konnte darauf aufbauen.

Eigentlich ist das so einfach.

Wenn ein Fest exotisch multikulturell sein soll – warum nicht mit Menschen anderer Kulturen zusammen feiern? Mit einem Heim für Geflüchtete kooperieren zum Beispiel.
Diese klischeehaften Figuren mit Kriegsbemalung und Federschmuck, denen dann auch noch die klischeehaften Cowboys zur Seite gestellt werden, als wäre der Genozid ein Kinderspiel – die brauchen wir nicht. Mit denen haben vielleicht unsere Großeltern und vielleicht noch unsere Eltern und vielleicht sogar wir noch gespielt. Jetzt ist es aber Zeit zum Umdenken. Uns bzw. unseren Kindern geht dadurch ganz gewiss nichts verloren.

Fragen

Und damit ist das Thema nicht zu Ende. Das Thema „kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus“. Es ist nicht zu Ende für mich, kein bisschen. Es hat gerade erst angefangen. Mir stellen sich Fragen, immer wieder Fragen. Vielleicht sind die Fragen dämlich, vielleicht sind sie gut. Das weiß ich ebenso wenig wie die Antworten.

Was ist mit Musik? Was ist überhaupt mit all den schönen Dingen aus anderen Kulturen? Ein Didgeridoo, ein Curryrezept, Dreadlocks? Ich sehe an mir herunter: aus welcher Kultur wurde das Perlenmuster meiner Flipflops übernommen? Gab oder gibt es ein Volk, dem verboten wurde, genau so ein Perlenmuster zu tragen?

Außerdem bin ich neoheidnisch und in diesem Bereich… Der existiert in gewisser Weise auf Basis kultureller Aneignung. Odre vielleicht nicht… Oder…

Ich verbleibe mit einem Gefühl von starker Irritation und freue mich, dasselbe eventuell an einige von euch weitergeben zu können.

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5 Kommentare zu „„Indianer“?!

Gib deinen ab

  1. Ich kann noch sehr die Gruppe Empowerment durch Medien auf Facebook empfehlen um gerade BPoC Perspektiven in den Alltag mit Kind zu bekommen. Da gibt’s auch viel kritische Auseinandersetzung mit Spielzeug und Büchern. Und n paar Twitterleute, wenn du magst.

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  2. Du schlägst vor, man könne ja das Schöne am „Indianerthema“ auch ohne den historischen Bezug zum Motto machen.
    Aber leider gehen da die Schwierigkeiten nur weiter: Wo fängt eine fiktive Figur an, wo hört die historische Vorlage auf?
    Bei Fantasy-Abenteuern findet man zuhauf Bezüge zu den verschiedensten historischen Völkern und Zeiten. Wäre ein Indianervolk hier ok? Wenn ja, warum ist Winnetou dann nicht ok. Wir wissen inzwischen alle, dass diese Geschichten reine Fantasie sind. Ist Atreju aus der unendlichen Geschichte ok?

    Aber in diesem Artikel ging ja vor allem um das Museum. Hier muss es ja um echte historische Völker geben, denn das Museum hat ja einen Bildungsauftrag. Müssen Ausstellungen der Tristheit des Themas grundsätzlich entsprechen? Wer hier jetzt ohne nachzudenken natürlich nicht ruft, stelle sich mal ein Mitmachmuseum zum Thema Holocaust vor. Das geht natürlich nicht. Aber wäre deswegen undenkbar, eine Ausstellung zum Judentum, die den Holocaust als trauriges Kapitel zwar erwähnt aber nicht zum Thema hat, auf fröhliche Art und Weise durchzuführen?

    Insofern hast du wohl recht. Es fängt gerade erst an.

    Das zu den Dreadlocks für mich überzeugendste Argument war übrigens: Die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den USA hat diese als Zeichen zum Widerstand gegen die Unterdrückung durch Weiße gewählt. Wenn Weiße diese jetzt auch tragen, schwächt dies das Symbol.
    Ich denke, dies sollte Weißen bewusst sein, wenn sie sich Dreads machen lassen. Dennoch halte ich es nicht per se für Alltagsrassismus, denn verfilzte Haare waren schon in nahezu allen Kulturen vorhanden. Aus meiner Jugend kenne ich das als: Seht her, ihr seid mir so egal, dass ich mir nichtmal die Haare kämme.

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    1. Liebe Claudia,

      danke für deinen Kommentar. Ich möchte gern versuchen, auf deine Fragen und Anregungen zu antworten – wobei ich ja auch selbst viele Fragen habe und nicht immer Antworten.

      Also ich möchte auf keinen Fall den historischen Bezug bei der Beschäftigung mit Native Americans trennen.
      Das Problem ist ja gerade, dass fiktive Figuren, die irgendwie Native Americans zum Vorbild haben, den historischen Bezug ausklammern und Stereotype schaffen, die alles zwischen romantisch verklärt und mal brutal abwertend sein können.
      Winnetou war lange lange Zeit genau das, was man in Deutschland für einen typischen Native American hielt. Ob heute wirklich alle Menschen wissen, dass diese Figur reine Fantasie ist, weiß ich nicht. Sie hat aber definitiv ein bestimmtes Bild kreiert, entspricht dem Archetypen des edlen Wilden (was tatsächlich ein negatives Bild ist!) und bedient sich ohne Recht an einer Kultur, die seit Jahrhunderten unterdrückt wird. Außerdem befürchte ich, dass, selbst wenn Menschen wissen, dass Winnetou reine Fantasie ist, sie auch darüber hinaus eben doch nicht bemühen, etwas über die Realität zu erfahren. Was bleibt, ist dann also doch nur das falsche Bild.
      Tatsächlich finde ich Atreju dann eben auch problematisch. Vor einer Woche wäre meine Meinung noch anders gewesen, aber der Artikel auf den ich in meinem Post verweise, hat mich vom Gegenteil überzeugt. Deswegen mag ich das hier gar nicht nochmal begründen, denn bei Ringelmiez wurde das schon viel besser formuliert.
      Bei Fantasy-Völkern müsste jeder Fall konkret betrachtet werden. Derzeit ist meine erste Antwort: wenn die/der Autor/in selbst nicht aus der entsprechenden Kultur stammt oder sehr enge Verbindungen zu ihr hat, sollte sie/er davon absehen, auf die indigenen Völker anzuspielen. Natürlich sind Gedanken und Fantasie frei und manchmal weiß man gar nicht, woher die Inspiration kommt. Wie gesagt, individuell zu entscheiden.
      Auf jeden Fall glaube ich, dass die menschliche Fantasie, genug Macht hat, um sich Fantasievölker ohne Federschmuck und Friedenspfeife zu erdenken.

      An der besuchten Ausstellung hat mich vor allem der immer wieder auftauchende Begriff „Indianer“ gestört.
      Die negativen Aspekte der Geschichte der Native Americans tauchten durchaus auf. Eine Infotafel behandelte das Thema. Die Fotos waren recht neutral, der Text erklärend. Jüngere Kinder können den nicht lesen und verstehen, hier können Erwachsene erklären. Eigentlich gut umgesetzt. Ich finde, auch die furchtbaren Teile der Geschichte können Kindern vermittelt werden und sollten auch nicht ausgeklammert werden. Positive und negative Momente können in einer Ausstellung gut nebeneinander präsentiert werden. Beides in Kombination ist vielleicht sogar leichter zu verarbeiten.

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