Medienkonsum mit zweieinhalb

Wie sind unsere Erfahrungen mit der Mediennutzung unserer zweieinhalbjährigen Tochter? Hier meine aktuellen Beobachtungen.

„Fernsehen“ steht hier mal wieder im erweiterten Sinn für verschiedene Varianten audio-visueller Medien, i.e. YouTube-Videos oder Netflix.

Selbstregulation

Langsam begreife ich, was das bedeuten könnte. Das Kind hat ja immer Phasen, in denen es mehr fernsehen möchte und Phasen, im denen es das Medium gar nicht erwähnt. Phasen, in denen sie sofort auf ein Spielangebot eingeht und Phasen, in denen wir durch Abschalten einen längeren Wutanfall provozieren. Letzteres tritt aber immer seltener auf.

Und nun schaltet die Zweieinhalbjährige eben auch vermehrt selbst ab. Manchmal beginnt sie vorm laufenden Tablet zu spielen, manchmal verlässt sie den Raum, manchmal schaltet sie es aus und nimmt einen von uns mit in ihr Zimmer. Überhaupt kommt mir unser aller Umgang mit dem elektronischen Medium immer…

entspannter

… vor. Da war die Sache mit dem Essen.
Es ist doch blöd, vor dem Tablet zu essen. Aber manchmal. Manchmal ist es praktisch. Wenn ich die Zweieinhalbjährige fertig mache zum Beispiel. Dann noch ein Snack nebenbei, währenddessen Tablet gucken und wenn die Folge zu Ende ist, geht’s in den Kinderladen.

Aber am Wochenende frühstücken wir gefälligst zusammen! Und nachmittags gibt’s keine Snacks vor dem Tablet! Weil! Das ist doch! Nicht gut!

Das führte natürlich zu Streit. Und dann dachte ich mir: Wozu der Stress? Long story short: vor dem Tablet gibt’s manchmal Kleinigkeiten zu essen. Ihr seht selbst, die Welt ist davon noch nicht untergegangen. Das Kind nimmt trotzdem noch an gemeinsamen Familienmahlzeiten teil und die Krümel vor dem Wohnzimmertisch frisst der Staubsauger.

Couchpotatoe-Tage

Die Kinderladenwoche ist anstrengend. Nachmittags wollen die Eltern auch oft nich unbedingt rausgehen, was unternehmen. Am Wochenende stehen Ausflüge an, Besuche, Veranstaltungen. Irgendwann braucht man doch einfach mal Ruhe, verdammt!

Und dann, gern am Wochenende, wenn endlich wirklich mal nicht so viel auf dem Plan steht, nimmt sich die Zweieinhalbjährige ihre verdiente Ruhe. Verweigert schon morgens direkt mal Kleidung, pflanzt sich auf die Couch das war’s dann. Rausgehen? Lol, nope.
Nun hat sie das Couchpotatoe-Gen ja nicht von ungefähr. Das hat sie von beiden Elternteilen mitbekommen und neben all den Abenteuern, die mein Mann und ich gern mit unserer Nachkommenschaft erleben möchten, stehen gemeinsame Fernseh-Gammel-Tage auch dick unterstrichen auf der Liste. Also schmeißen wir uns gelegentlich zum Kind auf die Couch, suchen einen Disney-Film bei Netflix raus (Note to Netflix: bitte Programm erweitern!) und leben den Traum. Da die Zweieinhalbjährige uns an solchen Tagen eh wütend wegbeißt, wenn wir „Kleidung“ oder „rausgehen“ nur erwähnen, scheint das die beste Lösung.

Schwierig sind solche Tage allerdings. Denn nach so einem Film ist das Kind schon etwas fertig. Etwas quengelig und ruhelos. Ohne Film ist sie das an solchen Tagen allerdings auch. Hm. Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Der ganze Stress der harten Arbeitswoche entlädt sich manchmal an solchen Tagen. Wir treten dann zurück und versuchen Wutanfällen zu auszuweichen. Fernsehen kommt uns da gelegen. Einfach mal nichts tun: nicht produktiv, kreativ, kommunikativ sein. Wir wollen das manchmal. Unser Kind auch.

Wie laufen solche Tage in Haushalten, in denen Fernsehkonsum fürs Kind nicht oder nur zeitlich sehr begrenzt erlaubt wird? Jetzt sagt nicht, andere Kinder haben nicht solche Tage!

Geschichten erzählen

Und immer noch und immer wieder und immer wieder. Wir erzählen nach, was wir geschaut haben. Bestimmte Geschichten sind Dauerbrenner, die erzähl ich inzwischen im Autopilotenmodus. Zum Einschlafen, unterwegs, beim Toilettengang, beim Anziehen. Wir lesen auch Bücher vor, aber die Erzählungen sind beliebter. Hörspiele kommen bisher eher nicht gut an. Rede ich mir halt den Mund fusselig.

Konfrontation

Sind bestimmte (die meisten!) Filme und Serien, die die Zweieinhalbjährige mit uns schaut nicht viel zu gruselig für ihr Alter? Ja und nein.

Wir haben das durchaus vorsichtig ausgetestet. Ja, die Zweieinhalbjährige gruselt sich manchmal. Wir halten sie ganz fest. Wir fragen sie, ob wir etwas anderes schauen sollen und wechseln in dem Fall natürlich das Programm. Meist sagt sie aber nein. Sie kuschelt mit uns und… dann genießt sie sowohl unsere Nähe als auch den Grusel!

Besonders die gruseligen Geschichten will sie immer wieder sehen und nacherzählt hören und bald findet sie sie nicht mehr gruselig. Das ist dann wieder schwierig, weil sie manchmal extra gruselige Geschichten gucken möchte…

Wenn sie so weiter macht, müssen wir ihr in zwei Jahren die Dark Knight-Trilogie und in vier Jahren die Saw-Reihe zeigen.

Videospiele

Es ist faszinierend, zu beobachten, wie ein Kleinkind lernt, ein Game zu bedienen. Viele Fähigkeiten (intellektuell wie motorisch) fehlen noch, um die Figur auf dem Bildschirm mit Hilfe des Sticks zu bewegen. Aber gelegentlich möchte die Zweieinhalbjährige es probieren und so wie sie einfach alles lernt, wird sie auch das umsetzen.

Inzwischen beherrscht sie die Steuerung des App-Spiels „Raupe Nimmersatt“ souverän, obwohl die teilweise etwas hakelig ist. Sie wischt über den Screen, um den Ort zu wechseln, bewegt Früchte durch Ziehen des Fingers und weiß, dass erst beide Balken oben im Bild grün sein müssen, bevor die Raupe wieder schlafen geht. Außerdem zieht sie Parallelen zwischen Spiel und Realität. Im Spiel müssen Erdbeerpflanzen gegossen werden und man muss einige Zeit warten bis daran Früchte wachsen. Wie in unserem Beet im Garten!

Produzieren und Konsumieren

Patricia Cammarata hat kürzlich angefangen, konzentriert über digitale Medien und Kinder zu bloggen, als Serie mit dem Titel „Let’s talk“ (Hashtag #medienmomente). Und jetzt liebe ich ihren Blog noch mehr.

Im ersten Post jedenfalls schafft sie es mal wieder, mir einen Denkanstoß zu verpassen:

„Um es kurz zu machen: Ich bin der Frage nachgegangen warum und wann genau ich mich mit exzessiven Medienkonsum meiner Kinder unwohl fühle. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mich v.a. mit den Dingen unwohl fühle, die über das reine Konsumieren nicht hinaus gehen. […] Bei allem, was näher am Produzieren und Erschaffen ist, verlässt mich das ungute Gefühl. Am wohlsten fühle ich mich dann, wenn ich denke, die Kinder lernen nebenher etwas und ihre Projekte werden sogar ausserhalb des Internets sichtbar.“

Ja, perfekt. Klar, finde ich Fernsehen als Mittel zur Entspannung auch gut, für mich selbst ebenso wie für mein Kind. Aber natürlich nicht als Ersatz für andere Beschäftigungen. Und digitale Medien bieten so viel mehr! Fotobücher gestalten, Videos schneiden, digitales Zeichnen, programmieren, bloggen, in Minecraft Welten bauen und und und.

Vielleicht noch nichts für Zweijährige…

Jaaa, was kann man da machen? Erstmal durchatmen. Ruhig, das Kind wird älter, wir haben Zeit, das kommt alles noch. Nein, Julia, du musst jetzt nicht krampfhaft programmieren lernen, um es dann deinem dreijährigen Kind beizubringen. Mit der Zeit werden da schon genug Gelegenheiten auftauchen und das Coder Dojo gibt es hoffentlich in acht Jahren immer noch.

Aber falls jemand Ideen hat, wie eine Zweieinhalbjährige produktiv mit digitalen Medien umgehen kann – immer her damit!

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Ein Kommentar zu „Medienkonsum mit zweieinhalb

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