Nackt

FKK? Super, kann meinen Badeanzug eh nicht finden!
T-Shirt-Wechsel? Klar, geht schnell, nee, du musst dich nicht extra umdrehen!
Hitzewelle? Zu Hause kann ich ja wenigstens ohne Klamotten rumlaufen.

Also, könnte ich. Also. Ich müsste nur… meine Kleidung ausziehen. Also, manchmal mach ich das. Wenn ich duschen gehe, bin ich immer nackt! Und danach dann auch! Bis ich mich anziehe. Bevor ich das Bad verlasse.

Die Angezogene

Ich lebe ja mit Nudisten zusammen. Dass die drei Haustiere nicht mehr als ihr eigenes Fell tragen, ist natürlich nicht allzu überraschend. Meine menschlichen Mitbewohner halten es aber ähnlich. Kleidung sehen sie nur als notwendiges Übel und ziehen die Freie Körperkultur bei entsprechend angenehmen Temperaturen vor.

Mein Mann fügt sich Zähne knirschend dem Textildiktat, wenn Besuch zu erwarten ist. Die Zweieinhalbjährige hat zu ihrem Glück noch Narrenfreiheit, auch wenn die Oma manchmal moniert, das Kind sei doch so kalt. Nein, das Kind ist wirklich eher exotherm und fühlt sich so am wohlsten.

Und ich? Ganz so heißblütig bin ich nicht und… Naja, es gibt schon viele gute Gründe  für  Kleidung, nicht wahr?

Ich stelle fest: ich bin zu Hause so gut wie nie nackt. Wirklich nur zum Duschen. Und beim Sex, da versuch ich drauf zu achten. Aber sonst nie. Aus Gründen.

Raubtiere

An 357 Tagen im Jahr ist mir wirklich nicht sooo warm, dass ich gern auf Stoff verzichten möchte, auch in der Wohnung. Außerdem wohnen wir parterre, immer ein bisschen auf Du-und-Du mit den Passanten. Ob die Nahrungszubereitung ohne Kleidung jetzt wirklich so viel unhygienischer ist, weiß ich nicht, aber es gibt so Stellen, an denen Fettspritzer aus der heißen Pfanne sehr unerwünscht sind. Alles gute Gründe.

Der ausschlaggebende ist aber wohl: Meine Nudisten sind Raubtiere.

Die lieben mich sicher auch meines zauberhaften Charakters wegen. Aber wenn sie meiner körperlichen Vorzüge ansichtig werden, kommen sie auf Ideen. Unterschiedliche Ideen, aber in beiden Fällen Ideen, derer ich mich dann irgendwie erwehren muss.
Wo die Zweieinhalbjährige an Nahrungsaufnahme denkt und diese dann vehement einfordert, hat der Vater ganz andere Pläne. Beides steht in dem Moment aber meist gerade nicht oben auf meiner To-Do-List und so ernten die Bittsteller jeweils ein Nein. Dann sind beide quengelig und ich wahrscheinlich auch und… Deshalb trag ich halt lieber mindestens T-Shirt und Slip!

Innerer Hippie

Warum schreib ich das hier auf? Es ist mir in den letzten (warmen = nackten) Tagen aufgefallen, dass ich hier zu Hause die Außenseiterin bin, was die Kleiderordnung angeht. Eigentlich fällt mir das jeden Sommer auf, dann gehen wir einmal FKK-Baden und mein innerer Hippie ist beruhigt. Nun haben wir aber seit zwei Jahren zufällig ein neues sommerliches Bade-Domizil – ein wunderschöner See, an dem allerdings Textilzwang herrscht. Mein innerer Hippie ließ sich bisher durch Barfußlaufen und Mendhi-Klebetattoos besänftigen.

Aber.

Ich habe nun ein Kind. Und damit einen pädagogischen Auftrag. Und ich meine:
Kinder sollten nackte Menschen sehen

Denn.

So entwickeln sie ein Verständnis und Gefühl für den menschlichen Körper. So lernen sie, Nacktheit nicht mit Scham, Unreinheit, Verbotenem zu assoziieren. So lernen sie, dass menschliche Körper sehr verschieden sind und ganz anders als die Bilder von menschlichen Körpern, die überall zu sehen sind.

Nun ist Nacktheit in unserer Gesellschaft auf wenige, sehr wenige Gelegenheiten reduziert. Wenn wir nicht FKKler sind, Saunagänger oder Pathologen, sehen wir doch eigentlich nie Menschen nackt, zu denen wir kein intimes Verhältnis haben. Ich persönlich empfinde das grundsätzlich nicht als spürbaren Verlust, allerdings nervt mich manchmal die damit verbundene Verkrampftheit. Wenn ich zum Beispiel nicht weiß, ob ich vor einer langjährigen Freundin mein T-Shirt wechseln kann oder nicht.
Über diesen kleinen Moment können wir Freundinnen Schulter zuckend hinweggehen.

Ein Kind nimmt solch eine Situation aber vielleicht viel komplexer war. Diese Verkrampftheit bedeutet vielleicht, dass der Körper nicht gesehen werden soll. Warum nicht? Ist da ein Gefühl von Scham? Warum? Ist der Körper hässlich? Ist mein Körper hässlich?

Viele solcher Momente häufen sich in der Erfahrung unserer Kinder.

Nein, du darfst deine Hose hier nicht ausziehen! Zieh dir bitte etwas an! Natürlich kannst du nicht nackt rausgehen! Lass meinen Rock los, sonst rutscht der runter! Nein, Mama kann nicht ohne BH zur Arbeit!

Die ständige Angst, zuviel zu zeigen, sich die Blöße zu geben. Was ist das für eine Botschaft an unsere Kinder?

Und dann ist da noch…

Der Pornofaktor

In Modemagazinen sehen ja schon alle gleich aus, aber in Pornos kann man den schlanken hübschen Menschen dann auch noch zwischen die Beine gucken. Und auch dort herrscht eine Gleichförmigkeit, die in der Natur so nicht vorhanden ist. Wenn das aber fast die einzige Gelegenheit ist, anderer Leute Genitalien zu sehen, entsteht schnell ein verzerrtes Bild vom eigenen Körper und eine falsche Erwartung gegenüber den Mitmenschen.

Allgemein mehr Nacktheit – realistische, natürliche Nacktheit – wäre recht gesund für unsere Gesellschaft, meine ich!

Entdeckungen

Die Zweieinhalbjährige ist ja nun noch so einige Jahre von der Entdeckung des Porno entfernt. Entdeckungen allerdings macht sie natürlich.

Zwar laufe ich (leider) nie nackt durch die Wohnung, aber beim Toilettengang stelle ich mich schon der jungen Wissenschaftlerin zur Verfügung. Im Kinderladen halten es die Kinder ähnlich und das Personal geht damit zu meiner Freude sehr achtsam um. So konnte mir die Zweijährige jüngst berichten, dass dort zwei Kinder einen Penis haben. Ich bin zwar skeptisch in Bezug auf 50% der Forschungsergebnisse, warte aber weitere Beobachtungen ab.

Ich hoffe…

… mit der Zeit kann ich noch mehr von meiner Gehemmtheit ablegen – wenn ich das Kind nicht mehr stille zum Beispiel – und so meiner Tochter einen positiven, freien Umgang mit ihrem Körper vermitteln. Zumindest in den paar Jahren bis sie selbst in die Lebensphase eintritt, in der sie ihre Eltern überhaupt möglichst selten und auf gar keinen Fall leicht oder unbekleidet sehen will.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: