Gemeinsames Leben, getrennte Konten

Das Nuf (Patricia Cammarata) warf letztens einen Zankapfel in die Menge – äh, twitterte  Folgendes:

Ein Vater der nie oder nur ausnahmsweise Kinderkrankentage übernimmt, teilt sich Elternschaft nicht gleichberechtigt.

Wie sie selbst daraufhin feststellte, lässt sich über diese Aussage natürlich reichlich diskutieren und auch ich fragte mich: Unzulässige Verallgemeinerung oder rein rechnerisch einfach wahr? Ich tendierte ja erst zu ersterem, fragte mich dann aber unter welchen Bedingungen sich das ausgleichen lässt. Vielleicht nimmt der Mann sich nicht die Kinderkrankentage, doch investiert dafür an anderer Stelle mehr Zeit als die Frau…? Aber wann wie wo soll das sein?

Dann denke ich an diesen Text von Jochen König, in dem er von einer enorm anstrengenden Woche mit kranken Kindern schreibt. Diese Woche hat er allein überstanden, sie war ätzend und doch gab es schöne Momente. Wenn der Partner aus Patricia Cammaratas These nach der Arbeit nach Hause kommt, kann er der müden Frau vielleicht noch kurz etwas Freiraum verschaffen, nachdem sie den ganzen Tag mit Fieber, Kotze, Heulen oder sonstwas zugebracht hat. Jedoch bekommt er einfach nicht die ganze Ladung, den ganzen ätzenden Tag mit den wenigen Glanzmomenten, in denen sich das kranke Kind liebevoll ankuschelt.

Patricia differenzierte und erläuterte ihre Aussage schließlich hier. Sie ist da mit Jochen König sicher ganz auf einer Wellenlänge, denn sie schreibt:

„Zum Elternsein gehört für mich Kinderalltag. Füttern, Windel wechseln, zum Kinderarzt gehen, vorlesen, basteln, zu Kinderfesten gehen, am Krankenbett wachen, fünf Mal pro Nacht aufwachen, nochmal fünf Mal pro Nacht aufwachen, und nochmal […]“

Ansonsten geht sie in ihrem Text aber – und ich finde so ergänzen sich beide Texte wunderbar – hauptsächlich auf die finanzielle und berufliche (Un)Gleichberechtigung ein.

Ich stimme ihr zu. Und frage mich immer wieder: Eeeecht? Warum?!

Ich versteh eine bestimmte Lebensweise nicht und finde sie für ein gutes Zusammenleben hinderlich. Und darauf möchte ich im Folgenden eingehen.

Gemeinsames Leben, getrennte Konten

Ich seh es im Bekanntenkreis immer wieder und verstehe es nicht: gemeinsam leben, oft Jahre lang, aber getrennt bezahlen. Bei Paaren mit Kindern finde ich es vollends absurd, aber auch bei Kinderlosen wundert es mich schon.

Natürlich ist es sinnvoll, sich finanzielle Unabhängigkeit zu bewahren, ja, auch nach mehreren Jahren Beziehung. Doch lebt man zusammen, teilt sich einen Kühlschrank, einen Fernseher und ein Bett, dann wird das getrennte Wirtschaften etwas kompliziert. Was es schwierig macht, sind Unterschiede im Gehalt und im Umgang mit Geld. In den meisten Fällen haben die Beteiligten wohl genau gleich viel monatliches Guthaben und dann stellt sich die Frage nach gerechter Beteiligung an den Lebenshaltungskosten. Zahlen beide monatlich denselben Betrag in die Haushaltskasse? (Ungünstiger für die/den mit geringerem Einkommen) Zahlt jede/r den denselben Prozentsatz? (Ungünstiger für die/den mit höherem Einkommen) Was ist gerecht? Was ist mit Urlaub, mit teureren Anschaffungen? Ein Kind macht diese Rechnung um ein Vielfaches komplizierter!

So berechnend ich dieses getrennte Wirtschaften empfinde, so überrascht bin ich, wenn ich im Bekanntenkreis feststelle, dass damit ganz chaotisch umgegangen wird. Da gibt es dann nämlich oft (selbst nach Jahren!) keine klare Regelung. Stattdessen bezahlt mal Person A den Einkauf, und mal Person B. Dann ist A leider im Laufe des Monats pleite und leiht sich tatsächlich bei B Geld für den Haushaltseinkauf. Die finanzschwächere Person kauft vielleicht sparsamer ein, die/der andere ärgert sich dann, weil die teure Lieblingsschokocreme fehlt. Die/der Besserverdienende hat ständig das Gefühl, doch den Großteil des Haushalts zu finanzieren, die/der Partner/in fühlt sich ausgehalten und hat ein schlechtes Gewissen. Für sich selbst etwas zu kaufen, wird für beide zur Gratwanderung.

Streit und Schuldgefühle belasten die Beziehung – und beeinflussen langfristig…
Lebensentscheidungen

Wenn nämlich zum Beispiel A jahrelang studiert und B eine lukrative Festanstellung hat. Um überhaupt etwas zum Haushalt beitragen zu können, ackert A in Nebenjobs, was neben dem Studium nicht gerade entspannt funktioniert. Diese sauer verdienten Kröten sind aber nur Peanuts und so bezahlt B dann doch den Urlaub, das Auto und schließlich die Hochzeit. B macht das gern, denn sie wünscht sich eben einen schönen Urlaub, ein komfortables Auto und eine tolle Hochzeit. Und sie wünscht sich, dass A endlich mit dem Studium fertig wird und dann selbst gut verdient. As Schuldgefühle sind so groß, dass sie sich furchtbar unter Druck setzt. Und sämtliche Ideen verwirft, das Studium abzubrechen und von vorn anzufangen. Ideen, sich eine erfüllende Arbeit zu suchen, die eben nicht viel Geld bringt. Nein, inzwischen schuldet sie es der Partnerin, schnell in gut bezahlte Lohnarbeit zu kommen. Vielleicht mag sie den gut bezahlten Job nicht, vielleicht hasst sie ihn. Aber er bringt Geld und sie muss doch endlich auch etwa beitragen und sie wollen doch endlich in eine schönere Wohnung ziehen.

So oder so ähnlich lief es wohl bei einem mir bekannten Paar. So oder so ähnlich läuft es wohl bei einigen Leuten.

Bei uns nicht.

Freie Berufswahl

In einem Job zu schuften, den man hasst, einfach weil man das Geld braucht oder will – das kann man machen. Ja, viele viele Leute müssen das machen. Und viele Leute glauben, es zu müssen. Wenn allerdings nicht wirklich wirklich die Umstände einen in solch eine Situation zwingen, dann sollte eine Entscheidung dafür zuallererst von der/dem Betreffenden gefällt werden. Ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber der/dem Partner/in finde ich ein miserables Argument. Vor allem langfristig.

Ich würde meinen Mann nicht zu einer Arbeit zwingen (bzw. überreden), die er furchtbar findet, um damit mehr Geld in die Haushaltskasse zu bekommen. Und umgekehrt würde er das auch nicht.

Vielleicht kann ich meine Sicht auf diese Dinge am ehesten als „ganzheitlich“ bezeichnen: Ein Arbeitsverhältnis wirkt sich auf die gesamte Partnerschaft aus. Der Lohn, die psychische und physische Belastung, Erfolge und Misserfolge, Arbeitszeiten. Es ist mir ganz und gar nicht egal, welche Arbeit mein Partner ausübt, denn ich möchte ihn oft genug sehen, wissen, dass er nicht in Gefahr ist und dass er nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre berufsbedingt zum Invaliden oder Fall für die Psychiatrie wird. (Gibt ja so Jobs…) Ich möchte außerdem, dass er annähernd zufrieden mit seinem Job ist. Mir ist ganz und gar nicht mit einem vollen Konto gedient, wenn mein Mann dafür an Depressionen oder Burn-out erkrankt. Die gleiche Einstellung hat mein Mann.
Mir scheint, gemeinsames Wirtschaften kommt dieser Herangehensweise entgegen.

Unser jeweiliges Einkommen ist fast seit Anfang unserer Beziehung in einen Topf gewandert. Wenn jemand mal mehr bekommen hat, haben wir beide profitiert. Wenn jemand einen Job verloren hat, haben wir beide Verlust gemacht. Wenn mein Mann viel gearbeitet und damit mehr Geld eingebracht hat, habe ich Mehr im Haushalt erledigt. Und umgekehrt.

Der Bogen zum Anfang

Wer bleibt denn nun bei den kranken Kindern?

Aber nein, um die Frage geht es in Patricia Cammaratas Text nicht hauptsächlich. Es geht darum, das Frauen aus Prinzip beruflich zurückstecken und zum Dank in Altersarmut enden bzw. vorher schon in finanzieller Abhängigkeit.

Wenn Paare es schaffen, sich als Familie zu betrachten, einen ganzheitlichen langfristigen Blick zu bekommen, können sie sich auch über die Gegenwart hinaus unterstützen und absichern. Niemand sollte zur Arbeit gezwungen werden, aber es sollte auch niemandem die Möglichkeit zu arbeiten, verweigert werden.

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Ein Kommentar zu „Gemeinsames Leben, getrennte Konten

Gib deinen ab

  1. Wir haben getrennte Konten, dennoch gehen wir völlig freilassend um mit der jeweiligen Arbeit des anderen oder ein und ausgaben. Wer hat der gibt, sowohl Kräfte als auch Geld mäßig. Natürlich gibt es auch mal streit, vor allem wenn beide das Gefühl Haben nichts mehr zum geben zu haben. Aber da rappelt man dich durch. Das gibt es ja auch bei gemeinsamen Konten. Wir sind ne Patchwork Familie. Das macht das ganze noch mal anders schwierig. Jeder gibt den Part, den kann oder will oder für wünschenswert hält. Geht es uns gut, lässt jeder den anderen und unterstützt wo er kann und wo es der andere wünscht. Sonst krakele wir uns an, bis wir wieder zu Sinnen kommen 😉 wichtiger als das äußere ist, wie ich finde, den anderen den anderen sein zu lassen, nichts zu erwarten, zu fordern. So in die Richtung gedacht ! Aber ich finde es sehr wichtig all das von dir angesprochene zu durchdenken und für sich zu fassen.

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