Wellen machen

Was Elternblogs an Bedeutung haben, ob sie politisch sind, sein sollen oder können – die Frage durchspült gerade meine Filterblase und trat für mich mit der Blogfamilia deutlich an die Oberfläche. Wie in meinem Bericht erwähnt, ging es sowohl im Keynote-Vortrag von Nora Imlau als auch in einem Workshop, den ich besuchte, darum, was Elternblogs bewegen können – oder eben nicht.

Die Rolle von Elternblogs

Nora Imlaus Vortrag „Über den Einfluss von Elternblogs auf eine Generation Elternschaft“ zu Beginn der Blogfamilia war eine wunderbare Einstimmung auf die Veranstaltung. Sie spannte den Bogen von ihrer Großmutter und der Frage, wie diese damals Informationen zur Elternschaft bekommen hatte, über einen kurzen Blick in die USA, wo Elternblogs helfen beim „redefining of motherhood“, bis hin zum Spiderman-Zitat: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung.“ Wir alle schüttelten uns als wir hörten, dass zu Zeiten der Großmutter eben gar nicht über Schwangerschaft und Elternschaft gesprochen wurde und nur ein einziges Buch zur Lektüre bereit stand: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ Dafür durften wir dann stolz die Brust schwellen lassen, als Nora einen Arzt aus der Geburtshilfe zitierte mit: „Die Blogger machen meine Eltern rebellisch.“

Wellen

Der Workshop „Déformation Professionelle“ mit Kontantin Mantey (https://www.grossekoepfe.de/) und Nina Jaros (https://fraupapa.wordpress.com/),sowie Indre Zetsche (http://m-i-ma.de/) als Moderatorin konnte dann gleich an Noras Vortrag anknüpfen: Fungieren Elternblogs als eine Art Familienlobby? (Konstantin: „Ich bin Hobbyist, kein Lobbyist.“) Sind Blogs fähig, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Brauchen sie dafür eine Art von übergeordneter Interessenvertretung oder eher vorpreschende Pioniere?

Nina wieß auf mangelnde Synergien hin und beklagte Wellen, die verebben.
Da hatte ich den Drang, in die Fishbowl-Diskussion einzuspringen und ein bisschen naiven Idealismus zu streuen und das möchte ich hier noch mal grob (und vielleicht etwas ergänzt) wiedergeben:

Ja, die Wellen im Internet verebben, so schnell wie sie gekommen sind. Eine nach der anderen. Aber viele Wellen formen die Küste.

Wir sind Teil eines Prozesses, sitzen mittendrin und können ihn darum nicht von außen betrachten. In zehn, zwanzig, dreißig Jahren aber werden die Menschen zurückblicken und über die Veränderungen sprechen, die durch die Elternblog-Bewegung zustande gekommen sind.

Nicht jede Social-Media-Welle, nicht jeder tausendfach gelesene Blogpost resultiert in einer Gesetzesänderung zugunsten von Familien. Regenbogenfamilien werden nicht in zwei oder fünf Jahren umfassende gesellschaftliche Anerkennung erlangen. Aber Blogs tragen dazu bei, dass das vielleicht in zehn Jahren der Fall ist.

Und noch etwas wichtiges, auf das mich Rike von http://nieselpriem.de nach dem Workshop brachte: wenn wir nur eine/n Leser/in erreichen, hat es sich doch gelohnt!

Welle

Und dazu jetzt noch meine ganz persönliche Geschichte…

Nischt wusste ich, gar nischt!

Als mein Mann und ich in die Reproduktion gingen, gab es in unserem Umfeld keine kleinen Kinder oder Babys. Er hatte zumindest mit seinen kleinen Brüdern früher schon etwas Erfahrung im Umgang mit kleinen Menschen sammeln können, aber das lag Jahre zurück. Ich war ein unbeschriebenes Blatt mit diffusen Ideen, großer Angst vor der Schwangerschaft und noch viel größerer Angst vor der Geburt.

Und Fragen. Plötzlich tauchten Fragen auf. Das ging gleich am Anfang los. Positiver Schwangerschaftstest – und dann? Wann geh ich zur Gynäkologin? Wann sich ich mir eine Hebamme? Und was passiert dann? Wen sollte ich fragen? Google natürlich.
Stück für Stück, die richtigen Suchbegriffe sammelnd, arbeitete ich mich durch das Internet und entdeckte die Szene. Die Elternblog-Szene. Ich las mich durch Blogs und lernte und erfuhr, dass vieles, was mir so ganz nebelhaft im Kopf rumgeschwirrt war… revisionsbedürftig war. Ich hatte gedacht…

Eine Geburt findet immer im Krankenhaus statt. Die Frau liegt dabei auf dem Rücken und schreit ununterbrochen.
Zur Geburt gehören Spritzen und Zugänge und Schmerzmittel.
Nach der Geburt kann die Mutter nach ein, zwei, aber bitte maximal drei Tagen wieder ganz normal in den Alltag starten.
Eine Fehlgeburt muss immer mit einem medizinischen Eingriff beendet werden. Hebammen spielen dafür keine Rolle.
Babys schlafen in ihrem eigenen kleinen Bett, in ihrem eigenen Zimmer. Immer. Über dem Bett kann ein selbst gebasteltes Moblié hängen.
Das sechsmonatige Baby übergebe ich für einen Tag und einen Abend einer Freundin, um auf einer Hochzeit zu tanzen.
Babys werden gestillt bis sie Zähne bekommen, denn dann können sie ja feste Nahrung essen. Das ist so etwa mit einem Jahr.
In der Erziehung sind Konsequenz und Liebe die Schlüsselworte. Schließlich hatten wir ja schon einen Hund.

Ja. Jetzt sind wir alle froh, dass ich mich während der Schwangerschaft durch die Blogs gelesen habe, ne? Viele viele Artikel haben mich „erreicht“ und mein Bild vom Elternsein radikal verändert. Und das geht so weiter. Ok, jetzt gibt es noch einen Menschen, der mein Bild vom Elternsein ständig umwirft und neu formt – einen gerade zweieinhalbjährigen Menschen. Aber die Blogs helfen mir immer noch. Mein eigenes eingeschlossen.

Sendungsbewusstsein

Und so schicke ich dieses, mein eigenes Blog in die Welt und hoffe, mit jedem Artikel auf die ein oder andere Weise jemanden zu erreichen. Und wenn die Reaktion nur ein leichtes Lächeln oder Kopfschütteln ist.

Heute möchte ich euch erreichen, liebe ElternbloggerInnen.

Ihr formt die Welt mit Worten. Einige von euch haben meine Welt geformt und nun forme ich selbst: mit meinem Blog, ja, aber selbst, wenn ich das nicht hätte, so hab ich doch eine Familie. Und einiges würde anders laufen, wenn es euch nicht gäbe.
Also macht weiter. Macht Wellen, kleine, große. Lasst uns die Küste formen!

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