Erklären, kommunizieren, erzählen, verbalisieren

Erklären



Anfangs kam ich mir komisch vor. „Ich, äh, ziehe dir jetzt den Body über den Kopf und dann die Windel aus. Oder so.“ Es hieß doch auf den Blogs, die ich während der Schwangerschaft frequentiert hatte, man solle mit dem Baby reden. Ihm erklären, was man jetzt so macht. Bei dem kleinen Neugeborenen erschien mir das zunächst seltsam. Dieses Wesen war so… unbewusst. Und irgendwann entschied es ohnehin, Wickeln und Waschen ätzend zu finden und dann war es vor allem laut. Dann wollte ich die leidigen Wartungsarbeiten lieber schnell erledigen und hatte wenig Verlangen, gegen das Geschrei anzureden. Natürlich bemühte ich mich hier und da um beschwichtigendes Verhalten – Faxen, Gesang und eben auch mal Reden -, aber so wirklich liebevolle, achtsame, respektvolle Erklärungen brachte ich wohl nicht zustande.
Mit der Zeit änderte sich das. Wann weiß ich nicht mehr. Das Baby fing ja selbst an, zu kommunizieren. Heute kommt es meinem Mann und mir vor, als habe unsere Tochter von Anfang an, mindestens aber doch mit wenigen Monaten, mit uns kommuniziert. Hat sie uns nicht schon immer deutlich gemacht, was sie möchte und was nicht? Zum Thema Ablegen zum Beispiel war ihre Haltung vom ersten Tag an deutlich. Ein klares Nein. Ok…
„Nein“ war auch das erste konkrete Wort, das sie mit Bedeutung und Absicht einwandfrei beherrschte.
Aber ich schweife ab. Unser Baby kommunizierte: es verstand uns und wir es. Also fiel es uns leicht, mit ihr zu sprechen. Wir erklärten ihr, was wir mit ihr taten, wohin wir gingen, was als nächstes passieren würde. Und wir fragten sie: möchtest du dieses oder jenes Ding haben? Möchtest du das hier essen?
Es gibt Leute, die behaupten, unser Kind habe deshalb so schnell sprechen gelernt, weil wir immer so viel mit ihm geredet haben. Ich glaube das nicht unbedingt…
Kommunikation 



Ich glaube jedoch, dass unsere Kommunikation die Zweieinhalbjährige gestärkt hat. Ihr Vertrauen zu uns ist gewachsen, weil wir ehrlich mit ihr sprechen. Ihr Vertrauen in sich selbst wächst, weil sie erfährt, dass ihre Botschaften ernst genommen werden. Sie wird nach ihrer Meinung gefragt und nach dieser richten wir uns dann. Wir hören uns gegenseitig zu. Wenn sie sich weh tut, fasse ich mit Worten zusammen, was ihr gerade passiert ist und liefere ihr dadurch einen Rahmen für ihre Gefühle. Wir erzählen uns Geschichten und darauf möchte ich jetzt noch mehr eingehen…
Die erste Geschichte


„Eines Tages liefen ein paar Fußballfans vor unserem Fenster vorbei. Die waren riefen sehr laut und machten viel Lärm. Du hattest deshalb Angst. Aber ich habe dir erklärt, dass die Fußballfans eigentlich nichts schlimmes machen. Die haben einfach nur Spaß daran, laut zu sein. Du bist ja auch manchmal gern laut, nicht wahr?“
Das war die erste Geschichte, die ich meiner Tochter erzählt habe. Sie basiert offensichtlich auf wahren Begebenheit und ist nichts anderes als die Verbalisierung eines Geschehens. Meine Tochter weinte nämlich vor Angst ob der Lärms draußen auf der Straße. Ich tröstete sie und erklärte ihr die Lage. Ich schlug ihr vor, gemeinsam mit mir aus dem Fenster zu sehen. Sie versteckte sich dabei auf meinem Arm, wollte kaum rausschauen. Auf eine Eingebung hin, schlug ich ihr vor, ihrem Kuscheltier zu erzählen, was passierte. Und ihrem Vater. Und unserem Hund. Sie wollte, dass die Geschichte dann auch dem Kuscheltier erzählt wird. 

Immer wieder wiederholte ich meine Erklärung, immer wieder sollte ich sie auch wiederholen. Das Kind wurde immer ruhiger und konnte schließlich auch aus dem Fenster schauen. In der darauf folgenden Zeit sollte ich wiederholt die Geschichte mit den Fußballfans erzählen. Auch sie erzählte der Oma oder anderen Leuten von den Fußballfans.
Für meine Tochter und mich ist das eine sehr wichtige Geschichte, denn wir haben in dieser Situation beide eine Technik in die Hände bekommen, die uns erlaubt, Situationen und Gefühle zu verarbeiten. Gemeinsam.

Nacherzählen

Diese Technik nutzen wir immer wieder erfolgreich. Manchmal begegnet die Zweieinhalbjährige zum Beispiel beim „Fernsehen“ Dingen, die sie gruselig findet. Wir erklären ihr dann das Gesehene. Im Nachhinein will sie gerade solche Geschichten nacherzählt hören. Immer wieder. Die Angst verschwindet und gerade diese Geschichten zählen dann zu ihren Lieblingen. (Überhaupt erzählen wir hier täglich mehrfach ganze Folgen von „My Little Pony“ nach!)

Verbalisieren

Letztens habe ich es wieder getan. Geschehenes zusammengefasst und Gefühle gespiegelt.
Eine (nicht allzu vertraute) Bekannte hatte der Zweieinhalbjährigen den Kopf gestreichelt. Ohne zu fragen. Das Kind hatte schon beim Anflug der Hand von oben versucht, den Kopf wegzuziehen, aber erfolglos.
„Soll ich deine Haare nicht anfassen?“ „Nein!“
Auch dieses Signal wurde missachtet. Die Frau fing schließlich sogar an, die Zweieinhalbjährige zu kitzeln. Die konnte, zum Lachen gezwungen, weder fliehen, noch sich beschweren. (Darüber, was ich tat und warum, schreibe ich vielleicht einen gesonderten Artikel.) Schließlich fing die Zweieinhalbjährige an, leicht nach der kitzelnden Hand zu schlagen. Da war die Frau natürlich etwas beleidigt und rief: „Nicht hauen! Du musst doch nur sagen, dass ich aufhören soll.“
(Die meisten meiner LeserInnen haben zu dieser Szene sicher die selben Gedanken wie ich, weshalb ich sie hier gar nicht weiter kommentiere.)
Die Situation löste sich auf, das Kind und ich beschäftigten uns kurz mit etwas anderem. Doch ein zwei Minuten später, hatte ich ein weinendes Kind am Bein, das mir erklärte, es müsse jetzt stillen. „Warum denn? Was ist denn passiert?“, fragte ich. „Weil K meine Haare angefasst hat.“
Oh. Das wollte ich genauer klären. Ich beruhigte sie und versprach, dass wir gleich stillen, natürlich. Aber erst sprach ich noch ein wenig mit ihr über den Vorfall.
„Sie hat deine Haare angefasst und das wolltest du nicht.“
„Ja.“
„Und deshalb bist du jetzt traurig.“
„Ja.“
„Dann gehen wir jetzt nochmal zu K und sagen ihr das. Wir erklären ihr, dass du nicht wolltest, dass sie deine Haare anfasst. Dann weiß sie das und macht das in Zukunft nicht nochmal.“
Auf meinem Arm in Sicherheit war die Zweieinhalbjährige dazu bereit und so gingen wir zu K. Die schaute mich wirklich mit großen Augen an, als ich ihr erklärte: „K, [die Zweieinhalbjährige] möchte nicht, dass du ihre Haare anfasst. Das sollten wir jetzt nochmal mit dir klären.“ K nickte also und war vielleicht ein bisschen erschüttert. Die Tränenspuren auf dem Gesicht des Kindes konnte sie ja sehen.
Kind und ich setzten uns zum Stillem auf eine Bank und die Welt war wieder in Ordnung.

Und möge es immer so bleiben!

reden2
(C) Julia Freier, 2017

Ich bin so dankbar für dieses Handwerkszeug und wünsche mir, dass es uns immer zur Verfügung steht. Ich nehme mir das natürlich vor, besonders in Hinblick auf die oft komplizierte Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Teenageralter – gerade in Erinnerung auf meine eigene Vergangenheit. Ob es meiner Tochter und mir gelingen wird, auch in den nächsten zehn, zwanzig Jahren so offen und respektvoll miteinander zu sprechen, weiß ich natürlich nicht. Aber unsere derzeitige Gesprächskultur ist eine gute Basis und ich hoffe, wir können noch viel voneinander und miteinander lernen. 

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