Wohin mit den Jugendlichen?

Rückblick

Viel rumgetrieben habe ich mich als Teenager, glaube ich, nicht. Eher so in Büchern, am Zeichentisch oder vorm Fernseher. Aber gelegentlich gelang es mir, mal mit den coolen Kids unterwegs zu sein. Also mit der Clique. Die waren so Zecken und oder Punks oder so. Manche vielleicht eher im Geiste als nach außen… Naja, wir lebten in Berlin-Marzahn, das sagt eigentlich alles. Wir waren zwischen vier und acht Mädchen, wenn wir unterwegs waren. Und unterwegs ist man ja meistens, wenn man jugendlich ist.

Meine Mutter stöhnte schon passiv-aggressiv, wenn ich nur eine Freundin mit nach Hause bringen wollte. Andere Eltern waren da lockerer, brachen aber auch nicht in Jubel aus, wenn die Tochter drei bis sieben Gäste nach der Schule anschleppen wollte. Und überhaupt. Wie laut kann man die Musik schon drehen, wenn man nachmittags in einer kleinen Marzahner Drei-Raum-Wohnung sitzt? Also raus.

Wir trieben uns in Marzahn rum. Was für ein trostloses Pflaster. In meiner Erinnerung ist der Himmel grundsätzlich grau und die Bäume kahl.

Wir hockten auf Bänken zwischen Plattenbauten oder versteckten uns im Häuschen eines Spielplatzes. Teenager müssen sich meistens verstecken, weil sie dazu neigen, Verbotenes zu tun.

Ein großartiges Versteckfanden wir im den Plattenbauten selbst – im Treppenhaus. Eine ganze Geburtstagsparty feierten wir dort, auf den Treppen sitzend.

Wir trafen uns im Biesdorfer Schlosspark und hockten im Winter in der Dunkelheit auf dem Boden eines Pavillons. Ich kaufte Friedhofslichter, die Licht und Wärme spendeten.

Wir fuhren durch die ganze Stadt und saßen am Ku’damm mit den Alt-Punkern zusammen.

Wir liefen umher. Wir fuhren S-Bahn. Ich schaute immer wieder auf die Uhr, musste ich doch früh zu Hause sein.
Heute

An diese Zeiten denke ich immer, wenn ich heute umherschweifende Jugendliche sehe. Gackernd, pöbelnd oder sonstwie lärmend und gern begleitet von lautstarker Musik,
die für mich verdächtig nach Techno klingt (ist sowas immer noch aktuell?), schlurfen sie von A nach B. Oder eben auch nicht. Wohin laufen sie denn? Zum nächsten Park, Treppenhaus, Ku’damm?

Geist_klein
(C) Julia Freier, 2012

Kein Platz

Es gibt so wenig Orte, an denen Menschen zwischen 12 und 20 ihre Freizeit ungestört/sinnvoll/entspannt/legal verbringen können. Zu Hause passt es, wie oben erwähnt, meistens schlecht. Und man will ja auch raus, nicht? Eben nicht mit der Familie zusammen sein.

Jugendclubs sind wirklich der einzige brauchbare Ort, der mir einfällt. Und davon gibt es zu wenige und die stehen grundsätzlich kurz vor dem finanziellen bzw. politischen Untergang. Manchmal können sie es auch einfach nicht leisten, den Bedürfnissen der Kids entgegen zu kommen. Ein Jugendclub bei uns in der Gegend schließt immer schon 18 Uhr, das finde ich für Jugendliche ziemlich früh.

Und so sehe ich sie immer, die jungen Leute: im Einkaufszentrum mitten im Weg, auf irgendwelchen Treppen sitzend, unter eine Brücke, auf einem Spielplatz ihre Kippen im Sand fallen lassend oder eben in Bewegung. Nomaden der Pubertät.

Warum sie einen Platz brauchen

Dabei brauchen sie Orte der Zuflucht. Sie brauchen eine Basis Abenteuer des Heranwachsens, Lektionen des Lebens, Selbsterfahrung zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht. Musik, laute Musik, Lachen und Streiten, Wände bemalen gehören ebenso dazu wie Experimente mit berauschenden Substanzen.

Davor kann man die Augen verschließen – oder man erinnert sich an die eigene Jugend.
Peace!

Natürlich ärgere ich mich über die Zigarettenstummel und den Cannabisgeruch auf dem Spielplatz, ebenso über die furchtbar schlechten Graffitis an Hauswänden. Sehe ich aber eine kleine Gruppe Halbstarker mit lauter Musik und dem halb provokanten, halb unsicheren Gehabe, das nur die Pubertät mit auch bringt, dann bin ich weniger genervt und eher sentimental. Ich versuche das auch meinen Mann, der sofort mit dem imaginären Krückstock fuchtelt, daran zu erinnern, wie das bei ihm war. (Und ich weiß, wie das bei ihm war, oh ja!) Und ich erinnere ihn daran, dass in zehn Jahren unser Kind zu diesen komisch gekleideten, mal sehr lauten, mal mürrisch schweigenden Menschen gehören wird. Ich möchte sie dann nicht ständig dazu drängen, nomadisch umherzustreifen.

Wir brauchen Toleranz, Respekt und Platz in unserer Gesellschaft. Für Alte, für Eltern, für Kinder – und eben auch für die dazwischen.

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Ein Kommentar zu „Wohin mit den Jugendlichen?

Gib deinen ab

  1. Ha! Ich habe mit den MBPs, den marzahner bierpunks rumgehangen 😉 aber das ist echt ne Weile her! Ich bin auch durch die Stadt gezogen, manchmal in einer Nacht von friedrichsfelde bis zum hackeschen Markt. Jugendclubs haben wir gemieden. Nun ist meine größte in dem Alter, dass sie durch die Gegend zieht. Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht um dieses nomadensein geht?!? Stimme dir aber voll zu, in dem was du beschreibst. Es müsste wohl ein Ort sein, den sie selber schaffen, nicht die Erwachsenen aber wer sind schon sie? Wie will man die ganzen Cliquen zusammenbringen, dass es nicht nur deswegen uncool ist, weil es die eine Gruppe und nicht die eigenen macht. Spannendes Thema!

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