Aufzucht eines Nerds

Sexuelle Ausrichtung, Beruf oder kein Beruf, Sportskanone, Mathe-Genie, Mathe-Niete, Haarfarbe, Tattoos oder keine Tattoos – meine Tochter darf sich entwickeln wie sie möchte und ich möchte sie unterstützen in ihren Zielen, ihrem Scheitern und ihren Hobbys.

So, das gesagt, bleibt nur noch: aber ein Nerd muss sie schon werden!

Gemeinsam Videospiele zocken, Anime schauen, auf Conventions gehen. Nie die Frage, was schenke ich dem Kind zu Weihnachten – einfach irgendwas im Elbenwald-Katalog bestellen. Kostüme! Familienkostüme! Was sag ich? Cosplays! Die ADDAMS FAMILY cosplayen!!!

Ähem. Wo war ich. Wir haben doch alle so Vorstellungen von Dingen, die wir mit unseren Kindern machen wollen. (Haben wir doch, oder?!) Leidenschaften, die wir gern weitergeben wollen. Kritisch betrachtet, ist das natürlich naiv, da brauchen wir nur auf unser eigenes Verhältnis zu unseren Eltern zu schauen. Weder mag ich es,  Baustellen zu besuchen und deren Fortschritt fotografisch zu dokumentieren, noch habe ich ein gesteigertes Interesse an Lohnbuchhaltung. Allerdings sind das nun auch wirklich keine sonderlich spannenden Beschäftigungen, wohingegen die Dinge, die meinen Mann und mich begeistern, unfassbar cool sind. Außerdem haben meine Eltern es einfach nicht vermocht, mir ihre Themen nahe zu bringen. Frühestmögliche Indoktrination ist hier das Zauberwort.

Hier etwas Inspiration für die Gestaltung des Babyzimmers, um das Kind von Anfang an auf den Weg zum richtigen Fandom zu schicken. Und das ist natürlich erst der Anfang, der erste Schritt – ok, der zweite, denn in der Schwangerschaft wurde das Ungeborene sicher bereits mit dem Star-Wars-Soundtrack beschallt.

Dann geht’s weiter mit dem ersten Pikachu-Stofftier und der Frage, ob so ein Kleinkind wohl eher die Handhabung einer Wii-Fernbedienung oder doch die eines Playstation-4-Controllers erlernt. (Die Zweijährige hat leider bisher keines von beidem gemeistert, wird aber immer besser in der Bedienung des Tablets. Hm, Casual Games, naja.) Merchandise für Babys und Kleinkinder gibt es ja zum Glück reichlich und so können die Kleinen lange bevor sie laufen, sprechen und Herr-der-Ringe-Marathons aussitzen können, bereits die Insignien ihres Fandoms zur Schau tragen. Kinder lernen ja schnell und erkennen die Lieblingsfiguren ihrer Eltern dann auch einwandfrei und so erfreute die Zweijährige schon häufiger unsere Elternherzen durch ein lautes Ausrufen in der Fußgängerzone, wenn sie „Pikachuuu!“ entdeckt hatte. Die betroffenen Zwölfjährigen mit Pokémon-T-Shirt stolperten fast beim PokemonGo-Spielen und schwankten zwischen Herzinfarkt und Bewunderung. Wir platzten fast vor Elternstolz.

Pikachuu
(C) Julia Freier, März 2017

Träume werden war. Schon vor dem ersten Zeugungsversuch hatten mein Mann und ich doch Pläne geschmiedet, unerfüllte und erfüllte eigene Kindheitswünsche auf den potenziellen Nachwuchs projiziert. Und jetzt passiert das wirklich! Die Zweijährige liebt „Totoro“ und schaut zu, wenn wir „Zelda – The Windwaker“ spielen. Und nein, für ein Holzschwert ist es nie zu früh!

waffen.jpg
Hölzernes Arsenal in Kindergröße

Die Wendung

… in diesem Artikel kommt jetzt.

Natürlich passiert das alles nicht vollkommen unreflektiert. Pläne und Wünsche würden verworfen und abgewandelt. Die Realität hat uns eingeholt. Denn: Nerdige Strampelanzüge sind verdammt cool, aber sie sind auch a) ziemlich teuer, b) nur eine Stufe überm Einwegkleidungsstück und c) oft gar nicht praktikabel, weil unbequem, kompliziert anzuziehen oder aus hautunfreundlichem Material. Eine beeindruckende Game-of-Thrones-Kinderwiege ist wunderschön, aber für uns nicht finanzierbar und mit Familienbett dann auch ganz sinnlos.

Hinzu kamen dann für mich etwas kritischere Überlegungen. (Jetzt wird’s wirklich ernster…)
Kapitalismus

Nerds bringen die Wirtschaft in Schwung, kann man positiv sagen. Negativ betrachtet umgeben wir uns mit billigst produzierten, überteuert verkauften Devotionalien aus Fantasiewelten, schmeißen unser Geld in den Rachen von riesigen Firmen, die sich an unseren Obsessionen bereichern und häufen sinnlosen Tand an, der in unseren Wohnungen verstaubt. Hach, Werte für unsere Kinder!

Ich hatte und habe immer wieder Hemmungen meiner Tochter diese Markenfixierung, diese Konsumbesessenheit aufzudrücken. Das kommt ohnehin auf sie zu, sofern wir nicht in die Hütte im Wald ziehen, aber das muss sie ja nicht unbedingt schon so früh und dann noch von uns Eltern selbst vermittelt bekommen.

Was wir ihr allerdings außerdem vermitteln, sind die realen Grenzen für Konsum. Denn wir haben nunmal wenig Geld und so begeistert wir auch Videospiele kaufen – oft passiert das nicht. Dafür gehen wir fast jede Woche auf den Flohmarkt und daher kommt auch das Pikachu-Kuscheltier, für ganze 0,50€. Ebenso die My-little-Pony-T-Shirts. Und oft finden wir einfach nichts und kaufen nichts. An Weihnachten bekam die Zweijährige von uns gar keine Geschenke, weil wir das Gefühl hatten, sie wäre dafür noch zu klein und vermisst hat sie wirklich nichts.

Hinzu kommt das DIY-Element der Nerd-Szene, man muss nämlich nicht alles kaufen. Ich freue mich schon auf gemeinsames Basteln von Poké-Bällen, Zauberstäben und Halloween-Kostümen.

Inhalt

Inwieweit ist das eigentlich sinnvoll, dass ein Kleinkind einen Star-Wars-Rucksack mit den Charakteren aus „Star Wars VII“ trägt. Sehen kann das Kind den Film in vielleicht zehn Jahren. Ich fand es irritierend, als ich mal einem Vierjährigen begegnete, der unzählige Charaktere von Star-Wars-Sammelkarten benennen konnte, obwohl er nicht mal die Kinderserie „Clone Wars“ gesehen hatte. Ich trage ja nicht mal T-Shirts von Bands, von denen ich nicht mindestens drei Alben gehört habe!

Mehr als irritierend finde ich es, wenn die eigentlichen Inhalte wirklich nicht kindgerecht sind. Das Internet ist voll von putzigen Bildern von Kleinkindern in Darth Vader-Kostümen. Ja, der Darth, voll cool mit seinen psychokinetischen Kräften und so… Was war nochmal sein CV?! Ich will ja jetzt keinen Hitler-Vergleich ziehen, aber…

Ich fand ja so morbide Kinderkostüme Richtung Edward mit den Scherenhänden auch immer voll cool. Aber jetzt, mit dem echten Kind in meiner Verantwortung – da sind die Skrupel doch groß. Klar hab ich Bock, unsere ganze Familie als Zombies zu verkleiden! Wenn mein fantasiebegabtes Kind dann aber vor mir und ihrem eigenen Spiegelbild panische Angst hat, wird das wohl nichts mit dem lustigen Familienfoto. An die anderen Kinder, die uns eventuell sehen, z.B. auf einer Halloweenparty, sollte ich vielleicht auch denken…

Lerneffekt

Wenn mein Mann Englischvokabeln so gut gelernt hätte, wie Pokémon-Namen, könnten wir heute englischsprachige Serien im Originalton schauen.

Die Zweijährige kann inzwischen schon einige Pokémon benennen, ebenso wie Little Ponys – was ist, wenn ihr Kopf irgendwann damit voll ist und nichts anderes mehr rein passt?! Ist das nicht generell das Problem mit der heutigen Generation? Können Biene nicht von Wespe unterscheiden und zählen einem stattdessen alle Zaubersprüche aus „Harry Potter“ auf. Wäre es nicht besser, wenn wir der Zweijährigen die heimischen Vogelarten zum Auswendiglernen vorlegten?

Kindergehirne saugen sich wie Schwämme voll mit Informationen, das lässt sich gar nicht verhindern. Vielleicht wäre es irgendwie idyllischer, die heimischen Vogelarten zu kennen und ich versichere euch, die Zweijährige ist ganz fasziniert von unseren Ausflügen in die Natur. Sie weiß schon, dass Bienen Blumen zum Essen brauchen und dass die Schnecken unsere Erdbeeren fressen wollen. Wenn wir dann nicht mehr draußen sind, will das Gehirn des Kindes weiter aufsaugen und da findet es bei uns zu Hause nunmal Pokémon, Skylanders und mein Batman-T-Shirt. („Ich bin ein Batman!“, Zitat: die Zweijährige)

Falls jemand mal eine richtig coole Zeichentrickserie zu heimischen Vogelarten oder antiken Gottheiten entdeckt, am besten mit Sammelkartenspiel dazu – sagt mir Bescheid!

Fazit?

Jein. Unser Kind ist ein bisschen Aushängeschild für unsere Interessen. Soweit es das eben mit sich machen lässt. Das ist vermutlich bei allen Familien so. (Wenn Fußballfans Eltern werden…) Lange geht das wahrscheinlich auch nicht mehr. Manchmal lehnt die Zweijährige es glatt ab, ihr Einhorn-T-Shirt zu tragen! Vielleicht findet sie irgendwann Prinzessin Lillifee cooler als Pikachu… *schluchz* das müssen wir dann wohl akzeptieren… *schluchz schluchz*

Was war jetzt eigentlich mein Punkt?

Kinder sind eigenständige Menschen und so. Keine Anziehpuppen. Punkt.

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12 Kommentare zu „Aufzucht eines Nerds

Gib deinen ab

  1. Fanartikel bastelt man ohnehin besser selbst. Denn Kindergartentaschen mit Daleks drauf sind einfach nicht zu bekommen.
    Und das Gehirn ist keine Festplatte, die irgendwann vollläuft. Je mehr es genutzt wird, desto besser funktioniert es. Also ruhig sämtliche Pokemon, Starwars Figuren und sonstige Dinge auswendig lernen lassen. Und dann dafür sorgen, dass das Auswendiglernen von heimischen Vogelarten nicht zu einer Strafarbeit wird. (Ähnlich wie in den meisten Schulen das Lernen von Englischvokabeln) Dann klappt das schon.
    Eine Freundin von mir hat sich übrigens für ihre Zeichentrickserien selbst Englisch beigebracht, bevor sie es in der Schule lernte.

    PS: Familienkostüm: Als ich noch mit Kugelbauch unterwegs war, verkleidete sich mein Mann als Alien, ich als John Hurt und der Zwerg war dank Kostüm auch bereits sichtbar dabei. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Leider bin ich handwerklich… naja, ich kann einiges basteln, aber nicht nähen. Aber ja, da wird sicher noch einiges kommen. Bis dahin sind die Flohmärkte auf jeden Fall lohnend.
      Das Kostüm hört sich beeindruckend an! Wir waren ein Dämonenpaar, das Nachwuchs erwartet, als ich schwanger war.

      Gefällt 1 Person

  2. Ok, ich brauche Hilfe und bin hier anscheinend richtig. Heute in der Bibliothek suchte meine Tochter ein Comic von Witch und ich fand sie wenig später mit der jungen Bibliothekarin ins Gespräch vertieft über die Vorzüge der verschiedenen Charaktere… ist das der Beginn eines Nerdtums?

    Gefällt 1 Person

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