Demonstratives Stillen 2

Von der demonstrativen Stillerin habe ich hier geschrieben, weil ich die Vorstellung so absurd fand, dass eine Mutter ihr Kind zum Ärger der Öffentlichkeit und hauptsächlich oder gar allein dafür stillt. Um sich zu präsentieren, ihre Mitmenschen zu brüskieren, Aufmerksamkeit zu erregen. Quatsch! Beim Stillen geht es um Nahrungsaufnahme, um Trost, um Schlaf, um Zuwendung – jedenfalls nur um die zwei in den Prozess direkt involvierten Menschen und niemanden sonst. Dachte ich damals. Das ist jetzt fast zwei Jahre her.
Heute stille ich meine Tochter immer noch und meine Meinung hat sich geändert.
Das Private ist eben politisch

Wenn ich meine Tochter, meine zweijährige Tochter, in einer Situation stille, in der uns auch nur ein einziger anderer Mensch wahrnehmen kann, ist das eine Aussage, ein Statement meinerseits. Denn: meine Tochter hat ihren zweiten Geburtstag hinter sich und damit gehöre ich in Deutschland ganz eindeutig zu den Langzeitstillenden. Und daran, dass es dafür einen eigenen Begriff gibt, erkennt man auch, dass das eine Kategorie ist, in die man entweder hinein gehört oder eben nicht. Die Frage ist nicht zwangsläufig „dafür oder dagegen?“, aber eben doch „eher Ja oder eher Nein?“. Wie jede Familie selbst zu diese Entscheidung trifft, ist mir persönlich ja egal. Wichtig ist für mich aber die gesellschaftliche Haltung und die ist jetzt allgemein… nicht eindeutig positiv. Die Zahl der Langzeitstillenden ist nunmal eher gering, man sieht kaum welche im öffentlichen Raum und was nicht präsent ist, wird eben gern abgelehnt oder zumindest infrage gestellt. Und das nervt mich.
Es nervt mich, mich unsicher zu fühlen, wenn meine Tochter in der Öffentlichkeit stillen will.
Es nervt mich, abzuwägen, ob ich die Menschen in meiner Umgebung wohl belästige und ob ich das in Kauf nehmen möchte.
Es nervt mich, gefragt zu werden, ob da noch Milch kommt.
Es nervt mich, gesagt zu bekommen, dass das ja viel zu sehr an meine Substanz geht.
Es nervt mich, als Glucke betrachtet zu werden.
Und es macht mich wirklich wütend, wenn ich Geschichten höre, in denen stillende Frauen eines Ortes verwiesen werden oder noch Schlimmeres erfahren.
Es macht mich wütend, wenn Familien das Stillen jenseits des sechsten bzw. zwölften Lebensmonats gar nicht erst in Erwägung ziehen, weil frühes Abstillen doch normal ist.
Es macht mich wütend, wenn Frauen das Stillen aufgeben, weil sie Probleme damit haben und in ihrer Umgebung einfach. Niemand. Ahnung hat.
Ich will, dass das Stillen in unserer Gesellschaft normal ist. Ich will, dass niemand mit der Wimper zuckt, wenn Brust und Kind aufeinander treffen. Kind – egal, ob Baby oder Kleinkind.
Und deshalb…

… bin ich die demonstrativ stillende Frau

Stillen
(C) Julia Freier, März 2017
Ich zucke dann eben einfach selbst nicht mit der Wimper, wenn meine Tochter stillen will. Ich verzieh mich nicht in eine Sicht geschützte Ecke und schon gar nicht auf Toilette. Ich bleibe am Tisch sitzen, auf dem Teppich bei anderen Leuten zu Besuch, auf dem Boden vom Spielcafé oder im Kinderladen beim Arbeitseinsatz. Ich spreche mit den Kindern, die kommen und fragen. Wenn Kinder da sind, sind sie immer interessiert und ich erkläre ihnen, was wir da machen.
Vielleicht ist dieses Bild dann wenigstens für die nächste Generation normal!
Normalität durch Präsenz – insofern präsentiere ich mich. Ich stille demonstrativ, denn ich möchte zeigen: das ist normal. Das gibt es und es ist nicht ungewöhnlich oder schlimm.
Damit ist das Stillen in der Öffentlichkeit für mich ein politischer Akt. Ich brauche dafür nicht minutenlang mit entblößten Brüsten rumzusitzen, ich kündige es nicht laut an oder lamentiere vernehmlich darüber. Ich mache es einfach und das ist Zeichen genug. Wie ich vieles sichtbar mache, weil ich es möchte und nicht einsehe, mich zu verstellen.
Das Private ist aber auch persönlich
Natürlich ist das Stillen kein politisches Instrument, sondern eben doch etwas ganz persönliches. Inzwischen kann ich meinen kleinen privaten Protest nicht mehr so richtig aufrecht erhalten. Denn aus ganz persönlichen Gründen möchte ich allmählich tagsüber weniger stillen und es bietet sich an, zunächst das Stillen unterwegs zu reduzieren. „Nein, wir Stillen doch nur noch zu Hause“, sage ich zur Zweijährigen und, so schnell sie das auch akzeptiert, es plagt mich doch mein schlechtes Gewissen. Nicht ihr gegenüber, denn wenn ich das Gefühl habe, dass sie die Art von Ruhe und Nähe gerade wirklich braucht, komme ich ihrem Wunsch nach. Nein, der Gesellschaft fühle ich mich verantwortlich, oder meinem Sendungsbewusstsein oder so.
Gerade, wenn ich daran denke, dass viele Langzeitstillenden das Stillen irgendwann auf das häusliche Umfeld reduzieren. Organisatorisch ist das eben oft sinnvoll. Aber in vielen Fällen spielt auch der gesellschaftliche Druck eine Rolle. Eigentlich finde ich, wir sollten alle unsere großen Kleinkinder überall stillen. Demonstrativ.

Geht aber wie erwähnt nicht so, weil Kleinkinder eben keine Plakate sind. Vielleicht werden sie aber mal selbst politische Botschaften von Langzeitstillen (Normalzeitstillen!) und Familienbett in die Welt tragen. Wenn wir ihnen das vorleben. Bis dahin: seid rebellisch!

Advertisements

6 Kommentare zu „Demonstratives Stillen 2

Gib deinen ab

  1. Mein Dreijähriger stillt übrigens auch nur noch zu Hause. Inzwischen sogar nur noch zum Schlafen. (Auch wenn er häufiger „schlafen“ möchte, als er kann 😉 )
    Mir kam es tatsächlich nicht in den Sinn, darin einen Verlust für die Öffentlichkeit zu sehen. Mir war es nur irgendwann zu kalt im Winter auf dem Spielplatz zu stillen. Das hat sich dann nach und nach weiterentwickelt. Und eine solche Entwicklung ist doch gerade das Normale, das wir für unsere Kinder wollen.
    Also, vergiss am besten dein schlechtes Gewissen und rebelliere, indem du das Stillen ohne praktische Vorführungen im Gespräch hältst. Es gibt immer wieder Gelegenheit hierfür. Wenn auch seltener, das muss ich zugeben.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, tatsächlich mache ich das so. Selbst das kostet Überwindung: zu sagen, dass ich noch stille. Wie reagiert mein Gegenüber? Aber ich will es ja in die Öffentlichkeit tragen. Die Reaktion meiner Frauenärztin heute war ganz positiv, das war schön!

      Gefällt mir

  2. Mittlerweile mache ich mir keine Gedanken mehr darüber, wie es mein Gegenüber auffassen könnte. Beim ersten Kind waren da immer noch Zweifel und kleine Stimmen in meinem Hinterkopf… Und nicht nur da, sondern auch in meinem Umfeld -insbesondere in der Familie, die mich mit ihren kritischen Nachfragen, wann denn endlich Schluss sei, verunsicherten.
    Jetzt bin ich mir sicher, dass ich meinen Weg gefunden habe. Für mich ist es selbstverständlich was ich tue. Langzeitstillen ist selbstverständlich für mich. Das ist ein gutes Gefühl ☺️

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 1 Person

  3. Aber dennoch klingt in deinem Text mit, dass Langzeitstillen „richtiger“ ist, oder scheint mir das so?! Ich finde es wichtig, dass eine Öffentlichkeit etwas offenes für alle ist. Also auch für all die, die anders stillen, die nicht verstehen, was man tut etc. Schwierig wird es nur, wenn Urteile auftreten, egal in welche Richtung und.ich nicht wie die Kinder frage sondern schon zu wissen meine! Ich hatte meine drei alle mit einem Jahr abgestillt und das war für uns alle ok und gut so. Spannend bei dem Thema finde ich ja immer den dritten Teil sofern er da, den Mann oder die Frau, die nicht stillt. Welchen Einfluss hat er/sie, Welcher ist möglich, welcher sinnvoll?!? Es ist ja beider Kind, denk ich immer 😉

    Gefällt mir

    1. Im Text geht es hauptsächlich ums Langzeitstillen aus Sicht einer Langzeitstillenden, also meiner. Für mich ist das richtig und ich möchte dafür nicht schief angeschaut werden. Disclaimer ist natürlich: jede/r wie er/sie mag und kann und überhaupt! Immer. Ich hab das nicht in den Text eingebaut, weil ich nicht zu weit abschweifen wollte.

      Der/die Partner/in ist genauso ein Faktor bei der Entscheidung übers Stillen wie Mutter und Kind selbst. Und auch da: wenn Stillen gesamtgesellschaftlich nicht als seltsam, schwierig angesehen wird, ist es auch für den jeweils anderen Elternteil einfacher, damit umzugehen – und sich evtl auf eine längere Stillzeit einzustellen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: