Rede doch ma orntlich!

Ich stehe meinem Onkel gegenüber. Er ist ein großer Mann, ich bin recht klein, die Erinnerung stellt das natürlich überdimensioniert dar. Ich mag ihn, damals noch, er ist immer lustig. Lacht viel, macht Witze. Der lustige Onkel M. Er trägt Schnurrbart, damals war das noch modern. Oh. Ist es ja heute wieder. Also damals war das NOCH modern. Zumindest im östlichen Teil Deutschlands. Alle Trends aus den späten Achtzigern sind ja erst so Mitte der Neunziger in den Osten Deutschlands geschwappt und haben sich dort hartnäckig bis mindestens Ende der Neunziger gehalten. Teilweise länger. Ich sehe heut noch Frauen mit Haaren wie die Kronen von Königspudeln. Ich stehe also meinem Onkel gegenüber. Wir sind im Urlaub, wir alle. Meine Mutter und ich und zwei ihrer Schwestern mit Familien. Ich bin vielleicht neun? Onkel M steht laut meiner Erinnerung im Wohnzimmer des Ferienhauses vor mir und fordert: „Rede doch ma orntlich!“ Er berlinert, das lässt sich in diesem kurzen Satz schriftlich nicht so gut darstellen. Sein Berlinerisch ist so von mittlerer Intensität, nicht das extreme Berlinerisch, das nur gebürtige Brandenburger sprechen, sondern das klassische Berlinerisch eines in Ostberlin geborenen Mittelständlers. Und dann noch eine kleine Nuance darüber, weil er sich ein bisschen aufregt. Berliner berlinern nämlich besonders, wenn sie sich aufregen. Gibt es das auch in anderen Gegenden? 

„Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegne ich und berlinere überhaupt nicht. Wobei, vielleicht ist da ein Hauch Berlinerisch, den zum Beispiel Sherlock Holmes oder Professor Henry Higgins wahrnehmen würden, um dann meine Herkunft als in Berlin-Marzahn mit einem Elternteil aus Mecklenburg-Vorpommern und einem (weniger präsenten) Elternteil aus dem Raum Dresden aufgewachsen zu deduzieren. Aber für jeden mit einer nicht so intensiven linguistischen Ausbildung und auch um der Narrative gerecht zu werden, sagen wir einfach, ich berlinere nicht. 

Onkel M wiederholt seine Forderung persistent. Vielleicht variiert er sie und sagt etwas wie: „Rede doch jefällichst ma wie’n richtiger Mensch!“ Ich bestehe weiterhin auf meinem Unverständnis hinsichtlich seines geäußerten Wunsches. Ich finde die Situation ein bisschen lustig und halte das Gespräch für ein Spiel. Ist ja schließlich der lustige Onkel M. Aber vielleicht ist Onkel M inzwischen ein bisschen genervt von mir und überhaupt den ganzen Familienmitgliedern in dem Ferienhaus. Ich glaube, der ganze gemeinsame Urlaub dauerte zwei Wochen und das kann einem schon die Nerven dünn werden lassen. Ich spüre allmählich, dass Onkel M tatsächlich eher nicht zu Scherzen aufgelegt ist und ernst meint, was er sagt. Doch was will er eigentlich wirklich von mir? Was meint er mit „ordentlich reden“? Zunächst weiß ich es wirklich nicht. So verläuft unser Gespräch ein bisschen repetitiv: er verlangt, ich verstehe nicht. Ich bitte um Erläuterung, er erläutert nicht. 

Mit der Zeit dämmert mir aber doch, was er meint. Ich bin nämlich nicht wie die anderen Kinder und das weiß ich sehr wohl, mit meinem neun (?) Jahren. Ich berlinere eben nicht. Ich benutze keine Schimpfworte, weder in Gegenwart meiner Mutter, noch in ihrer Abwesenheit. Überhaupt: meine Mutter. Gelernte Sekretärin und in der DDR hieß das noch was. Keine Tippse und Kaffeefee, nein eine Hochgeschwindigkeitsschreibmaschinentipperin, Bürologistikerin mit erschöpfenden Kenntnissen der deutschen Orthografie und Grammatik. Damals gab es keine kleine rote Linie, die einem falsch geschriebene Wörter unterstrich und erst recht kein Autocorect. Nur Tipp-Ex und das sieht in einem Schreiben natürlich nicht gut aus. Mit einem Blick in den Duden verschwendet eine gute Sekretärin keine Zeit, sie IST der Duden. 

Dieser Hintergrund meiner Mutter führte dazu, dass ich noch bevor ich schreiben lernte, Merksätze wie „wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ überhaupt nicht zu gebrauchen“ verinnerlicht hatte. Einmal klärte ich eine Grundschullehrerin über diese Regel auf. Sie war nicht begeistert. Noch heute kann ich nicht einfach sagen: „Das brauchst du nicht machen.“ 

Und die vielen Bücher natürlich, auch die haben mich geprägt. Unsere Zweijährige hat jetzt bereits ein volles Bücherregal und Lesestoff für die nächsten zehn Jahre, allein, weil sie fast (!) alle meine Kinderbücher übernommen hat. Meine Mutter hat immer gelesen. Selbst gelesen und vorgelesen. Und dann habe ich gelesen. Sowas hinterlässt Spuren. Und schließlich die Fremdwörter. Oh, die Fremdwörter. Irgendwann begann ich neben einem Fremdwörterbuch zu schlafen, Ausgabe von 1986. das klingt erstmal veraltet, aber Worte wie „Xenophobie“ und „olfaktorisch“ sind ja beständig. Gut, etwas… rot gefärbt war das Buch, aber das schlug sich nur in einem Bruchteil der Worterklärungen nieder. Ich nutzte das Buch wie ich heute das Internet in einem freien Moment des Müßiggangs nutze, ich schlug einfach Worte nach und folgte Verweisen. Ach, ich wollte doch noch wissen, was… Damals war ich jung und mein Gehirn schwammig, also aufnahmefähig, nicht weich. Die Worte prägten sich mir ein und mehrten meinen Schatz, meinen kostbaren Wortschatz. Ich liebte sie und wollte sie gern immer wieder bewundern. Ganz natürlich kamen sie immer wieder über meine Lippen. Noch heute liebe ich die Worte, auch wenn mein Gehirn leider nicht mehr so schön schwammig (spongoid) ist. 

 

Mein Freund, das Fremdwörterbuch
 
Wo war ich eigentlich? Da steht noch Onkel M meinem neunjährigen Ich gegenüber und wir verstehen uns einfach nicht. Nun, ich verstehe inzwischen immerhin, worauf er hinaus will. Ich soll sprechen wie er, wie die anderen Kinder. Das wäre dann „ordentlich“. Aber eigentlich spreche ich doch ordentlich, soll heißen: korrekt. Warum ärgert ihn das überhaupt so? Ich verberge mich nun bewusst hinter vorgeschütztem Unwissen. Das Gespräch, soweit ich mich entsinne, endet in Frustration seinerseits. Ich bin und bleibe stolz auf meine Ausdrucksweise und trage sie nun erst recht als Rüstzeug. Kein bisschen verunsichert bin ich durch dieses Gespräch. Nur, dass ich mich eben bis heute noch daran erinnere…

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2 Kommentare zu „Rede doch ma orntlich!

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  1. Ein toller Text, der bei mir gerade eine Erinnerung aus der Grundschule weckt: Wir, Sachsen, hatten damals eine „Hortnerin“ aus Thüringen. Ich nehme mal an, dass sie an unserem Diakekt (der ja sehr ausgeprägt sein kann!) nicht wirklich Gefallen finden konnte. Resultat: Ich sage noch heute nicht „eua“ (was auf sächsisch so viel wie eine Bestätigung des soeben Gesagten bedeutet, so was wie „na doch“), weil sie uns diese weit verbreitete Ausdrucksweise buchstäblich verbot…😂

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