Karaoke

Es ist noch nicht ganz halb 11. Nur vereinzelt Leute um und auf dem Bahnhof. Die wirkliche Berliner Partyszene ist noch nicht mal raus aus der Wohnung. Steht vielleicht noch vor dem Kleiderschrank oder kocht sich gemütlich Ramen. Ich fahre nach Hause. Was soll’s. Schön war’s.

Partymaus war ich nie. Feierngehen stand nicht auf meiner Hobbyliste. Nur manchmal. Manchmal eben. Sich aufbrezeln. Tanzen. Manchmal war das schön.
Wann war das letzte Mal? Wann war das noch…? In der Schwangerschaft? Eher davor. Über zwei Jahre her. Seitdem war ich kaum noch in dieser Stadt unterwegs. Nachts gar nicht. Meine Stadt.

Berlin ist auch ein magischer Ort. Ganz anders magisch als der Apfelhain in Hessen oder das Meer. Magisch voll mit Menschen, ganz verschiedenen Menschen. Magisch, weil einen die Reise von einer Bahnstation zur nächsten in eine andere Welt bringen kann. Wenn man jeden Tag in Berlin unterwegs ist, bemerkt man die Magie nicht mehr. Man spürt nur die negative Energie und das ist ja auch eine Form von Magie.

Ich bin heute Abend jedoch als Gast unterwegs. Ich komme aus meiner eigenen Welt – meinem Kiez, meinem Mikrokosmos Familie. Ich bin ganz offen für die positive, lebendige, seltsame Kraft der Stadt. Ich habe mein rituelles Gewand angelegt: Stiefel, kurzer Rock, lackierte Fingernägel, falsche Wimpern, Lidschatten, Accessoires. Zum Essen war keine Zeit, aber das gehört auch irgendwie zu einem Ausgeh-Abend. Zeremonielles Fasten.

Musik begrüßt mich am S-Bahnhof Warschauer Straße. Ein Straßenmusiker ist das schon nicht mehr, das ist ein Act, eine Performance: ein Schlagzeug hat der Mann und mehr und irgendwas Leuchtendes. Ich kann es nicht sehen, denn da ist eine große Menschentraube um ihn, an der ich kaum vorbeikomme. Tanzbar ist das, was er da macht, elektronisch, rhythmisch. Ein, zwei Leute können nicht widerstehen und bewegen sich ein wenig. Der Rest steht still und schaut. Es ist eben auch erst kurz vor 19 Uhr, fünf Stunden später sähe das vielleicht anders aus, dann wäre hier die Party. Vielleicht. Ich möchte auch tanzen. Endlich wieder tanzen. Aber heute nicht, heute bin ich verabredet. Heute werde ich singen. Ich gehe also weiter, schade, zum verabredeten Treffpunkt des Abends.

Monster Ronson Ichiban Karaoke

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http://www.karaokemonster.de/

Dieser Ort ist so berlin, das ist schon klischeehaft. Und Klischees können auch schön sein und mit Liebe gefüllt. Von bunten Lichtschläuchen erhellte Dunkelheit, Mikrofone als Türgriffe und Deckendeko, Spiegel, Glitzer, Diskokugeln, Cocktails und Mocktails und freche Sprüche und herzenswarme Bartender. Hochglanz findet man hier nur in Form von Pailletten, der Rest ist, was wir Berliner liebevoll abgefuckt nennen. Ich fühle mich direkt wohl. Ein bisschen ist es muffig, ein bisschen riecht es nach altem Rauch, aber nur ein bisschen, denn heutzutage wird in Clubs nicht mehr so viel geraucht wie früher. Die Preise sind Friedrichshain, nicht Mitte, das kann man schonmal machen. Ich bestelle mir einen Ginger Rogers und später einen CaipirOhne und genieße sie und vergesse meine Enttäuschung über das Fehlen von Tee mit Honig auf der Karte. Ich bin doch ein wenig erkältet und will gleich singen, da wäre so heiße Zitrone eigentlich ganz gut. Aber Ingwersirup und Limetten tun es dann wohl auch.


Meine Freundin, die heute hier ihren Geburtstag feiert, hat Elvis gebucht. So heißt die Karaoke-Kabine, in die wir alle nun entschwinden. Elvis scheint die größte Kabine zu sein. Wir sind 13 Leute und es hätten noch mehr Platz. Etwas befremdlich ist das zunächst, in dieser Kabine zu sitzen. Am Rand sind Bänke, in der Mitte eine Stange, die an Striptease-Einlagen denken lässt und an der oben Monitore hängen, auf denen die Songtexte erscheinen. Da sitzen wir also alle, die wir uns zum großen Teile nicht gut kennen, zumindest untereinander nicht, wie die Hühner auf der Stange, nein, eher wie so Katzen im Kreis. Wir blicken auf die Striptease-Stange in der Mitte, oder eher auf die Monitore darüber und lesen dort die Songtexte mit. Seltsam ist diese Kreisformation, so erwartungsvoll, so offen. Kein schützender Tisch vor einem, unter dem man unbeobachtet die Beine kreuzen kann. Wohin mit dem Getränk. Irgendwo auf die Bank, da in die Ecke. Wie komm ich da jetzt wieder ran, darf ich mal, gibst du mir mal, danke. Es ist auch einfach Licht an, so ganz banal. Kein Schummerlicht, das die Gesichter und schiefen Töne weichzeichnet. Einfach Licht.

Und in dieser seltsam aufeinander gedrängten Situation, intim und ungeschützt, sollen wir jetzt singen? Aber meine Freundin lässt sich nicht lumpen, vielleicht hat sie ausreichend vorgeglüht, schon singt sie mit einer anderen Freundin, da bin ich noch gar nicht ganz angekommen. Wohin mit meinem Blick, frage ich mich kurz und stelle fest: alle schauen nach oben. Auf den Monitor. Und lesen mit. Hm. Nicht lieber die Singenden anschauen? Ich lasse den Blick hin und wieder schweifen, den ganzen Abend über. Die Singenden schauen verlegen, konzentriert, auch fröhlich. Die anderen schauen meist auf die Texte und singen mit. Das ist schön, das Mitsingen, verbindet und nimmt denen, die eines der beiden Mikrofone vor den Mund halten, die Hemmungen.


Vorbereitet hat sich natürlich niemand. Doch, meine Freundin, ein bisschen. Und ich natürlich. Ich mach sowas doch nicht einfach so! Nein, ich habe mir Songs rausgesucht, auf der Website der Bar überprüft, ob sie zur Verfügung stehen (Monster Ronsons Angebot ist wirklich umfangreich!) und alles einige Male mitgesungen, während ich die Küche aufgeräumt habe oder so. Einige Songs kann ich eh auswendig: „Wild World“ von Cat Stevens“ und „Dream a Little Dream of me“ von Mama Cass zum Beispiel. Beide rocke ich, mein Selbstbewusstsein hüpft. Dafür läuft bei „Mercedes Benz“ von Janis Joplin und bei „I wish I was a Punk Rocker“ von Sandi Thom (meinem absoluten Immer-wieder-Song!) alles schief. Schief ist meine Stimme, ich finde die Tonlage nicht und der Rhythmus ist doch auch irgendwie ganz anders! Aber so ist das, was soll’s, dafür klappt „Where the wild Roses grow“ überraschend gut und darauf hatte ich mich doch eigentlich gar nicht vorbereitet.

Magisch ist diese seltsame Kabine, isoliert irgendwie und doch sieht man etwas von draußen, wie aus einem Raumschiff heraus. „Space Oddity“ singt ein junger Mann aus der Famile meiner Freundin, der gar nicht danach aussieht und meistert den überirdischen Bowie erstaunlich gut.

Die Kabine hat Fenster, aber zunächst ist es draußen dunkel und wir sehen nur unsere eigenen Gesichter. Mit der Zeit geht in den umliegenden Räumlichkeiten die Beleuchtung an: da sind weitere Kabinen, viel kleiner, mit Gästen drin. Man kann durch Lichtreflexionen bruchstückhaft sich selbst und die anderen sehen – Raumschiffe, die sich begegnen, deren Crews flüchtig aus dem Fenster schauen und sich dann wieder ihren Tätigkeiten im Innern widmen. Im Laufe des Abends dann werden die Sterne angeschaltet: direkt neben unserer Kabine ist der große Saal mit Bühne. Jetzt, da er beleuchtet wird mit einer sich drehenden Discokugel können wir ihn durch unser Fenster sehen. Hinter der Bühne wurde der laufende Songtexte an die Wand projiziert, es gibt Bilder mit glitzernden Rahmen an den Wänden, ein DJ-(KJ!)Pult, eine Sitzecke, wo später die Singenwollenden auf ihren Aufruf warten. Noch singen auf der Bühne aber nur zwei Leute, es ist ja erst so gegen 8. Beide haben’s voll drauf, können sich mit vollem Recht auf der Bühne behaupten – eine davon entpuppt sich später als die KJane des Abends. Schön, dunkle Haare, große Augen, melodische Stimme und mit einer so warmen Ausstrahlung wie alle Angestellten der Location. Immer wieder schauen wir aus unserer Kabine in den Saal, haben einen ausgezeichneten Blick auf die Bühne und können die Musik von dort hören, wenn bei uns gerade keine läuft. Das Niveau dort draußen ist natürlich ungleich höher als bei uns, da macht auch das reine Zuhören schon Spaß. Und kostenlos ist es dort, während so eine Kabine gemietet wird.

Was für eine Perle (nein, Paillette!) des Berliner Nachtlebens: stellt euch das vor, kostenlos (nebst einiger mittelpreisiger Drinks) schaut man sich den ganzen Abend die verschiedensten Leute beim Singen der verschiedensten Songs an! Keine langweilige Professionalität, glatt polierte Allerweltsperformance – nein, etwas raues, etwas echtes. Und trotzdem gut. Bewegend. Schön. Da ist der Knappfünfziger mit zusammen gekniffenen Augen (betrunken oder ist der so?), erinnert optisch etwas an Meatloaf, singt einen traurigen Lovesong, echt schön, trotz leicht quäkiger Stimme. Jeden Ton trifft er, mit Gefühl drin, nur Stimme und Optik versperren ihm den Weg zur professionellen Bühnenkarriere. Das gilt wohl auch für Susi, sicher über 50, etwas zerknautschtes Gesicht, aber die langen schwarzen Haare hat sie sich sicher für den Abend extra frisiert. Wie oft hat sie „The first Cut is the deepest“ von Rod Steward wohl schon gesungen? Sicher oft, sie kann es in und auswendig. Am schönsten sind sicher die Duette, denk ich mir, eines bekommen wir immerhin zu Gesicht und es ist einfach ob der (in unserer Gesellschaft mit Rollen- und Ästhetik-Klischees) ungewohnten Optik hinreißend: ein schöner junger Mann, fast modellartig gut aussehend und ein dicker Mann mit Halbglatze und Pferdeschwanz singen „Can’t help falling in Love“. Ein Traum.

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Duet made in Heaven

Der Abend schreitet voran, unsere Gruppe wird kleiner, es ist schließlich Sonntag und morgen wird gearbeitet. Eine Weile halten wir uns noch, doch irgendwann sind alle Lieder gesungen und wir machen Feierabend. Man könnte noch den Rest der Nacht im großem Saal verbringen, lauschen und beobachten und, wer weiß, sich selbst auf die Bühne trauen. Ich würde das, ich glaub, ich würde. Jedoch ruft mich meine Welt, nicht wirklich, aber ich kann den Zug am Herzen spüren. Es war schön an diesem Ort, diesem magischen Platz. Ich will wieder kommen, immer wieder. Ich werde wiederkommen, nehme ich mir vor.

Nun, nach Hause, zurück in meine Welt. Ich lebe ja zum Glück in Berlin, wo all die verschiedenen Welten so dicht nebeneinander liegen, dass eine kurze Fahrt mit der Bahn einen hinüber bringt.

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5 Kommentare zu „Karaoke

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  1. Toll. Ich war mal regelmäßig dort und auch ganz begeistert. Erst schüchtern und verlegen zu sein und später am Abend mit voller Überzeugung den ganzen Raum mit der eigenen (schiefen) Stimme zu füllen, fand ich immer super. Wenn du das nächste Mal da bist, sag vorher Bescheid. Ich würde auch gerne mal wieder hin.

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  2. Ich kenne das Gefühl, dass du beschreibst! Für mich war berlin auch nochmal anders, nach dem ich aus der Familie heraus nach gefühlt ewiger Zeit wieder los bin 😉 und lustiger Weise war diese karaokebar auch mit einer der ersten Orte 😉 meine Schwester feierte Ihren Geburtstag dort! danke fürs erinnern !!!

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