Taschenwärmer

Eine Geschichte

Nach Hause gehen, es ist spät. Kalt. Die Kleine ist ganz müde. Ich trage sie in der Trage nach vorn. Dafür ist sie eigentlich zu schwer, aber ich habe keine Tragejacke, die mir erlauben würde, die Zweijährige auf dem Rücken zu tragen. Auf kurzen Strecken geht es. Für den Weg nach Hause benötigen wir zwanzig Minuten und die Kleine ist ganz müde. Wir waren bei einer Freundin zu Besuch, jetzt ist es schon 22 Uhr durch. Ich laufe nach Hause und trage mein Kind. So weit ist es nicht. Ich bin auch müde.

Es fängt an, zu schnieseln. Das ist ein Neologismus von mir und meint eine Mischung aus Schnee und Nieselregen. Ungemütlich ist das. 

Soll ich dir die Kapuze aufsetzen? Ja? Soll ich deine Ärmel umklappen? Nein? Nicht doch die Kapuze? Möchtest du einen Taschenwärmer? Ja? Ich habe einen im Rucksack. Ja, Moment, ich hol ihn raus. Ja, warte kurz. Ich muss den Rucksack erst wieder zu machen. Warte kurz, du bekommst ihn gleich. Ich muss den Rucksack erst wieder aufsetzen. So. Hier. Soll ich deine Ärmel umklappen? Nein? Steckst du sie da rein? Okay, ja, mach das. 

Die Kleine ist zufrieden und wird immer ruhiger. Ob sie tatsächlich auf dem Weg einschläft? Nein, das kann doch nicht… Ich bin heute Abend allein zu Hause, bin müde und auf einen langen Abend gefasst. Ist halt so. Aber jetzt scheint das Kind auf dem Nachhauseweg einzuschlafen. Na sowas. Da könnte ich im Bett noch etwas lesen und dann auch schlafen. Schön wäre das.

Die Straßen sind ruhig an diesem kalten, ungemütlichen Sonntagabend. Das Einkaufszentrum ist beleuchtet, der Burger-Laden auch. Die Bankfilialen auch. In der einen liegt ein Mensch in der Ecke mit dem Kopf auf der Heizung. 

Ja, da drinnen ist es warm, denke ich. Lässt die Bank das zu, denke ich, macht da keiner was? Überwachungskamera? Nein? Dann ist ja gut. Hat der Obdachlose Glück, heute Nacht. Kältebus rufen? Aber er ist ja im Warmen und schläft. Wäre bestimmt nicht glücklich, wenn er geweckt würde, denn heute Nacht hat er es ja warm. Was könnte ich sonst tun…?

Ich laufe vorbei. Das Kind ist fast schon eingeschlafen. Schön, einfach zu Hause ins Bett gehen. Taschenwärmer. Ich hab doch noch einen Taschenwärmer. Nein, nicht der vom Kind, der ist ja benutzt. Man kann die wieder verwenden, wenn man sie zehn Minuten in Wasser kocht, aber ein Obdachloser hat vielleicht eher keine Möglichkeit, etwas in Wasser zu kochen. Im Rucksack ist doch aber noch ein Taschenwärmer, oder? Ja. Also zurück? Ja. 

Die Kleine wird wach, sobald wir die Bank betreten. Was ist das? Eine Bank, ich muss kurz… Da liegt der Mann, schläft ganz tief. Kram um ihn herum, seine Habseligkeiten. Aufgedunsenes, zerknautschtes Gesicht. Ich gehe hin, den Taschenwärmer in der Hand. Den Lege ich auf den Boden, neben dem Mann, wie man einem fremden Tier etwas Futter hinwerfen würde. Ich kann mich mit der Kleinen in der Trage doch nicht richtig bücken. Und ich will ihn doch nicht wecken. Er wird aber wach und sieht mich bei meiner seltsamen Bewegung. Ein Taschenwärmer, sage ich halblaut, fast defensiv. Er murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht sagt er, dass er das Ding nicht braucht, dass so ein kleines Mistteil von zwölf Zentimetern Durchmesser oder so, das vielleicht für zehn Minuten warm ist, ihn auch nicht vor Erfrierungen bewahren kann, wenn er jeden verdammten Tag und jede verdammte Nacht auf der verdammten eiskalten Straße rumhängt. Vielleicht sagt er das, nur kürzer, denn es hört sich nach maximal vier oder fünf Silben an, was er da murmelt. Dann sagt er Danke und das verstehe ich tatsächlich. Kein Problem, sage ich, was auch immer ich damit sagen will. Und dann gehe ich wieder und vielleicht sage ich Tschüss.

Nach Hause sind es nur noch ein paar Meter und einmal um die Ecke. Die Kleine ist wieder ganz wach und stellt mir immer wieder Fragen. Naja, hauptsächlich fragt sie Warum, das ist gerade so ihr Ding. Also, warum habe ich dem Mann den Taschenwärmer gegeben? Weil der kein Zuhause hat und immer draußen ist und da ist es immer ganz kalt und da kann er einen Taschenwärmer gebrauchen. Warum? Damit er sich ein bisschen wärmen kann. Ein bisschen wenigstens. Vielleicht friert ihm dann ein Finger erst zehn Minuten später ab. Vielleicht reicht das ja. 

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