Rhabarberkuchen

Eine Geschichte aus meiner Kindheit

 

(C) Julia Freier, 2013
 

Ich war ein höfliches Kind. Oder: ich bemühte mich als Kind, ein Verhalten an den Tag zu legen, welches ich für höflich hielt. Ich sagte nicht nur „bitte“ und „danke“, ich sagte auch immerzu: „nein, danke!“ Wenn ich gefragt wurde, ob ich etwas trinken wolle, oder essen oder sonstwas. „Nein, danke!“, rutschte aus meinem Mund noch ehe mein Gehirn die Frage ganz verstanden hatte. Selbst wenn ich Hunger oder Durst hatte, lehnte ich ab. Jemand sagte zu meiner Mutter: „Sie ist aber höflich! Lehnt alles ab.“ Warum ist das eigentlich höflich?

Irgendwann fand ich das selbst blöd. Immer wieder ärgerte ich mich, weil ich etwas abgelehnt hatte, das ich dich gern hätte haben wollen. So konnte das nicht weiter gehen, beschloss ich. Ich nahm mir vor, „Ja, gerne!“ zu sagen.

Gelegenheit bot sich als ich bei einer Freundin zu Besuch war. Gerade wollte oder sollte ich gehen, da besann die Mutter der Freundin sich und bot mir ein Stück Kuchen an. „Ja, gerne!“, sagte ich und feierte innerlich, ob der Belohnung für meinen Mut. Kuchen! 

Es gab selbst gebackenen Rhabarberkuchen. 

Ich. Hasse. Rhabarber. 

Nun steckte ich in der Zwickmühle. Hatte ich doch meinen ganzen Mut schon aufgebraucht, um das freundliche Angebot erst anzunehmen. Hätte ich doch erst ermittelt, um welche Art Kuchen es ging! (Das wäre aber wieder unhöflich gewesen?) Ich wagte nicht, nun doch abzulehnen. Wie würde das wirken? Die Gastgeberin wäre ganz sicher beleidigt und würde ihre Backfertigkeiten verschmäht sehen. (Diese Frau würde ich rückblickend sogar heute noch so einschätzen.) Ich musste in den sauren Apfel beißen. Ach, wäre es doch ein saurer Apfel! Ein Königreich für einen sauren Apfel!

Ich wählte ein möglichst kleines Stück. Wie ich es schaffte, dort zu sitzen und dieses… Ding zu essen – ich weiß es nicht mehr. Ich würgte es hinunter als wäre es rohes Affenhirn. Ich würgte. Mein Körper wollte das garstige Zeug ausspeien, ich zwang es wieder hinunter. Ich verabschiedete mich schnell. Ich lief nach Hause. Ich würgte, mir war übel. Ich schüttelte mich. Die scheußliche Masse erneut durch meinen Rachen schleusen zu müssen, blieb mir erspart – ich musste nicht kotzen. Doch der Geschmack, dieser ekelhafte Geschmack! Ich glaube, an diesem Tag verließ er mich nicht mehr. Und noch viele viele Jahre danach, erinnerte sich mein Körper schon bei dem Wort mit R ganz lebensecht an Geruch und Geschmack des widerlichen Lebens(?)mittels. Noch heute kann ich es nicht ertragen, mich auch nur in der Nähe einer Zubereitungsstätte aufzuhalten. Leiden konnte ich das Zeug nie, aber seit diesem einen Tag ist es mein kulinarischer Alptraum. 

Die Moral von der Geschicht

Wenn dir was nicht schmeckt, dann iss es nicht!

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2 Kommentare zu „Rhabarberkuchen

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