Die Banalität des Bösen oder Haben Nazis auch Kinder?

Nazis? In meinem Umfeld. Nee, sicher nicht! Mit solchen Leuten hab ich nichts zu tun! Immer wieder denke ich sowas im Laufe meines Lebens und immer wieder kommen die Momente der Desillusionierung. 

… als der große Bruder meiner Freundin mit Bomberjacke rumlief und es hieß: „Der ist ein Nazi.“ Da war ich vielleicht 12. 

… als mein Onkel sich über die „Kanacken“ in Kreuzberg lustig machte. Da war ich vielleicht 14.

… als ich erfuhr, dass der neue Freund meiner Freundin schon aus einem bestimmten Grund eine Glatte trägt. Da war ich so 17.

Mit der Freundin aus Kindertagen und ihrem Bruder hab ich nichts mehr zu tun, mit dem Onkel nicht und der unsägliche Freund ist zum Glück auch verschwunden. Ich kann also wieder meine Illusion leben: rechte Gedanken in meiner Filterbubble? Keine Chance. Wobei… heute ist sowas ja salonfähig. Neee…

Erschütternd

Mit einer Verwandten, die mir nahe steht, hatte ich vor ein paar Woche ein Streitgespräch und ihre darin zu Tage getretene Meinung hat mich erschüttert. So sehr, dass ich mich nicht mal überwinden kann, ihr Verwandschaftsverhältnis zu mir hier offen zu legen. Ihre Ansichten beschämen mich. 

Sie sagte, „Das macht mir Angst!“ und meinte Frauen in Burka. Weil ihr das Angst macht, war sie für das Burka-Verbot. Dieses strittige Thema war der Auslöser für unsere Diskussion. Ich war innerhalb von Sekunden so wütend, dass ich laut wurde. Das passiert mir sonst nicht, schon gar nicht bei ihr. Sie sagte auch: „Die sollen sich anpassen!“ Die. Die Ausländer. Wenn die schon hierher kommen. Bei mir war es vorbei. Ich konnte nicht mehr sachlich argumentieren. Ich beschuldigte sie des „Nazitums“. Irgendwie brach das Gespräch ab und ich verschwand Schranktüren knallend in der Küche und sie spielte im Kinderzimmer mit der Knappzweijährigen. 

Facebook

Die sozialen Medien ermöglichen uns ja so viele Kontakte. Über drei Ecken sind wir mit so vielen Leuten vernetzt: da kann auch mal jemand mit rechten Ideen dabei sein. Und die Leute tun so gern ihre Meinung kund. Wenn ich eine Meinung sehe, die mir nicht gefällt, lösch ich auch mal den Freund einer Freundin eines Bekannten aus meiner Freundesliste. Steht mir ja frei. Doch manchmal ist die fragliche Person eben nahestehender. Ein Familienmitglied zum Beispiel. 

Klatsch und Tratsch

Wie gesagt, ich halte mein soziales Umfeld für gut sortiert. Ich umgebe mich natürlich eher mit Menschen mit ähnlichen Interessen, Ansichten, Vorlieben. Bestimmte Institutionen wähle ich selbstverständlich nach diesen Gesichtspunkten aus. Unseren Kinderladen zum Beispiel. Wenn Konzept und Personal zu uns als Familie passen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es hier und da auch Überschneidungen mit der Mentalität der anderen Familien gibt. Bei der ersten Mitgliederversammlung (quasi Elternabend) die ich vor Kurzem besuchen konnte, hatte ich dann auch das Gefühl, mit Eltern und Pädagoginnen in den nächsten Jahren gut zusammen arbeiten zu können. Ist schließlich eine Elterninitiative, der Laden. Keine Freunde für den Grillabend, aber immerhin Leute mit ähnlichen Zielen und Herangehensweisen.

Dann stößt mein Mann ein paar Tage später auf diesen saftigen, fetten Bissen Klatsch: Die Familie von A, welche den Kindergarten wechselt… der Vater… der ist der Berliner Spitzenkandidat der AFD!!! Der fucking. A. F. D. Was zum…!? 

Wieso hat jemand ein Kind? So ein süßes Kind auch noch! Wieso geht dieses Kind in unseren Kinderladen? Haben die nicht so eigene Gehirnwäsche-Camps? Oder ketten ihre Frauen zu Hause an, um die Kinder da zu versorgen? Die Frau, meine Güte, ich kenne die! Also nicht wirklich, aber ich hab sie schon im Familiencafé getroffen und sie wirkte nett. Ja, nett! Ein voll Öko-Walldorf-Familiencafé! Walldorf! Jetzt ratet mal, in was für einen Kindergarten die ihr Kind in Zukunft schicken… 

Die Banalität des Bösen

Ja, das ist es doch: Menschen sind nett, sympathisch, Nachbarn, hilfsbereit, gute Köche, tierlieb, Verwandte, Freunde. Und manchmal sind sie etwas ekelhaftes: rassistisch, homophob, verlogen, Betrüger, kinderfeindlich. Hass ist eben auch was verdammt irrationales.

Wie soll ich mit sowas umgehen? Für mich selbst fiel es mir schon immer schwer, diese Frage zu beantworten. Eigentlich war die einzige Antwort immer Distanz zu den Betreffenden. Diskussionen haben, meiner Erfahrung nach, nie gefruchtet. Ich selektiere mein Umfeld und bemühe mich, mein Leben mit Liebe und Toleranz zu füllen. Und natürlich lebe ich das nun meinem Kind vor. Meinem Kind…

Mein Kind, das in Kontakt kommt mit netten Menschen. Mit liebevollen Verwandten. Das im Kinderzimmer spielt, nachdem es einen Streit über „die Ausländer“ mithören musste. Das vielleicht irgendwann befreundet ist mit einem anderen netten Kind, dessen Eltern in der AFD sind, oder der NPD oder der ALFA-Partei oder wasweißichwo. 

Wie endet dieser Artikel? 

So viele Gedanken…

Ein Kind kann nichts für seine Eltern. Auch ein Kind von einem AFDler dürfte zu uns zum Spielen kommen. Eigentlich. Aber unser Kind dürfte eben nicht zu denen. Glaube ich. Gerade zu so einem Kind müsste man doch nett sein und es auf die helle Seite Macht bewegen, oder? Man will den Eltern allerdings nicht beim Sommerfest am Grill begegnen. Oder ist gerade diese Haltung genauso falsch und schlimm, wie das was im AFD-Kopf passiert?

Erleichterung jedenfalls, dass diese Familie jetzt den Kindergarten gewechselt hat. Nicht mehr mein Problem. Hm. Auch blöd. 

Und die eigenen Verwandten verschwinden auch nicht einfach so. Jetzt erst recht nicht mehr, denn sie wollen und sollen Teil im Leben unseres Kindes sein. Oft ist das sehr schön. Für alle Beteiligten. Und dann kommt sowas, so eine Diskussion, so eine Meinungsäußerung und denke mir, ich will mit einem Menschen, der so denkt, gar nicht in einem Raum sein. Ich kann aber nicht einfach gehen, mein Kind ist ja noch da. Deswegen treffen wir uns auch alle nächstes Wochenende wieder und tun so, als ob es dieses erschütternde Gespräch gar nicht gegeben hätte. Und ich warte bis die kleine Lady alt genug ist und dann führe ich mit ihr Gespräche und erkläre ihr, dass auch liebe Verwandte manchmal Mist reden, weil sie Angst haben, obwohl sie gar keine Angst haben müssten. Ja, und dann hoffe ich. 

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6 Kommentare zu „Die Banalität des Bösen oder Haben Nazis auch Kinder?

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  1. Mir half es, mir klarzumachen, dass das ja nichts Neues ist. Wie meine Freundin sagte: „Das gab es doch schon immer, dass Onkel Peter und Onkel Hans bei der Familienfeier nicht über Politik reden durften“. Stimmt und ist gar kein dummes Klischee, früher war ja schon SPD und CDU zum Teil ein Grund, in politischen Streit auszubrechen. Ich kann das leider auch nicht, mit Menschen, die mir emotional nahestehen, sachlich über Themen wie PEGIDA zu sprechen, wenn die dazu eine andere Meinung haben als ich. Sollte man aber vermutlich. Bringt ja viel eher was, sich mit Menschen auseinander zu setzen, die eine andere Meinung haben als immer nur bestätigt zu bekommen (und zu bestätigen), was man eh schon meint

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  2. Uh ja, das ist superschwierig.
    Ich hatte das mit meinem (schon vor langer Zeit verstorbenem) Opa. Ein wunderbarer, liebevoller, wahnsinnig intelligenter und weltoffener Mensch. Der sich besonders mit Mitbürgern mit Migrationshintergrund wahnsinnig gern unterhielt und ihre Geschichte hörte und von ihrer Kultur etc.
    Und der dem Dritten Reich Zeit seines Lebens hinterhertrauerte.

    Auf emotionaler Ebene kann ich das sogar verstehen, denn er erlebte das Dritte Reich als Kind. Er war 16 als der Krieg endete und hatte das Glück, nie an die Front zu müssen. Und seine Kindheit war ziemlich grausam vom Elternhaus her – das einzig Schöne, das er hatte, war die Hitlerjugend und das Verbundenheitsgefühl, das er außerhalb der Familie in den HJ fand. Er hat den Holocaust immer geleugnet und als ich einmal sagte: „Zum Glück haben wir damals den Krieg verloren!“ ist er richtig laut geworden. „Es ist nie gut, wenn man einen Krieg verliert!“ Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit meinem Vater, nachdem meine damals beste Freundin und ich uns mit Opa unterhalten hatten und er von irgendeinem größeren KZ als „nur ein Arbeitslager“ sprach, indem mein Vater sehr ernsthaft dann klarstellte, dass das Bullshit war, was Opa da verzapft hat. Irgendwann mit 14, 15, 16 oder so habe ich einfach aufgehört, mit Opa über dieses Thema zu sprechen und akzeptiert, dass das etwas ist, wo man bei ihm mit Argumenten und Diskussionen einfach nirgendwohin kommt. Er starb, als ich 19 war. Vielleicht hätte ich es nochmal versucht, jetzt, wo ich mich auch mir selber und meiner Überzeugungen sicher bin, aber damals ging das einfach nicht. Allerdings habe ich schon mit 12 kapiert gehabt, dass das nichts ist, was „okay“ ist.

    Letztes Jahr im Sommer habe ich mit meiner Omi dann sehr ausführlich über die Flüchtlingskrise gesprochen, weil sie eben auch… nunja, konservativer eingestellt ist diesbezüglich (CDU-Wählerin). Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich überzeugen konnte, dass einiges von dem, was in den Medien so negativ hochgehypt wurde, einfach falsch bzw. missverständlich ist, aber es war an und für sich ein gutes Gespräch.

    Wenn mir an der Person etwas liegt, die in meinen Augen menschenverachtende Äußerungen tätigt, suche ich also immer das Gespräch. Zum Glück ist mir tatsächlich noch niemand im Freundes- bzw. Familienkreis untergekommen, der AFD- oder PEGIDA-Neigungen (oder äquivalentes) geäußert hat. Jemand (gut) Bekanntes wird von mir also immer erstmal eine Diskussion bekommen, bevor ich ihn/sie ggf. aus meinem Umgangsfeld streiche – wenn das passiert, bin ich aber auch rigoros. Ich will glaub nur sagen, dass man sich um die Kinder fast am wenigsten Sorgen machen muss, da man ihnen sehr früh schnell und deutlich vermitteln kann, was problematisch ist.

    Allerdings würde ich meine Kinder wohl auch nicht zu jemandem nach Hause lassen, der AFD-(oder NPD oder…) Mitglied ist. Das kann ich nachvollziehen.

    Huh. Langer Text ist lang.

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  3. Oh, ich kenn das so gut.

    Ich habe dieses Problem mit meinem Vater (ja, das geb ich so offen zu), aber was macht man da?

    Wir haben uns drauf geeinigt, in der Familie nichr mehr über „sowas“ zu reden… Ob das so richtig ist, weiß ich auch nicht. Aber ich kann nicht zulassen, dass er seine kleinen Hetzereien vor den Kindern ablässt. 😦

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  4. Oh ja, das Problem kenne ich gut. Vor etwa 16 Jahren (ich war damals 15) habe ich mich mit meiner Großmutter so sehr in die Wolle bekommen über gerade diese Themen, dass sie kis zu ihrem Tod nicht mehr mit mir geredet hat. Ich würde gerne sagen, dass ich es im Nachhinein vielleicht anders angehen hätte können, aber es war ein prägendes Erlebniss. Und heute würde ich es wahrscheinlich immer noch so machen.

    Ich bin grundsetzlich bereit zu Diskussionen, aber nur in einem bestimmten Rahmen. Mein Frusttoleranz ist zu sehr gesungen, als das ich mich auf ewige Debatten über meine eigene Menschlichkeit einlassen kann. Ich muss da Grenzen setzen weil ich es schlicht und einfach nicht mehr einsehen will, dass mich das Gedankengut anderer Menschen andauernd aus der Bahn wirft, mich aufregt, mich übermäßig beschäftigt und mir wie Ballast anhängt. Wäre ich persönlich weniger betroffen von bestimmten Themen könnte ich sie sicher sachlicher diskutieren. Aber das ist vielleicht Wunschdenken.

    Mit meinen Kindenr habe ich schon sehr früh angefangen, über solche Themen zu sprechen. Ihnen meine Vorstellungen und Werte erklärt etc. Sie (sinde jetzt fast 8 und 10 Jahre alt) können erstaunlich gut und sachlich damit umgehen. Und sehen unglaublich viel. „Der xy is total nett, aber sein Papa ist ein Arschloch“ hörte ich neulich beim Mittagessen.

    Am Ende des Tages bin ich für mich selber wohl sehr kompromisslos geworden. Es gibt vielleicht eine handvoll Leute in meinem Leben, für die ich mir wiederholt den Aufwand einer Diskussion machen würde – und bei gerade denen muss ich es nicht. Eltern von Schulfreunden gehören definitiv NICHT dazu und könne zum Glück größtenteils vermieden werden. Alle anderen werden aussortiert. Ich habe vor über 10 Jahren Kontakt zu einem großteil Familie rigeros abgebrochenund es bisher noch kein einziges Mal auch nur ansatzweise bereut. Und nein, ich halte den Ansatz, solchen Menschen aus dem Weg gehen zu wollen in keinster Weise als „genau so schlimm“. Den Vergleich, wenn ich auch verstehe wo er herkommt, halte ich für falsch. „Ich will nichts mit dir zu tun haben weil du Homophob bist“ macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Das ist reiner Selbstschutz, sowohl für meine körperliche als auch meine seelische Unversehrtheit.

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    1. Ohja!
      Solche Verwandten/Freunde kennen wir nur zu gut. Von einem der ehemals besten Freunde meines Mannes haben wir uns entfernt. Er war immer eher konservativ (CDU Wähler), aber als die AfD aufkam…. eigentlich ein sympathischer, intelligenter Mann. Ich habe meinem Mann allerdings gesagt, dass er sich, wenn er ihn sehen möchte, außerhalb unseres Hauses mit ihm treffen muss. Aber meinem Mann ist das auch zu rechts. Mir sind ja die meisten CDU Wähler schon zu rechts ^.^
      Im Kindergarten meiner Geschwister lief ein Kind immer mit der Hand zum Hitlergruß erhoben herum. Weil das Mama und Papa auch gemacht haben, so oft.
      Ein paar Straßen weiter wohnt ein offensichtlicher Nazi (immer schön an den Flaggen im Garten zu erkennen). Und der hat auch Kinder. Und neulich hingen kurz vor der Flagge mit eindeutig extrem rechten Hintergrund Luftballons. Sowas hat dann schon was Absurdes.
      Aber auch bei denen, bei denen man es gar nicht so sehr vermutet ist Rassismus allgegenwärtig. Ein entfernter Verwandter von mir, SPD Mitglied, erzählt gern begleitet von stammtischhaftem Gestus über seine Erfahrungen mit Türken und ihren Integrationsunwillen, bedient rassistische Narrative in einer Tour (na die sind halt so, hahaha! die werden ja schon so geboren, unterdrücken ihre Frauen,…) und wettert in dem exakt gleichen Ton über die Nazis weiter.
      Auch aus der engeren Verwandtschaft kenne ich solches Gebaren, trotz tatsächlicher oder vorgeblicher links-liberal bis links-konservativer Haltung. Und die haben alle Kinder.
      Es ist ein bisschen wie mit dem Genderthema. Blau für Mädchen und Autos ist okay. Aber ihr könnt dem Jungen doch kein Kleid anziehen, da macht ihr ihn ja zum Gespött der Leute! Hinter vielen Masken die Weltoffenheit zeigen steckt halt doch nur eine enge Stirn.
      Meine Großeltern, die ich sehr liebe sind zum Glück tatsächlich nicht so. Auch wenn die Vergangenheit von beiden sehr verschieden bewältigt wird (auch auf Grund ihres unterschiedlichen Alters zum Nazi-Regime-Zeitpunkt). Sie sind herzliche Menschen, die lediglich die alterstypische Gedankensturheit manchmal aufweisen. Aber auch die erstaunlich wenig.

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