Rosa mit Pink und Violett

Vor Ankunft der kleinen Lady hatte ich noch nicht so viel über das Thema Sexismus im Kinderalltag nachgedacht. Klar, das rosafarbene Überraschungsei war mir schon sehr sauer aufgestoßen und die Barbie-Abteilung im Spielzeugladen hatte mich auch etwas verstört. Aber ansonsten, dachte ich, kann man um den ganzen Schmonzes ja auch einfach einen gepflegten Bogen machen, dem Kind Puppen, Autos und selbst geschnitzte Holzschwerter in die Patschehändchen drücken und gut is. Dachte ich.Und dann ging ich in die Kinderabteilung…

… und gewahrte das wahre Ausmaß dieser Rosahellblau-Verschwörung. Und war genervt. Und ich ging wieder. Und ich kam wieder. Denn das Kind brauchte immer mal wieder Kleidung. Und ich war wieder genervt.

Dieses Denken in festen Kategorien, dieses dramatische Begrenzen von Möglichkeiten. Ich hasse es. Aber ich bin auch ein visueller Mensch und deswegen nervt mich die Klamottenauswahl, die die Industrie (und Gesellschaft) meiner Tochter zubilligt noch aus einem anderen Grund: 

Die Klamotten sind hässlich

Ja, ich gebe es zu: 

  
Ich liebe dieses rosafarbene geblümte Kleid meiner Tochter. Ich finde es zau-ber-haft. Seht ihr den Rock, der *puhf* macht? Mit Unterrock für mehr Volumen! Die Spitze! So hübsch sieht die kleine Lady darin aus! Ich würd’s selbst anziehen, wenn ich es in meiner Größe hätte!

Würde ich dann jeden Tag nur rosafarbene Kleider tragen? Nein, natürlich nicht. Wäre langweilig und oft unpassend und unpraktisch. Würde ich jeden Tag generell rosafarbene Sachen tragen? Nein, wie gesagt, langweilig, unpassend, unpraktisch. Und so sehr mag ich Rosa jetzt auch nicht und es gibt ja noch andere tolle Farben. schwarz, türkis, gelb – wie es euch gefällt!

Bei einem Mädchen zwischen null und zwölf Jahren ist das allerdings was anderes. Rosa. Pink. Jeden. Verdammten. Tag. Wenn es nach dem Programm der meisten Bekleidungsläden geht. 

Und ich versteh es nicht. Ja, klar, die aktuelle gesellschaftliche Norm gebietet, dass junge weibliche Menschen und die Farbe Rosa in all ihren Schattierungen untrennbar miteinander verbunden sind. Aber von Kopf bis Fuß?! Rosa Jacke, rosa Kleid, rosa Strumpfhose, rosa Schuhe mit rosa Schleifen. Natürlich jedes Teil in einem anderen Rosaton ( Altrosa, Magenta, Fuchsia, Rosé, …). Und Muster! Herzen, Schleifen, Blumen, Schmetterlinge. Auf dem Kleid Blumen in leuchtendem Pink, auf der hellrosafarbenen Strumpfhose dunkelrosafarbene Herzen, an der Jacke rosafarbene Pailletten. Und in reinstem Magenta (übrigens die eingetragene Hausfarbe der Telekom) der Schriftzug „Little Princess“. Wer ist da modisches Vorbild? Cindy aus Marzahn? 

Aber ich übertreibe. So monochrom ist die Mädchenwelt gar nicht. Es gibt ja noch Weiß (als Basis für rosa Pailletten) und Violett in all seinen Facetten: Lavendel, Flieder, Lila. Mauve vielleicht nicht, das wäre etwas zu düster für die Kleinen. Aber manchmal, ganz gewagt, sogar Pflaume. Ich liebe ja besonders die Kombination von Rosa und Violett. So geschmackvoll. Das wissen die Hersteller und produzieren nur violette und rosafarbene Hosen (gestreift!) die ich dann mit den violetten und rosafarbenen Oberteilen kombinieren kann. Mit Herzen und Blumen und Schmetterlingen natürlich, für die fröhlichsten Musterkombinationen, damit mein Kind aussieht wie eine geplatzte Wundertüte. Für Mädchen, selbstverständlich. 

Ich hab mir schon vor der Geburt der kleinen Lady vorgenommen, für mein Kind ordentlich in der Jungsabteilung zu wildern – egal welches Geschlecht es hat. Da hat nämlich (zumindest bei H&M) einiges mein Herz hüpfen lassen: Schiebermützen, Hosenträger, Cardigans. Hach. Nun ist das Kind da und hat überraschenderweise nicht die Maße einer H&M-Schaufensterpuppe bzw. eines Baby-Slenderman. (Diese krassen Schnitte sind überhaupt einen eigenen Artikel wert!) Und ich stelle fest, eine Skinny-Jeans ist für einen Menschen, der noch nichtmal die Hälfte seines Lebens laufen kann, nicht das komfortabelste Kleidungsstück. Schau ich mich jedoch in anderen Läden um, wird es vielleicht bequemer, allerdings auch wieder… hässlicher. 

Für Jungs

Farbauswahl: Hellblau, Dunkelblau, Cyan, Brauntöne, Grüntöne, Beige, Grau, Weiß, oder auch mal ganz gewagt: Gelb. Wobei ich inzwischen festgestellt habe, dass ich auch nicht einfach in der Jungsabteilung für mein Kind shoppen kann. Denn außer der H&M „Kleiner-Fatzke-Kollektion“, die im Übrigen furchtbar unbequem und unpraktisch geschnitten ist, gibt es nirgendwo ein Jungenkleidungsstück ohne grässlichen Aufdruck. Motorisiert muss es sein, am besten mit Rennautos. Der Schriftzug „Little Sailor“ mit maritimen Motiven ist da noch die classy Variante. Tiere gibt’s auch manchmal, aber eher als Beute („kleiner Angler“) oder abgefahrene Cartoon-Figuren. Motorisiert muss es meistens sein: Traktoren, Autos, Raketen. Ich bin kein Freund von Fahrzeugen. Also, ja schon, zur Beförderung, aber nicht so, dass ich mir ein Foto von einem Traktor an die Wand hängen würde. Und schön gestaltet ist das alles doch auch nicht, mal so als Designerin (die ich ja bin, ähem!) gesprochen. Letztens hab ich mich mal auf der Suche nach Sandalen in der Schuhabteilung für Kinder mit Penissen umgesehen, weil ich die Nase von voll von Rosa hatte – und war tatsächlich noch mehr abgestoßen. Was bei den Mädchen an unnützem Zubehör in Form von Schleifen, Glitzersteinen und Röschen den Kinderfuß beschwert, ist bei den Jungen… ja, was eigentlich? Was sind das für Quadratlatschen?! Dicke Sohle, breite Riemen, fette Nähte. Klobig muss es sein. Der Schuh muss aussehen als könnte er durch einen Knopfdruck in einen Killerroboter oder Traktor umgewandelt werden. (Was ist das überhaupt mit diesen allgegenwärtigen Traktoren? Als ob irgendwer ernsthaft will, dass der Sohn Landwirt wird. Dieser unterbezahlte Berufszweig hat doch bei Erwachsenen gar kein gutes Standing!) Und die wichtigsten Jungsfarben müssen alle gleichzeitig jeden Schuh zieren: Sandalen in Grün-Blau-Braun, in Braun-Grün-Blau, und welche in Blau-Grün-Braun. Wahrscheinlich, damit man den Dreck nicht so sieht. Eigentlich praktisch. Jungs machen sich ja ständig dreckig. 

Gute Überleitung!

Dreckiges Kind – Badewanne. Passt.

Also, da wollten wir letztens mal ein Schaumbad für meinen Mann, äh, unsere Tochter kaufen und verirrten uns, warum auch immer, in die Kinderreinigungsmittelabteilung der Drogerie. Ich wollte was einfaches, was ein bisschen nach Bio und Wellness und Anthroposophie aussieht, irgendwas muss es ja geben. 

Nee! Pink oder Blau, Feenprinzessin oder Pirat, entscheide dich! Nicht. Eine. Neutrale. Variante. Hast du zwei Kinder, eines mit Y-Chromosom und eines mit zwei X, dann kauf gefälligst zwei Sorten. Und nicht mischen! Können dann auch nicht zusammen in die Wanne, die Bälger, da müsst ihr dann zwei Durchgänge machen. Sollte man ja eh nicht machen, zwei Kinder verschiedenen Geschlechts zusammen nackt in die Badewanne packen. Igitt. 

Aber, was diese ganzen Produkte extra, ganz speziell und nur für Kinder angeht… Wenn das Zeug aussieht als ob es im Dunkeln leuchtet und riecht als ob ein Red-Bull-Tanker in eine Kaugummifabrik gekracht wäre, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es für empfindliche Kinderhaut geeignet ist. Obwohl ich mit dieser Phrase „empfindliche Kinderhaut“ auch vorsichtig wäre. Klar, für die zarte junge Pfirsichhaut brauchen wir spezielle Cremes, Shampoos, und Seifen und Waschmittel, die frei sind von Schadstoffen und Giften und Igitt und sonstwas, während wir uns selbst, da wir ja zähe, robuste, alte Erwachsenenhaut haben, sorglos mit Industrieschmiere einreiben können. Der ganze Glitzer und die leuchtend pinke Farbe von „Prünzessin Lilliebell Zuckerschnutes Zauberschaumbad“ sind natürlich besonders gut für zarte Mädchenhaut. 

Ich persönlich mag meine Pflegeprodukte ja gern mit möglichst wenig Inhaltsstoffen und eher frei von Glitzer und Farbe. Und ohne den Duft von Regenbogengötterspeise. Die kleine Lady war olfaktorisch auch nicht angetan und wir sind dann ganz gewagt in die Erwachsenenabteilung expediert. Tatsächlich war die wesentlich subtiler gegendert – das fiel mir in dem Moment gar nicht mehr auf, nach der zweigeteilten Kinderzone. (Gibt’s überhaupt Schaumbad für Männer…?)

Fazit

Sie nervt, die Rosahellblaufalle (http://ich-mach-mir-die-welt.de/rosa-hellblau-falle/#sthash.VoS1Y53r.dpbs). Immer wieder. Und sie ist modisch ätzend. Orthopädisch auch. (Rucksäcke für Jungs und Handtaschen für Mädchen!) Tired of your shit, Industry! 

PS: Und es gibt nur pinke Zopfhalter und Haarspangen! Nur! 

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2 Kommentare zu „Rosa mit Pink und Violett

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  1. Ich mache einen großen Bogen um kinderabteilungen! Zum Glück gibt es das familienbadezeug bzw. Sachen von weleda 🙂 klamottenmäßig war ich damals viel in secondhandshops wie der Garage unterwegs und inzwischen bedienen sich die Damen am liebsten an den schwarzen Teilen bei h&m! Würde ich nochmal anfangen 🙂 würde ich nähen lernen denke ich!

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