Ferienhölle

Ich habe die Sommerferien schon als Kind gehasst und gefürchtet. Nein, das stimmt nicht. Natürlich habe ich mich auf die ewig lange freie Zeit gefreut und ihr erwartungsvoll entgegen gesehen. Aber ich erinnere mich auch an diese schrecklich öden Tage: Die Sonne scheint. Die Wiese ist vertrocknet. Ein leichter Wind weht oder kein leichter Wind weht. Es ist still im Hof. Totenstill. Tumbleweed rollt durchs geistige Bild. Der Spielplatz ist verwaist. Sämtliche Kinder des Blocks sind verreist. Auf Gran Canaria oder im Harz oder wasweißichwo. Meine Mutter schickt mich raus: „Es ist schönes Wetter – du hockst gefälligst nicht den ganzen Tag in der Bude!“ Ich sitze auf der Schaukel. Das Quietschen der Kette schallt über den einsamen Hof. Ich will wieder rein. Da bin ich zwar genauso allein, aber wenigstens kann ich zeichnen. Oder ein bisschen spielen. Ich hasse die Ferien. Im Sommer ist es am schlimmsten, weil das Wetter so schön ist, dass meine Mutter mich aus der Wohnung schmeißt. Und weil die verdammten Ferien sechs endlose Wochen dauern. Und weil es so heiß ist zwischen den Plattenbauten. 

Hölle reloaded 

Und da sind wir wieder, nach zehn Jahren Pause: Sommerferien! Wer hätte gedacht, dass sich die ätzendsten Passagen des Lebens einfach wiederholen?! Haha! 

Ok, es sind Kitaferien und ich übertreibe voll, denn wir kleine Familie sind alle zusammen zu Hause und gesund und alles ist supi und es sind auch nicht sechs Wochen, sondern nur drei. Also alles easy. Haha. Jetzt geht’s los, wir fahren als kleine Familie durch die Lande, machen Ausflüge, Picknick, Lagerfeuer, Abenteuer – genießen die Zeit mit Kind und ohne Verpflichtungen. Ja! 

Ja, doch! Machen wir ja. Aber eben nur zu dritt. Nur Mutter, Vater, Kind. Und das ist schön, echt schön. Aber. Mal einen anderen Erwachsenen zum Quatschen. Mal ein weiteres Kind zum Dran-Erfreuen. Mal mehr Kinder. Mal eine gemütliche Runde zum Grillen. Irgendwie waren da in meiner Vorstellung von dieser entspannten, spannenden Sommerzeit mehr Leute. Coole Familien mit Wohnwagen und so. 

Die Hölle, das sind die anderen.

Oder eben der Mangel an denselben. Und das macht mich inzwischen mürbe. Ich kann nicht mehr. Ich liebe meine zwei Lieben, doch ich will nicht mit ihnen auf einer einsamen Insel leben. Das tut uns allen nicht gut. Wir geben unser Bestes, uns nicht gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben und leisten dabei alle echt Großes, glaube ich. Mein Mann und ich fahren ein abwechslungsreiches (und für unsere Verhältnisse viel zu kostspieliges) Programm aus verschiedenen Unternehmungen und wir haben Spaß und langweilen uns nicht und die kleine Lady ist abends annähernd ausreichend bettschwer. Aber wirklich entspannt wäre ich, wenn einfach alle paar Tage mal ein netter Besuch anstünde. Einfach mal mit einer anderen Familie treffen. Oder mit irgendwem anderen. Abwechslung im geistigen Input, Inspiration durch wechselnde Anregungen von außen. Das würde uns allen gut tun. Mir vermutlich besonders. 

Heaven knows I tried

Wirklich. Ich. Hab’s. Versucht. Schon seit mindestens Mitte der Schwangerschaft. Kurse hab ich besucht, Foren und Facebook-Gruppen frequentiert, Anzeigen geschrieben, mehr Kurse besucht und mit Leuten gesprochen. Gelächelt hab ich und mir beim Smalltalk einen abgebrochen. Ist nicht so meine Königsdisziplin, aber – bei allem Göttern – ich war doch so nett, verdammt nochmal! Irgendwem muss ich doch sympathisch sein! Ich mein, da sind die an den Seiten abrasierten Haare und das Nasenpiercing, aber wir haben doch auch nicht 1953! Und manche Leute in den Elterngruppen haben doch selbst Deadlocks. Irgendwer muss doch mal Bock haben, sich mit uns anzufreunden! 

Meine Ausbeute nach nun zwei Jahren Eigen-PR und Freunde-Akquise ist mehr als kläglich: einige lockere Bekanntschaften, die inzwischen mehr und mehr im Sande verlaufen und verlaufen sind und eine einzige interfamiliäre Beziehung, die solide und verlässlich ist, auch wenn beide Eltern als Babysitter nie in Frage kommen werden, weil sie selbst so viel arbeiten müssen. Als Sahne-Kackhaufen oben drauf kommt der Verlust so mancher Vor-Kinder-Freundschaft, so dass ich mir meine Freunde von „früher“ inzwischen an einer Hand abzählen kann – ohne Daumen und Ringfinger. Als Kack-Kirsche ziert diesen Eisbecher der Kackigkeit die Tatsache, dass natürlich niemand irgendwann irgendwie Zeit hat. Familie nicht, Freunde nicht. Arbeit, Renovierung und dieser verdammte Uuuuurlaub, von dem immer alle reden. Verreisen und so’n Scheiß. 

Verzweiflungstat

  
Ich geb’s mir aber gern nochmal selbst so richtig hart und beweise mir, dass ich wirklich wirklich der letzte Loser in der Ecke beim Sportunterricht bin, während sogar der einbeinige, blinde Timmi noch in die Mannschaft gewählt wurde. Also malte (ja, malte, mit verschieden farbigen Stiften!) ich ein Zettelchen mit meiner bewusst locker flockigen Botschaft für die anderen Eltern in unserem Kinderladen: „Was macht ihr so in den Sommerferien?“ Müssen doch auch Leute dabei sein, die nicht die vollen drei Wochen Schließzeit verreist sind, oder? Und die freuen sich doch bestimmt auch über nette Gesellschaft, oder? Und die Kinder spielen doch dann immer so schön und die Erwachsenen können in Ruhe quatschen und Kuchen mampfen, oder? Kann man sich doch einfach zusammen tun, oder? Oder?!

Am Arsch! Eine (eine!) halbe Zusage für ein (ein!) mögliches Treffen in der letzten (letzten von drei!) Woche habe wir beim Sommerfest ergattert. Beim Sommerfest! Wo wir auch so sympathisch und nett waren und total lässig Kontakte knüpfen wollte und wieder mal alles ganz nett, aber so verdammt unverbindlich war. 

Und jetzt langsam wird mir klar, dass das auch so bleiben wird und meine letzte Hoffnung damit auch zunichte ist. Nein, wir werden uns nicht mit den anderen Eltern aus dem Kinderladen anfreunden. Die werden nett mit uns reden auf dem Elternabend und uns anlächeln, wenn mein Mann mal wieder beim Handwerken im Laden hilft oder ich ein Plakat für den Kuchenbasar male. Und das war’s. Die meisten von denen kennen sich schon und sind voll die Clique oder vielleicht wollen die auch einfach keine Freunde. Vielleicht haben die keine Zeit, weil sie nur arbeiten oder sie sind sich einfach selbst komplett genug. Oder sie haben irgendwoher anders schon ganz viele Freunde, vielleicht wurden da mal welche verteilt und ich hab’s verpasst. Oder sie hassen uns einfach. Ja, das wird’s sein. Wir sind einfach so fucking unsympathisch. Warum, weiß ich nicht, aber das ist sicher Teil des Problems. 

Mein liebes Kind, es tut mir leid. 

Ich fürchte, das Außenseitertum ist erblich. Du wirst wahrscheinlich nie Freunde mit zum Spielen nach Hause bringen, weil niemand sein Kind mit zu uns schicken wird. Deine Nachmittage kannst du gern mit uns, deinen Eltern, verbringen. Wir können basteln und Videospiele zocken. Deine Ferien werden lang und einsam. Ich verspreche dir, dass ich dich nicht allein auf den Spielplatz schicke. 

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7 Kommentare zu „Ferienhölle

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  1. Du bist nicht allein.
    Hier läuft es etwa genauso ab. Bis auf die Verluste der „Ohnekindfreundschaften“. Was ich allerdings bei diesen vermisse, sind die Abende, an denen mein Mann und ich mal gemeinsam und ohne Kind wieder auf eine Party oder zu einem ähnlichen Treffen gehen können. Mangels Babysitter fällt das hier nämlich auch flach.
    Für mich erstaunlich: Kürzlich zu einer Party kamen die Vorkinderfreunde, die uns bei ihrem ersten Kind quasi aus den Augen verloren hatten wieder aus den Löchern gekrochen. Und schon hatten wir eine wilde Party, nicht so wie wir uns das vor 20 Jahren vorgestellt hätten, aber wild wars mit 6 Kindern und 10 Erwachsenen.
    Und ich hoffe sehr, dass es einfacher wird, wenn die Kinder sich ihre Freunde endlich selbst aussuchen können. Dann ist das nämlich nicht mehr mein Problem. Nix mit erblich, die Kleinen können das viel besser als wir verkorksten Erwachsenen.

    Gefällt 1 Person

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