unerzogen über die eigenen Grenzen hinaus? – ein Brief an Mo

Auf 2kindchaos.com hat Mo Zart ihre Gedanken über das (Nicht)Konzept „unerzogen“ geäußert: https://www.2kindchaos.com/familie/erziehung/unerzogen Am Ende hat sie dann nach der Meinung der Unerzogenen (also anderer Eltern, die diesen Weg gehen) gefragt und da ich mich ja selbst immer wieder mit diesem Thema befasse, möchte ich ihr hier antworten – und damit vielleicht meine eigenen Gedanken ausformulieren und ordnen.



Liebe Mo,

du hast mir erstmal schon einiges voraus. Meine einzelne Tochter ist nämlich erst anderthalb Jahre alt. Du hast also schon wesentlich mehr Elternerfahrung als ich. Insofern habe ich das Gefühl, dass ich mich mit „unerzogen“ eigentlich nicht so richtig auskenne – einfach, weil ich „erziehen“ nicht kenne. Denn ich weiß immer noch nicht so ganz, wie man einem Kind in dem Alter etwas wie Erziehung angedeihen lassen soll. Vielleicht ist diese Einstellung aber auch gerade ziemlich unerzogen… Ein bisschen was gelesen hab ich aber bisher (besonders auf dem Blog https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com und in der unerzogen- Facebook-Gruppe, die ich dir beide sehr empfehle!) und will von diesem Punkt aus mal auf deinen Text eingehen.

Wie soll ich das stemmen?

Diese Frage kommt mir bekannt vor durch das Lesen von Blog und Facebookgruppe. Das Fragen sich nämlich viele Leute, die auf diese Idee treffen! Und dann die Sorge: ich mach das gar nicht richtig! 

Aber es geht hier nicht um eine Diät oder ein Sportprogramm, bei dem man immer wieder schwach wird und sein Wochenziel nicht erreicht. Nein, es geht darum zu den Kindern in Beziehung zu treten, Denkmuster zu hinterfragen und aufzulösen. Das ist eine Herausforderung, die sicher auch Schwierigkeiten und Zweifel mit sich bringt. Doch vielleicht sollte man es besser als eine Richtung ansehen, die man einschlägt, und nicht als festen Weg, den man beschreitet. Ein Prozess. Es gibt keinen Wettbewerb „Wer lebt unerzogener?“ oder „Die entspanntestestesten Eltern Deutschlands“. 

Ich würde sagen, wann immer du das Gefühl hast, etwas „stemmen“ zu müssen, entfernst du dich eher vom unerzogenen Weg. Wenn du das Gefühl hast, frei zu sein oder eine Last loszuwerden, hast du einen unerzogenen Schritt gemacht. 

Freie, glückliche Kinder – und immer mehr Arbeit für mich

Dass du als Familienmitglied genauso Recht auf Bedürfnisserfüllung und Grenzen hast, hast du ja schon von deiner Therapeutin und Jesper Juul gelernt. (Und wahrscheinlich musst du es immer mal wieder lernen, wie so ziemlich alle Eltern – ich jedenfalls schon!) Unerzogen ist da voll mit dir auf einer Wellenlänge! Es soll allen gut gehen. Das Prinzip beinhaltet nicht: die Kinder tanzen auf den Tischen und die Eltern räumen die Scherben auf. (Es sei denn, alle wollen das so.) Dich stört die Kletterlandschaft im Wohnzimmer? Na, dann weg damit! Du bist nicht verpflichtet, deinen Kindern besondere Attraktionen zur Verfügung zu stellen. Schon gar nicht dauerhaft. 

Wenn irgendein Spiel deiner Kinder für dich unerwünschte Konsequenzen hat (wie zum Beispiel aufräumen), dann sag ihnen das. Vielleicht fällt euch eine Alternative ein. Aus Prinzip alles zu verbieten, ist unsinnig. Aus Prinzip alles geschehen zu lassen aber auch. 

Die Sache mit den Gesellschaftsspielen. Es ist für Coco sicher noch nicht nachvollziehbar, warum dich das nervt. Sagen, würde ich es aber trotzdem. Meine Tochter im gleichen Alter überrascht mich immer wieder mit ihrem Verständnis. Außerdem hat sie so Phasen, in denen sie etwas immer wieder spielt und nach einigen Tagen ist das vorbei. Vielleicht endet das irgendwann. Vielleicht kannst du sie auch ablenken, indem du ihr ein eigenes Spiel kaufst und ihr erklärst, dass die anderen eben der Schwester gehören. Oder du vereinbarst mit Maple, dass die Spiele erstmal an einen anderen, für Coco nicht zugänglichen (und eventuell nicht sichtbaren) Ort verschwinden. 

Unerzogen bedeutet jedenfalls nicht, dass du gezwungenermaßen alles zulassen musst. Wenn du dich hier fragst: „WTF spricht dagegen?“, lautet die Antwort ja, dass du keine Lust auf das Chaos und dessen Beseitigung hast. Das ist doch ein legitimes Argument! Als Unerziehende sagst du aber nicht: „Lass das! Du darfst das nicht!“ Sondern: „Ich möchte das nicht, weil dann überall Unordnung herrscht. Wir können aber gern etwas anderes spielen.“

Süßigkeiten 

Wie Fernsehen und Computerspiele ist das ein Thema, dass im Unerzogen-Kontext immer wieder auftaucht. Diesen Artikel mochte ich sehr dazu: https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/2016/01/11/machen-fernsehen-und-suessigkeiten-kinder-suechtig-so-kannst-du-es-verhindern/

Mir fallen zwei Dinge dazu ein.

Erstens: Willst du es vielleicht mal ausprobieren? Würde Coco wirklich nur Schokolade essen und das über einen so langen Zeitraum? Oder hätte sie nach zwei Tagen das Bedürfnis nach einem Apfel oder einem Stück Brot? Meine Tochter manchmal tagelang fast ausschließlich Joghurt. Dann wechselt sie plötzlich ihre Diät. Wurst ist auch furchtbar beliebt. Aber gelegentlich schaffen es auch Tomaten, Butter oder sogar Brot auf ihren Speiseplan. Ich bin da recht entspannt und immer wieder überrascht, wenn sie mit einem Mal auf ein ganz umgewohntes Nahrungsmittel umschwenkt. Der kleine Körper scheint schon irgendeinen Plan zu haben und da misch ich mich nicht allzu sehr ein.

Zweitens:  Vorleben. Wenn niemand bei euch Schokolade isst und keine im Haus ist, vergisst so ein kleines Kind recht schnell die Süßigkeit. Wenn bei uns keine Salami auf dem Frühstückstisch liegt, fragt die kleine Lady auch nicht danach. Haha, man muss sich nur selbst disziplinieren, haha! (Wir schaffen’s noch nicht!) 

Und ansonsten: Nieder mit der Konsequenz! Manchmal ist es für die kleine Lady ok, wenn ich sage: „Nein, jetzt ist es zu spät am Abend für Kekse. Du kannst morgen wieder welche essen.“ Manchmal ist es nicht ok und sie will unbedingt Kekse (oder sonstwas). Dann bekommt sie sie, und ich muss keinen Tantrum über mich ergehen lassen. Einmal nachzugeben, bedeutet nämlich nicht, immer nachzugeben. Kompromisse finden, ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt. 

Erziehungsziele

Richtig, Unerziehende solltest sowas nicht haben. Geht ja auch nicht, wenn sie Erziehung ablehnen. Vielleicht irritiert dich hier aber eher die Formulierung. Du möchtest, dass deine Kinder sich richtig fühlen, so wie sie sind. Das wünsche ich mir auch. Ja, ich wünsche es mir. Ich versuche, aktiv dazu beizutragen, indem ich meiner Tochter meine Liebe zu ihr zeige und mich selbst immer wieder bemühe, sie so anzunehmen, wie sie ist. Mehr Einfluss darauf habe ich nicht. Oder wie sollte ich sie dahingehend „erziehen“? Wie „erzieht“ man denn jemanden zur Selbstliebe?? „Jetzt hör auf, so selbstkritisch zu sein! Du bekommst eine Praline, wenn du dich brav selbstbewusst fühlst! Sich schlecht fühlen, ist in unserem Haushalt verboten!“

Und dann kommt in deinem Text wieder stark dein Glaube durch, unerzogen bedeute, die Kinder alles machen zu lassen, egal, was es dich kostet – das ist nicht unerzogen! Du sagst selbst, ihr müsst aufeinander hören – und das bedeutet unerzogen! Es heißt, aufeinander zu hören, anstatt sinnlos Regel aufzustellen und zu befolgen, weil „man das nunmal so macht“. 

Unerzogene Kinder leben nicht ohne Grenzen. Die Grenzen sind eben nicht die willkürlichen Grenzen, die Personen und Situationen ignorieren („Jeden Abend geht’s 19 Uhr ins Bett, egal wie müde du bist!“). Es sind natürliche Grenzen: Ich bringe mein Kind ins Bett, weil es müde ist. Ich tobe nicht mit meinen Kind, weil ich selbst müde bin. Wir toben jetzt nicht laut durchs Zimmer, weil die Nachbarn schlafen. Diese Grenzen sind genauso real wie die Tatsache, dass ein Kind nunmal nicht fliegen kann. Es ist weder deine Pflicht, über deine eigenen Grenzen hinauszugehen, noch deinem Kind ein Flugzeug zu kaufen. 

Was du also über Grenzen und Freiheit formulierst, was du über Bedürfnisse und Rücksichtnahme gelernt hast, dein Wünsch nach Lösungen, die für alle passen – das ist unerzogen. Du bist schon voll in Fahrt, während du noch überlegst, ob du einsteigen sollst. Also, lehn dich zurück und genieß die Aussicht. Dein Gefühl hat dich auf diesen Weg gebracht und jetzt hast du ein Wort dafür gefunden: unerzogen. Das ist ein sehr flexibles Wort und du kannst es drehen und zerren, damit es zu eurer Familie passt. 

Zum Abschluss noch mal ein Verweis auf diesen Post, der gerade wieder die Runde machte und einfach sehr gut passt: http://unerzogenleben.com/index.php/2016/07/10/4-fehler-die-du-niemals-machen-solltest-wenn-du-nicht-mehr-erziehen-willst/

Ich wünsche euch dabei eine ganz luftige, freie, leichte Zeit,

Julia

PS: Eine ganz subjektive, persönliche Sache von mir: das Beitragsbild zu deinem Text irritiert mich sehr – ein kleines Kind, das an einem Bierkrug nippt. Ich selbst bin wirklich sehr allergisch auf die Kombination von Kindern und Alkohol, selbst wenn es nur „Spaß“ sein soll. Im Kontext wirkt das außerdem ein bisschen, als ob unerzogene Kinder alles alles machen dürften, was ja eben nicht der Fall ist. Gefahren für Leib und Seele sind immer die absolute Grenze. Das Bild, habe ich das Gefühl, wirft ein schlechtes Licht auf unerzogen und schafft bzw. bestätigt womöglich Vorurteile. 

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Ein Kommentar zu „unerzogen über die eigenen Grenzen hinaus? – ein Brief an Mo

Gib deinen ab

  1. Liebe Julia,

    tausend Dank für Deinen Text! Jetzt fühle mich wild und frei und wunderbar 🙂

    Ich habe langsam auch das Gefühl, dass wir unerzogen leben. Das war sehr erhellend für mich.

    Mit dem Bild hast Du Recht. Dass es inhaltlich doch passt, konntest Du nicht wissen: In dem Bierkrug befindet sich alkoholfreies Radler. Darf ich mal probieren? Klar. Hmmm, lecker! Ich hätte als Kind natürlich nicht probieren dürfen, denn Bier ist ja nix für Kinder. Dass das Bild das Falsche suggeriert, sehe ich ein. Ich hab fieberhaft gesucht nach Bildern, wo meine Kinder irgendwas tun, was meine Eltern schrecklich ungezogen gefunden hätten. Ich hatte aber sonst nur Bilder, auf denen sie mit ganzem Gesicht zu erkennen sind.

    Dann hab ich also doch das Wesentliche von Juul mitgenommen und nur nicht gewusst, dass es unerzogen ist: Grenzen um der Grenzen willen sind unnötig, ja, einengend und behindernd. Es geht um persönliche Grenzen. Ich war etwas irritiert, dass sich manche Unerzogenen überhaupt an dem Wort „Grenze“ stören.

    Mit der Ernährung, da muss ich drüber nachdenken. Vielleicht ist es ein Unterschied, ob ein Kind von Anfang an so aufwächst oder ob es da bisher Regeln gab, und auf einmal gibt es die Erlaubnis, von allem alles zu essen. Ich muss schon sagen, dass ich da Respekt vor habe. Bei Maple wäre es vermutlich kein Problem.

    Bei der Kletterlandschaft wäre es gut gewesen, wenn ich mein Tun kommuniziert hätte. Ich hätte sagen können: So, Kinder, jetzt hatten wir ganz lange die Kletterlandschaft aufgebaut, ich möchte sie gerne abbauen, denn ich brauche Platz im Wohnzimmer. Es ist mir zu eng. Dann hätten sie dagegen geredet, und wir hätten einen Kompromiss finden können (noch einen Tag, dann weg oder bald wieder aufbauen etc.). Ich habe es in Maples Abwesenheit gemacht. Ich halte mir aber zugute, dass ich es die vorigen Male, als ich das Kletterparadies abgebaut habe (bzw. wir es alle zusammen abgebaut haben), begründet habe.

    Das mit dem Wegräumen von Spielsachen … 😀 Da komme ich an den Punkt, dass ich in einer leeren Wohnung wohnen muss. Aber das ist schon ok, sie darf ja damit spielen, aber wir räumen zwischendurch auf, weil man sonst ständig auf die harten Hasen von Lotti Karotti tritt, was genauso weh tut wie auf einen kleinen Legostein.

    Zu den Erziehungszielen. Es ist schon mein Ziel, ihr das zu vermitteln, aber da man das nicht ankonditionieren kann (und ich auch nicht will), lebe ich es einfach. Juul hat mal geschrieben, dass Kinder sich erst mal so bewerten, wie Eltern sie bewerten. Das leuchtet ein. Katrin Ökohippie hat gesagt, ich würde da eher einen Wert vermitteln als ein Ziel anerziehen.

    Mit dem Nachgeben (doch noch Kekse nach dem Zähneputzen) ist das so eine Sache. Einerseits hallt mir da nach, was meine Therapeutin mir diesbezüglich erklärt hat im Rahmen, als wir wirklich krass konditionieren mussten (und das medizinisch indiziert war – ich meine, die Schmerzstörung ist wegkonditioniert. Das kann nicht falsch sein.): Wenn man immer konsequent ist, nur manchmal nicht, wirkt das im Gehirn noch mehr verstärkend als wenn man nie konsequent ist (intermettierende Verstärkung). Aber: Wir befinden uns ja in keiner Konditionierung, sondern entscheiden von Situation zu Situation, und man kann sich umentscheiden, wenn man es erklärt. Auch das finde ich plausibel.

    Die Sache mit dem Ernährung vorleben ist so eine Sache. Wir sind alle große Genießer, und ich sage oft „Da kann ich mich reinlegen!“, was Maple auch schon kopiert. Ich liebe aber auch Gemüse und Salat – meine Kinder nicht. Mir im Prinzip egal. Aber Schokolade ist meine Leidenschaft, und auch wenn ich mich bemühe sie nicht … äh, nur heimlich zu essen (öffentlich nur ab und zu), checken meine Kinder glaub ich ziemlich genau, dass Schokolade meine große Leidenschaft ist.

    Ich danke Dir noch mal sehr für den Beitrag und die Links. Bei Facebook bin ich aus guten Gründen nicht, und bei den anderen wüsste ich gerne, ob da Menschen dogmatisch oder apodiktisch schreiben. Das kann ich nämlich nicht leiden. Da hab ich mich neulich noch so geärgert bei einer, die unter Unerzogenen eher beliebt ist und bei der es auf mich sehr herablassend wirkte.

    Liebe Grüße
    Mo

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