Grüße aus der Rosahellblaufalle!

Da hatte ich gerade so viel auf dem Blog von http://ich-mach-mir-die-welt.de gestöbert und mir reichlich Gedanken über diese elendige Farbklischeefalle gemacht, als meine mir liebe Schwiegermutter aus dem Urlaub ein Geschenk für die kleine Lady* mitbringt: ein rosafarbenes, Spitzen besetztes, kleines Umhängetäschchen. Mit Goldkettchen dran. So süß. So Mädchen. So… falsch. Irgendetwas in der Richtung sagte ich und stieß die Granny damit ganz schön vor den Kopf. (Tut mir immer noch leid!)Natürlich war sie irritiert, weil bei uns ja nun kein offensichtliches Rosa-Verbot herrscht. Unsere Tochter hat zwar kein Prinzessinnenzimmer, aber hier und da ein Schleifchen (wörtlich und im übertragenen Sinne) ziert sowohl ihre als auch meine Garderobe. Und gelegentlich auch die meines Mannes… 

 

Die Tasche des Anstoßes – die anstößige Tasche
 
Warum hat mich die kleine Tasche dann so gestört?

Darüber musste ich eine ganze Weile nachdenken. Ja, der Blogs wegen, natürlich. Rosa – Mädchenkram – kleine Prinzessinnen – kleine Tussis. Abwärtsspirale Richtung „echte Mädchen“ und so weiter. Trotzdem, wie gesagt, hatten wir bisher kein Rosa-Verbot und waren der ganzen Problematik bisher eher entspannt begegnet. Aber eine Handtasche. Das ist per se ja schon Frauenkram. Dass unsere Tochter seit sie laufen kann gern Tüten und Taschen rumträgt, um sie zu füllen, finde ich persönlich faszinierend und niedlich. Doch wie schnell sind alle Erwachsenen, die das beobachten, dabei zu sagen: Oh, eine richtige Dame! Gehst du shoppen? Fängt ja früh an!

Typisch weiblich eben. Evolutionär bedingt. Schon kleine Steinzeit-Mädchen verwendeten die Geschenktüten aus Mammuthaut zum Shopping spielen. 

Und da schnappt sie zu, die Rosa-Hellblau-Falle. Und dann kommt, wie zur Bestätigung, diese zuckersüße Tasche daher. Als ob Handtäschchen nicht ohnehin schon vor Östrogen tröffen. Dann ist da auch noch Spitze dran! Auf 20 Meter Entfernung kann jetzt jeder Mensch das Kind in die Kategorie „niedliches Mädchen“ einordnen. 

Und was ist daran schlimm?

Sie ist doch ein Mädchen. Und niedlich ist sie erst recht! 

Wie erklär ich das jetzt? (Ich kann wirklich nur den Blog http://ich-mach-mir-die-welt.de empfehlen, da kommt das alles viel besser rüber und wird ausführlich erläutert!) Mädchen sein und niedlich sein ist fein. Eigentlich. Aber. Unsere Gesellschaft findet Mädchen und ihre Weiterentwicklung Frauen: doof, inkompetent, minderwertig, schwach. Ja, auch heute noch. Ja, ich war da auch skeptisch. Aber isso. Inzwischen bin ich ein wenig sensibilisiert (Danke, http://ich-mach-mir-die-welt.de!) erkenn ich die Hinweise…

Mädchen in Hosen, Jungs in Kleidern

Schon bevor ich ein Kind hatte, war da diese dezente Unsicherheit in Bezug auf eine Sache. Natürlich wollte ich offen sein und mein zukünftiges Kind nicht in Rollen pressen. Mädchen mit kurzen Haaren, Latzhose und Matsch im Gesicht? Kein Problem! (Im Gegenteil: voll cool, so’n kleiner Wildfang!) Junge mit langen Haaren und Puppen? Kein Problem! (Im Gegenteil: in diesen Typ Mann hab ich mich doch verliebt!) Meine Kinder dürfen sich aus allen Rollenschubladen frei bedienen. X Und wenn dein Junge ein rosafarbenes Kleid tragen will? Nicht nur zum Fasching? X … Kein… Problem…? Naja, darf er schon, irgendwie, wenn er das unbedingt… Warum find ich dieses Bild nicht so erfreulich wie das von meinem wilden Töchterchen in Hosen?

Warum überhaupt find ich Frauen in Anzügen ok, Männer in Ballkleidern irgendwie verstörend. Dieses ganz leichte Unwohlsein im hintersten Eckchen meines Kopfes. Auf http://ich-mach-mir-die-welt.de habe ich die Antwort gefunden und hatte ein Aha-Erlebnis:

Das Männliche ist erstrebenswert, das Weibliche ein Abstieg. Ein Mädchen, das männliches Verhalten an den Tag legt, verbessert die eigene Position. Indem sie Sport macht z.B., oder technische Fähigkeiten erlangt. Ein Junge, der mit Puppen spielt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten. Gibt er sich weiblich, verschwendet er sein Potenzial auf und erniedrigt sich. Eine Frau, die ambitioniert Karriere macht, ist bewundernswert. Ein Mann, der Zuhause die Care-Arbeit übernimmt, ist ein Weichei. 

Und deshalb ist rosa-weiblich-niedlich nicht neutral, sondern ein Stempel, der eine Bewertung mit sich bringt. So unendlich subtil, fast in homöopathischer Dosierung. Aber bewertend. Und wenn wir unseren Töchtern das Rosa zuweisen, versehen wir sie (unbewusst und unabsichtlich!) mit Prädikaten wie zart, unschuldig, schwach, irrational, minderwertig. Nicht, weil rosa minderwertig ist. Sondern weil rosa weiblich ist und weiblich als minderwertig angesehen wird. Das ist die Rosa-Hellblau-Falle.

Und wir stecken in der Falle

Jeden Tag.

– Wenn wir uns ganz unwohl fühlen, weil wir das (biologische) Geschlecht eines anderen Kindes nicht optisch bestimmen können. Höre ich immer wieder auf dem Spielplatz: „Nein, Leon, die Schaufel gehört dem Mäd… Juu… Die gehört dir nicht!“ Tipp: Kind. Es ist ein Kind. Im Zweifelsfall das Kind selbst nach seinem Namen fragen. Und wenn es dann Jay oder Kim heißt, so what? 

Den Kindern ist das biologische oder soziale oder sonstige Geschlecht egal. Warum ist es für die Eltern so verdammt wichtig, dass ihr Nachwuchs einwandfrei kategorisiert wird? Wenn das Kind alt genug ist, um diese Zuordnung wichtig zu finden, ist es in einem Alter, in dem das die Eltern nichts mehr angeht. Ich bin ja manchmal gemein und lasse verwirrte Eltern, die ich hinter meinem Rücken rumeiern höre, bewusst im Unklaren. Und ich verbessere sie auch nicht bei Falschraten. Halten sie mein Kind eben für männlich. Ist doch nicht schlimm, ein Junge zu sein, oder? Witzig, wenn’s dann rauskommt und es ihnen peinlich ist!

– Wenn wir Dinge sagen wie: „Das heißt FeuerwehrMANN!“ Denn damit lassen wir ganz unterschwellig die Botschaft ins kindliche (und unser eigenes) Gehirn einsickern, dass Brandbekämpfung ein Beruf für Männer ist. Sprache ist Macht, Wiederholung verursacht Gewissheit. Natürlich steht es Frauen frei, eine Karriere bei der Feuerwehr anzustreben – aber wieviele ziehen es gar nicht in Erwägung, weil sie eine Sperre im Gehirn eingebaut haben?

– Wenn allen Ernstes sowas in Schulbüchern steht. Warum? WarumwarumWARUM?!

– Wenn eine Mutter in einem Blogpost schreibt, dass sie ihre Kinder gern ohne Rollenklischees erzieht. Dann erläutert sie aber, dass ihr Fünfjähriger gern Kämpfen spielt, weil das bei Jungs nunmal von Natur aus so ist. Evolutionsbedingt. Mädchen spielen von Natur aus gern mit Puppen und lästern gern, Jungs raufen. Isso.

– Viele weitere Beispiele beim Twittergewitter: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/11/twittergewitter/

Und jetzt?

Darf unsere Tochter jetzt kein Rosa, keine Täschchen, keine Kleider mehr tragen? Und was ist mit Glitzer, auch keinen Glitzer?? (In unserem Haushalt? HahahaHA! *blink*) Es geht nicht. Ich liebe die Kleidchen, mein Mann erst recht. Unsere Tochter trägt sie auch gern und wenn sie nicht situativ total unpraktisch sind, dann hol ich sie verdammt gern aus dem Kleiderschrank. Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich ihr Zöpfe machen kann und Blumen ins Haar flechten. Und Schminke und Nagellack! Ich steh ja selbst auf das Zeug! Nicht täglich, aber bei passender Gelegenheit umso mehr und mit Begeisterung! Ich will ihr diese Freude an der Dekoration des eigenen Körpers nicht vorenthalten. Sie soll nur irgendwie lernen, dass das nicht alles ist, was ihr als weiblichem Menschen zusteht und dass es eine freiwillige Option ist. 

Dass Freude an Schmuck, Schminke, Glitzer und langen Haaren nicht den Frauen allein zustehen, wird ihr ihr Vater schon vermitteln. Mit diesem Täschchen will ich meinen Frieden machen, das kann ja nichts dafür – und es ist echt hübsch, vielleicht leih ich’s mir mal aus…

*In diesem Beitrag heißt unsere Tochter einfach „unsere Tochter“, denn der Name, den sie sonst auf diesem Blog hat, wäre einen eigenen Rosa-Hellblau-Artikel wert: „kleine Lady“. Als ich sie so nannte, hatte ich noch nicht angefangen, derart intensiv über Fragen des Sexismus nachzudenken. Aber trotz aller negativer sexistischer Konnotationen wird sie den Namen auf diesem Blog weiterhin tragen, denn er ist eine Anspielung auf eine von mir heiß geliebte TV-Serie und damit meine ureigenen Wurzeln. Ich lebe gern mit Kontrasten. Auch, wenn ich dann immer wieder darüber nachdenken muss.

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7 Kommentare zu „Grüße aus der Rosahellblaufalle!

Gib deinen ab

  1. HA! Und ich wollte grad sagen, dass Kleine Lady doch gar keine „Rollenzuschreibung“, sondern eben Chibiusa ist. ♥ Und dass Sailor Moon großartig ist, darüber müssen wir nicht reden. BÄM Woman Warrior die gern mal die Kerle retten inklusive non-gendered awesome people! \o/ (Denglisch FTW und so.)

    Aber abgesehen davon ist das echt ein heikles Thema. Ich war mir der Sache von Anfang an sehr bewusst, aber trotzdem kaufe ich den Jungs keine Kleider. Rosa Kram oder Rüschenhosen, kein Problem, aber Kleidchen? *seufz* Und ich bin mir leider selbst auch sehr bewusst, wie abstrus das ist. Allerdings kann ich voller Überzeugung sagen, dass ich überhaupt kein Problem damit hätte, würden die beiden sich ein Kleid oder einen Rock aussuchen – Zack, gekauft. Noch gehen wir aber nicht mit ihnen einkaufen.

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    1. Sailor Moon ist und bleibt die Heldin meiner Kindheit und meine kleine Lady wird ganz bestimmt immer mal wieder mit ihr in Kontakt kommen. Aber rückblickend nochmal betrachtet: Wtf ist der Kram sexistisch! Die kurzen Outfits nur der Anfang! Tja, so ist das mit den Helden der Kindheit und der ersten großen Liebe…

      Ja, und diese Sperre gegen Kleider für Jungs – das konnten uns wohl weder Fischauge, noch die Sailor Star Lights näher bringen. Verdammte tief sitzende Psychoprogrammierung!

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  2. Ich hab viel zu sagen zu dem Thema!! Passt hier gar nicht alles hin! Ich steh dem anti Verhalten sehr kritisch gegenüber! Lieber alles reinnehmen, statt etwas ablehnen! Wo ist da der Unterschied ob ich Röcke für Jungen ablehne oder rosa für Mädchen? Früher trugen alle Röcke/Kleider/Gewänder!!! An sich selbst arbeiten ja, sensibel werden ja, aber nicht extrem und nicht urteilen! Die Welt größer und weiter machen bzw. Sie für die Kinder so sein lassen und da wo schon eingeengt sie wieder öffnen in alles ist möglich! Aber nicht auf eine andere Art eng machen! Frau sein Mann sein definiert sich wo ganz anders! Unterschiede sind auch wichtig! Über allem: alles Menschen groß wie klein!!!! Aber nicht jeder gleich! So jetzt ist’s genug mit d gedankensalat!

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  3. Ich habe Zwillinge, ein Pärchen. Das Mädchen grenzte sich mit den Mädchenklamotten lange Zeit von ihren beiden Brüdern ab und ich liess sie, genau wie sich der Zwillingsbruder mit Drei auch gern Haarspangen ins Haar gemacht hat. Jetzt zieht sie wie ihre Brüder gern Jeans an, wenn sie etwas praktisches vorhat. Ich finde es sehr wichtig, sich konstant Gedanken über Rollenzuschreibungen zu machen. Von dieser Warte aus kann es dann ja entspannt weiter gehen mit viel Glitzer und Sailor Moon.
    Ich sehe an meinen Kindern täglich wie verschieden Jungs und Mädel sind und ich habe jedem Autos UND Puppen in die Hand gedrückt! Jeder von ihnen ist einzigartig, aber die Jungs sind Jungs und jagen Fillies und das Mädchen spielt ruhiger und sozialer. Diese Verschiedenheit finde ich schön und es ist gut so. Dennoch bemühe ich mich, dass die Kinder Männer und Frauen als gleichwertige Teile eines Ganzen erkennen und vom Wesen des anderen profitieren.
    Gerade heute war das wieder Thema, dass die Frau NICHT ein Wesen mit fehlendem Penis ist. MANN, woher hat ein Siebenjähriger das? Der Frau fehlt nichts, sie ist keine Negativstelle und vollkommen – da werde ich echt immer ganz energisch bei solchen Diskussionen.

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    1. Den Kindern viel Freiraum zu lassen und gleichzeitig viel Raum für Gespräche und Reflexion zu geben – das ist einfach der beste Weg!
      Wir müssen uns nur immer vor Augen führen, dass diese Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen (wild vs. sozial) eben doch Folge der Sozialisierung sind. Die passiert ja nicht nur im Elternhaus, sondern eben überall. Wenn wir uns darüber klar sind, sind wir erstmal schon einen Schritt weiter.

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      1. Ist das wirklich so? Ich kenne diese Theorie aus meinen Gender Studies an der Uni. Wenn ich aber mein kleines Mädchen beobachtete, die einfach keine Lust auf Wettkämpfe und Wetbewerb hat und einfach nur in Ruhe (auch mit Jungssachen) spielen will, werde ich da unsicher… ob es nicht doch Unterschiede gibt. Oder ist das einfach ihr ureigenes Wesen? Natürlich könnte die Erklärung sein, dass sie einfach vom Charakter her ganz verschieden ist und das gar nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.
        Aber ich denke auf jedenfall wie du, Wissen und Bewusstsein hilft viel. Als ich mich zum ersten Mal mit Gender Studies (innerhalb der Literaturwissenschaften) beschäftigt habe, sind mir in vielerlei Beziehung die Schuppen von den Augen gefallen…

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      2. Ich bin keine Wissenschaftlerin und kann das nicht beurteilen. Aber: wer kann das? Wie kann man einen Menschen isoliert von sozialen Beziehungen betrachten, um herauszufinden, was von seinen Eigenschaften Disposition und was erlernt ist? Gar nicht. Und es gibt den „stereotype threat“. (Das liest sich alles wunderbar auf dem im Beitrag erwähnten Blog.) Wenn das Umfeld nunmal erwartet, dass ein Mädchen ruhiger und fürsorglicher ist, dann wird eben dieses Verhalten unbewusst und unterschwellig gefördert – vom Tag der Geburt an. Irgendwo spielt der Charakter natürlich auch eine Rolle. Aber Kinder sind wie Schwämme, die unsere Erwartungen aufsaugen – das merke ich schon bei meiner Anderthalbjährigen.

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