Arm, aber sexy

Kürzlich tauchte in meiner Twitter Timeline und wohl auch auf einigen Blogs ein Gedanke auf: die meisten (alle?) von diesen Elternblogs werden von Akademikern betrieben. Akademiker, nehme ich an, steht hier wohl für gut situierte Mittelständler mit hohem Bildungsgrad. Ihr wisst schon. Ja, ich hab ja selbst eine ganz bestimmte Vorstellung von den Leuten, deren Blogs ich lese. Auf Fotos sieht man da Teile vom Leben aufblitzen. In den Texten werden die beruflichen Tätigkeiten angedeutet. Produkte des Alltags werden erwähnt. Ihr wisst schon. Das Gesamtbild – so verschieden die Elternblogger auch sind – ist schon recht homogen. Was den mutmaßlichen Kontostand angeht. Correct me if I’m wrong. Über die Gründe have ich jetzt gar keine Lust, zu spekulieren. Nur eines ist für mich hierzulande recht sicher:

Über Geld spricht man nicht.

Über Geldmangel erst recht nicht. Ich fand das schon immer albern. Meine Freundin will nicht sagen, wieviel sie verdient, man darf nicht nach der Miete anderer Leute fragen und dass man Schulden hat, darf man nie nie nie erwähnen. Weil. Naja, auch da hab ich jetzt keine Lust, mich mit den Gründen zu befassen, denn das wäre wieder ein eigener fetter Blogpost. Ich sag’s euch einfach, wie es ist:

Wir sind arm.

Mein Mann, unser Töchterchen und ich – wir sind eine arme Familie. Das waren wir schon, als das Töchterchen gezeugt wurde. Wir haben unser Kind bewusst unterhalb der Armutsgrenze zur Welt gebracht. Wir Rabeneltern. Wir hätten es ja auch anders machen können. Erstmal „Karriere“ machen. Erstmal irgendwas machen. Fertig werden. Uns was aufbauen. Haben wir nämlich in den letzten zehn Jahren noch nicht auf die Reihe gekriegt. Nein, wir sind hin und her, auf und ab auf unserem Lebensweg gewandert, sind Umwege gegangen, haben begonnen und abgebrochen. Wie heißt das? Ich studiere – ich studiere das Leben. Ja, studiert hab ich auch ein bisschen. Ein paar Monate, weswegen ich nicht sicher bin, ob ich in die oben erwähnte Kategorie der Akademiker Fälle oder nicht. Meine Traumausbildung habe ich erst mit Mitte 20 gefunden und mit Ende 20 abgeschlossen. Und dann? Dann hab ich erstmal noch ein bisschen das Leben studiert, anstatt, wie meine Mit-Azubis, richtig fett in die Arbeitswelt zu starten. Und dann hab ich einfach ein Kind bekommen. Mit voller Absicht. Dieses Durchstarten wäre nämlich wahrscheinlich eine Sache von X Jahren gewesen. Ökonomisch sicher sinnvoll, aber wir hatten für uns eben andere Pläne. Ich bin also gar nicht in Elternzeit, wie ich das meist euphemistisch behaupte. Nö, ich bin einfach mal arbeitslos. Und mein Mann… der ist jetzt schon ganz offiziell in Elternzeit – allerdings ohne einen Chef, den das interessiert. Unbefristet quasi. Wir haben eben wesentlich mehr Zeit als Geld.

Wie ist denn das Leben als arme Leute?

Erst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich das Wort „arm“ hier so inflationär gebrauche. Das ist eher provokativ. Denn wir selbst sehen uns natürlich nicht als arm an. Per definionem sind wir es wohl, weil unser Einkommen eben einen bestimmten Wert unterschreitet. In der Realität aber Leben wir, wie man eben so lebt in Deutschland. Gut. Wir mieten eine wunderschöne Wohnung, kaufen Essen und Kleidung, machen Einkäufe, fahren Auto, schauen Netflix, spielen Videospiele, treffen Freunde. Wir kaufen selten Kleidung, gehen nie essen, leisten uns fast nie Bio-Lebensmittel und unsere Freunde hören immer mal wieder von uns, dass wir uns dieses oder jenes nicht leisten können. Reisen zum Beispiel. Wir jammern nicht – wir äußern nur Tatsachen. Reisen sind uns nämlich nicht wichtig, ebenso wenig wie häufige Shoppingtouren. Bio-Essen wäre schon nett, das ein oder andere Kleidungsstück mehr im Schrank vielleicht auch – aber hey, Platz nach oben ist doch immer! Ansonsten geht es uns sehr gut. 

Das erdet einen

Ok, diesen Monat geht es uns nicht ganz so gut. Da ist jetzt noch sehr viel Monat übrig und das Geld ist fast alle. Wirklich. Es musste eben das ein oder andere bezahlt werden, hier und da waren wir etwas lax und jetzt… Nun ja, Fugenkit und Toastbrot stehen diese Woche ganz oben auf der Speisekarte. Was macht man da? Da geht es an die Basis der Existenz, das kann Angst machen: nicht zu wissen, ob man für die nächsten zehn Tage genug Münzen für Essen zusammenkratzen kann. Essen. Das ist doch nun wirklich keine echte Sorge in unserem Land, oder? Vegan oder glutenfrei ist vielleicht manchmal die Frage, aber doch nicht, ob überhaupt. Zeit für echte Existenzangst. *dramatische Musik*

  

Fuge ohne Kit – schon leer gefressen.
   
Um ehrlich zu sein, sind wir gerade ganz entspannt. Ja, bin fast ein wenig froh. Ich fühle mich geerdet. Endlich plane ich mal wieder unser Essen für die Woche. Endlich kaufen wir nicht nach Impuls, oder mit Zeitdruck. Endlich hören wir auf, so viel wegzuwerfen. Die Brötchen, die von heute Morgen noch übrig sind, müssen morgen früh gegessen werden. Egal, ob sie ein bisschen pappig sind. Das Gemüse, das wir (zum Glück!) in der Restekiste vom Gemüseladen in großer Menge zu kleinem Preis ergattert haben, muss diese Woche nach und nach komplett verbraucht werden. Wegschmeißen geht nicht, auchnicht bei braunen Stellen. Sinnvoll und in der richtigen Reihenfolge (die schneller verderbenden Stücke zuerst) muss es verarbeitet werden. Schmecken sollte es trotzdem. Kreativität ist also gefragt. Gestern gab es Brot mit selbst gemachter Schnittlauchbutter und Rohkostsalat. Dann noch Porridge mit Zutaten, die wir noch im Haus hatten. Wir sind also durchaus mit Stil gut satt geworden. Wenn wir mehr Geld haben, kaufen wir gern mal Fertigessen, denn wir sind viel unterwegs und haben zu Hause dann wenig Zeit und Lust, ordentlich zu kochen. Mit der kleinen Lady am Bein, die dann gegen Abend immer anhänglicher wird, ist das nicht besser geworden. Fertigessen ist aber nicht nur ungesund, sondern auch teuer. Jetzt genieße ich gerade meinen mit leicht angematschten Gemüse für 2,50€ gefüllten Kühlschrank und überlege, was ich womit kombinieren könnte. 

Aber das arme arme Kind!

Arm sein mit Kind geht natürlich nicht. Man muss doch viel kaufen! 

Wahrscheinlich haben die meisten Eltern vor der Geburt des ersten Kindes genauso, wie wir, gelegentlich gedacht, dass man tonnenweise Zubehör für das Projekt Baby benötigt. Und wahrscheinlich haben die meisten dann, wie wir, nach ein paar Monaten den Großteil des angeschafften Zubehörs annähernd unbenutzt in Kisten im Keller verstaut. 

Inzwischen ist die kleine Lady anderthalb Jahre alt und diese Erfahrung hat sich bisher nur bestätigt. Vielleicht wird es noch anders, dann sehen wir weiter. Vielleicht braucht man später mehr Zubehör. Ja, die ersten dicken Posten tauchen auf: monatliche Gebühr für den Kinderladen, Regenkleidung und so in doppelter Ausführung, sommerliche Ausflüge zum See. Doch gerade jetzt, da es uns diesen Monat finanziell so richtig kalt erwischt hat, merke ich, das wir noch mehr sparen können. Klappt schon, hat immer geklappt – ist nicht umsonst unser Familienmotto.

Und das möchte ich meinem Kind mitgeben: Schätze, was du hast. Geld ist nicht wichtig. Liebe, Zeit, Genuss sind wichtig. Sei sparsam, aber klammere dich nicht an dein Geld. Improvisieren geht immer. Sei nicht zu stolz, um um Hilfe zu bitten. Teilen bringt Glück. 

Zurück zum Anfang 

Diese wohlhabenden Akademiker mit ihren Blogs. Schreiben über Kosmetik von Weleda und teure Familienhotels als ob’s nix kostet. Ernähren sich vegan und trinken ihren Hipster-Kaffee jeden Tag in einem anderen Laden. 

Ich les das alles gern und denke mir: Vielleicht irgendwann… Es stimmt schon, ein gewisser Mainstream ist da, eine bestimmte Szene mit ihren Attributen. Trotz allem ist die Elternbloggosphäre eine der heterogensten. Kleinster gemeinsamer Nenner sind die Kinder, darüber hinaus können die Unterschiede groß sein. Und ich unterscheide mich eben von den meisten der Elternblogger durch meinen mickrigen Kontostand. Und meine Frisur, vermute ich mal, aber das ist eine andere Geschichte. 

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17 Kommentare zu „Arm, aber sexy

Gib deinen ab

  1. Hm, also mir ist dieser Gedanke auch schon gekommen. Denn im Ernst, wer jeden Tag 8h an der Kasse sitzt, abends schnell die Kinder von der Krippe und Tagesbetreuung einsammelt, hat nicht mehr viel Energie einen Blog zu betreiben. Dabei wüsste ich zu gern, was so eine Kassiererin eigentlich so den ganzen Tag denkt. Weil, man kennt sich ja so mit der Zeit. sieht immer in etwas dieselben Gesichter, weiss vielleicht die Namen der Kinder (zumindest die meinen, da sie zu oft rumklettern an der Kasse und ich sie zur Ordnung rufen muss, mit Namen natürlich)

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    1. Der Zeitfaktor könnte auf jeden Fall eine Rolle spielen. Bestimmte Jobs lassen einem weder Zeit, noch Energie für kreative Tätigkeiten. Wobei so einige von den „großen“ Bloggern, glaube ich, beruflich ganz schön eingespannt sind.

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  2. Vielleicht schreiben viele Akademiker auch lieber und leichter regelmäßig, weil sie das auch schon die ganze Zeit im Studium gemacht haben. Ich jedenfalls kenne einige Nichtakademiker (ich will mal nicht“ viele“sagen, die nicht gerne schreiben denen es auch überhaupt keinen Spaß macht, Texte auch noch zu überarbeiten, Korrektur zu lesen, auf Rechtschreibung zu achten, auf Sinnbezüge etc.)

    Bezüglich Regenkleidung nehme ich es übrigens auf mich und schleppe die jedenTag zum Kindergarten mit. Alle drei Monate neue Hose, Jacke und Gummistiefel und das auch noch doppelt? Nein danke, zu teuer. Auch wenn alle anderen Eltern das so machen. Von dem Geld kauf ich mir lieber Hipsterkaffee 😉

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    1. Diese ganze Akademiker-Schublade ist eh nicht so mein Ding. Ich hab das Studium nur ein paar Monate durchgehalten, trotzdem lese ich viel und beherrsche Orthografie und Grammatik doch wohl in angemessenem Maße. Geschrieben hab ich auch schon in der Grundschule gern. Und ich kenn auch Menschen ohne Abitur, die viel lesen und schreiben. Schubladen sind eben nie vollständig passend.

      Der Tipp mit Regenkleidung ist gut! Sowas darf man also, ja? Hab mich noch nicht getraut, daran zu denken.

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      1. Ich habe ja nur von meinen persönlichen Erfahrungen gesprochen. Ich glaube, auch gern schreibende Nichtakademiker haben viele Blogs.

        Ob man das mit den Regensachen darf, habe ich mich nie gefragt. Hauptsache, sie ist dort vorhanden, wenn das Kind sie braucht … ?

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      2. Mit den Regensachen werden wir auf jeden Fall bei den anderen (gut betuchten) Eltern in unserem teuren Kinderladen direkt mal aus dem Rahmen fallen. Aber das ist dann halt so. Ich seh das ja auch echt nicht ein, das ist doch Verschwendung!

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      3. Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken um dieses (kleine) Thema. (oder um das große Thema „aus dem Rahmen fallen“) Hauptsache, dein Kind HAT überhaupt Regensachen dort, oder?
        Mir ist es egal, dass die anderen zur Bequemlichkeit doppelt kaufen und unseren Erziehern oder den anderen Eltern ist es egal, dass ich unsere Regensachen immer mitschleppe. 🙂

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      4. Eigentlich bin ich ganz entspannt. Aber auch aufgeregt – denn die Kitazeit geht ja erst nächste Woche zum ersten Mal für uns los! (Und bis dahin haben wir ja eh kein Geld, das Zeug zu kaufen, also egal.)

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  3. Oh, ich könnte Romane schreiben zu diesem Thema!!! Kenn das so gut mit dem Geld, sowohl aus eigener Erfahrung als Kind als auch als Mutter! Ich glaube aber meinen Kindern hat dieses mit wenig Auskommen gut getan / tut es gut: sie wisse jetzt zum Beispiel, dass man auch sehr gut Schlagzeug auf Töpfen und metallgegenständen spielen kann und das Flohmärkte wahre Schätze beherbergen! Auch spüren sie die liebe dahinter, wenn alle aus der Familie zusammenlegen, damit irgendwann doch mal ein echtes Schlagzeug oder ein neues Fahrrad herkann. Und ich freue mich, wenn sie am Abend noch mal zu mir kommen und sagen: ach mama, ich wollt noch danke sagen für das Eis heute, das war lecker! 🙂 zu den Regensachen kann ich als Erzieherin sagen: es ist durchaus beruhigend wenn ich weiß, es gibt immer Regensachen in der Kita für Kind xy, denn sehr oft kommt es vor, dass die dann doch vergessen werden. Als Mutter sag: bitte? Doppelt Regensachen? Hallo? Ich kann mir nicht mal eine neue leisten sondern nehme 2. oder 3. Hand!!! Wenn das Verhältnis zur Erzieherin vertrauensvoll ist, kann man das übrigens sagen, so a la: ich weiß, es wäre praktischer, abreibst nicht drin bei uns, ich achte aber drauf usw. Ich würde das jedenfalls sofort verstehen und wortlos bei vergessen einfach zu den Wechselsachen greifen. Und noch ein Gedanke: gerade beim Geld werd ich meist nur unglücklich, wenn ich beginne zu vergleichen. Daran arbeite ich daher, dass nicht mehr zu tun! Heißt ja eh: die Liebe vergleicht nicht 😉

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    1. Den Mangel an Geld kenn ich auch aus meiner Kindheit und habe darunter auch nicht gelitten. Beim Einkaufen Preise zu vergleichen, ist mir in Knochen und Mark übergegangen, ebenso wie das Genießen besonderer Schätze.

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  4. Hier ist noch eine Nichtakademikerin. Ich hab mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken darum gemacht, ob wir arm sind. Mein Mann geht arbeiten, ich kümmere mich um Kinder, Vögel, Haushalt und die Finanzen,… gespart wird, wo es möglich ist. *seufz*

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  5. Wir sind auch „arm“ fühlen uns aber nicht so… das Geld reicht gut, wenn man nicht dauernd denkt, was man alles braucht! Was du über lebensmittel schreibst, mache ich auch so – aber mit dem guten Gefühl, wenig zu verschwenden und gesund zu kochen. (Fastfood ist doof und wenn die Auftragslage gut ist, lassen wirs krachen!) Wir fahren dieses Jahr sogar Campen, yeah! Soll ich vielleicht auf dem Geld sitzen bleiben? Für meinen Ruhestand spare ich jedenfalls nicht!

    Ich habe das Gefühl, dass es unseren Kindern gut tut, sich mit materiellem Reichtum undsoweiter auseinanderzusetzen. Sie lernen gerade, dass ihre Eltern anders sind als ihre zum Teil aus reichem Hause stammenden Freunde und das ist nicht immer leicht. Es finden aber gerade gute GEspräche statt. Habe Deinen Blog gerade entdeckt und freue mich darüber! Liebe Grüße Verena

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    1. Der Begriff Akademiker/in bezeichnet doch auch wirklich eine viel zu winzige Schublade. Ein hohes Bildungsniveau setzt eben so wenig ein Studium voraus, wie eine kritische reflektierte Geisteshaltung. Und Geld macht nicht nur nicht glücklich, sondern auch nicht schlau.

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