Unnatürliche Fremdbetreuung?

Mein kleine Lady. Sie ist schon groß und stark und schlau. Offen, freundlich, mutig. Ich liebe es, sie mit anderen Kindern verschiedenen Alters interagieren zu sehen. Sie setzt sich durch, gibt nach, beharrt auf ihrem Willen oder macht Kompromisse. Ich habe sie schon weinen sehen, weil ein älteres Kind mit ihr geschimpft hat. Ich habe gesehen, wir sie einem älteren Kind aus dem Weg gegangen ist, um einen Konflikt zu vermeiden. Oft geht sie so neugierig auf andere Kinder zu und will sie nachahmen. Manchmal holt sie mich zur Unterstützung. Sie geht auf Erwachsene zu oder versteckt sich ein bisschen bei mir. Sie kann auch ohne mich sein – bei Papa, Oma oder einer befreundeten Mutter fühlt sie sich wohl. Für eine gewisse Zeit. Länger war sie bisher nur mit ihrem Vater unterwegs…Wenn wir sagen, dass wir auf den Abenteuerspielplatz, in den Garten oder in die Krabbelgruppe gehen, freut sie sich. Sie wird ganz aufgeregt, wenn es heißt Oma oder Granny kommt zu Besuch. Sind wir unterwegs und nähern uns einem bekannten Ort, zeigt sie in die Richtung und will dort hin. Das bedeutet für mich, dass sie mich mehr nur im Augenblick lebt und nicht mehr nur auf meinen Mann und mich fixiert ist. Sie hat ein bisschen Verständnis für die nahe Zukunft und kann Orte positiv verknüpfen.

Ich sage ihr manchmal: „Dort ist dein Kindergarten. Da gehst du bald hin.“

Ich sehe vor meinem geistige Auge, wie sie sich morgens freut, wenn wir ihr ankündigen, dass es heute wieder in den Kindergarten geht. Wie sie dann gleich ihre Schuhe holt und bereit ist, sich anzuziehen. Wenn es ihr dort gefällt. Wenn nicht…

Wird sie uns das auch mitteilen können? Wird sie nach einem schlimmen Tag im Kindergarten uns verständlich machen können, was passiert ist? 

Sie ist schon so groß. Aber auch noch so klein. 

Ein Versuch

Ende Mai soll die Eingewöhnung der kleinen Lady im einem Kinderladen beginnen. Sie ist dann genau anderthalb Jahre alt. Organisatorisch nötig ist das nicht. Nein, nicht wirklich. Wir könnten sie weiterhin zu Hause betreuen. Wir werden sie weiter zu Hause betreuen, wenn wir das Gefühl haben, dass es ihr oder uns mit der Eingewöhnung nicht gut geht. Zunächst soll der Kindergarten auch nur Ergänzung sein. Ich stelle mir im Moment vor, dass sie dort so zwei, drei Tage die Woche für je ein paar Stunden ist. 

Was macht man den ganzen Tag mit einem kleinen Kind?

Ich habe das Gefühl, ich bin so zwei Arten von Eltern mit Kindern unter drei Jahren begegnet und habe dementsprechend unterschiedliche Antworten auf diese Frage erhalten. In den Krabbelgruppen war das vorherrschende Modell schon die Mutter, die sich um das Kind kümmert, während der Vater Vollzeit arbeitet. Mit acht Monaten wird zum ersten Mal die Krabbelgruppe besucht, damit Baby auch mal Artgenossen kennenlernt, denn mit zehn, elf Monaten startet ja langsam die Kita-Eingewöhnung und Mutti muss dann auch wieder arbeiten gehen. Die ersten acht Monate haben Mutti und Baby recht anspruchslos mit Kinderwagenspaziergängen rumgebracht und jetzt, da Baby aktiver wird, ist die Krabbelgruppe und vielleicht der Babysport einmal die Woche ausreichend Abwechslung. Wenn dann der achtstündige Kita-Tag die Regel ist, stellt sich die Frage nach weiteren Aktivitäten nicht mehr. Ein Rätsel bei diesem Modell bleiben mir immer noch die ersten acht Monate. Die kleine Lady fing spätestens mit vier Monaten an, zu signalisieren, dass sie Gesellschaft braucht. Abwechslung und andere Babys. Wir waren über jeden Krabbelgruppentermin froh und gründeten sogar eine eigene. Sind andere Kinder einfach weniger aktiv und sozial? Kinderwagenausflüge gingen bei uns jedenfalls gar nicht. 

In der zweiten Kategorie finden sich Zweitlingseltern und Weltenbummler. Letztere verbringen einfach mal Monate damit, im Bus durch die Lande zu touren. Was die so den ganzen Tag mit Kind machen? Im Gebirgsbach planschen, auf Festivals tanzen, am Strand spazieren, durch Alleen flanieren. Was weiß ich. Kein Bedarf für Babyturnen jedenfalls. Und die Eltern mit größeren Kindern machen… Alltag. Haushalt. Gar keine Zeit für Krabbelgruppe oder so’n Firlefanz. Großes Kind aufwecken, Baby füttern, großes Kind zum Kindergarten schaffen, Baby schläft dabei, Einkauf, Wäsche waschen, während Baby mit Wäscheklammern spielt, großes Kind abholen, während Baby schläft, Essen machen, während beide Kinder spielen oder sich streiten usw. Was weiß ich. Immer was zu tun. Wenn ich versuche, den Haushalt zu machen, mag die kleine Lady jedenfalls nicht mit Wäscheklammern spielen. Vielleicht fehlt bei uns einfach die Notwendigkeit, der Druck, der dafür sorgt, dass das nunmal so läuft, weil es muss. Vielleicht sind Zweitgeborene auch viel gechillter. (Ja, auf jeden Fall. Die teilen auch automatisch und haben nie Langeweile und Geschwister sind immer beste Freunde. So ist das. Ich bin übrigens Einzelkind.) 

 

Jeden Tag was untermehmen…
 
„Kinder unter drei in Fremdbetreuung – das ist unnatürlich .“

Das sagte eine Erzieherin (notabene!) zu mir. So früh sollten die Kinder nicht von ihren Müttern (ich ergänze mal: Hauptbezugspersonen) getrennt werden. Ja, irgendwie scheint nur das richtig. Wie gesagt, die kleine Lady ist schon so reif – aber eben auch nicht. Da fehlt noch so viel. Diese Festigkeit, die sie sicher macht, dass ihre Eltern sie in ein paar Stunden abholen. Die verbalen (und emotionalen und kognitiven) Fähigkeiten, um auszudrücken, dass im Kindergarten irgendetwas nicht in Ordnung ist. Fähigkeiten für den Umgang mit anderen Kindern. Noch sollte sie immer ganz dicht an ihrer Kernfamilie sein, während sie die Welt entdeckt. Aber…

Kinder nur bei den Eltern – das ist auch nicht natürlich…

Mein Idealbild ist diese kleine Gruppe von fünf oder sechs Kindern im Alter von eins bis fünf Jahren, die zusammen durch die Natur. Halbnackt natürlich oder mindestens barfuß. Die Eltern sind in Hör-, aber gerade nicht in Sichtweite. Die Natur ist ein schöner Garten, groß, geschützt, aber ein bisschen wild. Die Kinder kommunizieren, obwohl noch nicht alle sprechen können. Sie spielen, obwohl die kleinsten das Spiel noch nicht verstehen. Die größeren helfen den kleineren. Manchmal streiten sie ein bisschen. Sie lachen oder reden sehr ernsthaft. Bei Schwierigkeiten wird ein Erwachsener geholt. Es ist ein Blick ins Paradies.

Ich habe diese Idylle letzten Sommer gesehen. Bei uns im interkulturellen Garten. Leider nur einmal, denn irgendwie sind die Familien dort dann doch oft nicht gleichzeitig da. Aber genau das wünsche ich mir für die kleine Lady, die damals noch auf der Krabbeldecke lag und schon sehr neugierig auf das Treiben schaute. 

Wie gesagt, war dieses Zusammentreffen aber wohl eher zufällige Ausnahme. In dem Garten, ebenso wie in unserer Wohngegend, gibt es viele Familien mit Kindern, aber die gehen wohl fast alle in den Kindergarten. Und in unserer Gesellschaft ist der Standard ja wohl die kleine um sich selbst kreisende Kernfamilie. Keine Sippengemeinschaft. Und ich glaube, das ist nicht gut. Weder für Eltern, noch für Kinder. Ich mache mir keine Gedanken über Entwicklung und Sozialkompetenz der kleinen Lady, wenn sie bisher nicht in den Kindergarten ginge und weiterhin nicht ginge. Nein, ich fände es einfach nur schön, wenn es diese Gruppe von Kindern aus meiner Idealvorstellung für sie gäbe. Kinder, die sie fast täglich sehen würde, die zu ihrem Alltag gehörten – ohne, dass sie dafür in eine spezielle Einrichtung müsste. Kinder, mit deren Familien wir eine Gemeinschaft bilden würden…

Eltern immer mit den Kindern zusammen – das ist auch nicht gut.

Ich liebe meine Tochter, ABER…

Nein, ich hab gar keine Lust, das so zu formulieren. Das impliziert Schuldgefühle, die ich unangebracht finde. Also: 

Ich liebe meine Tochter UND möchte gelegentlich gern Zeit ohne sie verbringen. Und dann vor allem Zeit mit meinem Mann. Das passiert nämlich annähernd nie, denn die kleine Lady schläft fast ausschließlich in meiner unmittelbaren Gegenwart. Entferne ich mich, wacht sie nach einer unvorhersehbaren Zeitspanne von 10 bis 120 Minuten auf, wobei letzteres eine seltene Ausnahme und eigentlich teste ich das kaum, weil ich ja will, dass sie schön schläft und ich deshalb bei ihr bleibe. Naja, das ist vollkommen unveränderbarer Zustand (Ich glaube: je größer die Not, umso größer die Anpassungsfähigkeit des Kindes) und überhaupt ist es ein Luxusproblem. Aber es ist ein Faktor.

Und dann gibt es noch das Sich-auf-den-Keks-gehen. Das passiert nunmal, wenn man ständig aufeinander hängt. Da kann der Bedarf nach elterlicher Nähe beim Kind noch so groß sein. Irgendwann sind wir alle genervt voneinander. Da können die gemeinsamen Abenteuer noch so wunderbar sein – wenn sie immer nur mit Mama und/oder Papa erlebt werden, tritt trotzdem eine Übersättigung ein. 

Ich hätte gern weitere Bezugspersonen für mein Kind. Der Kindergarten ist da (noch) nicht mein Ideal. Ich hoffe, er wird es, denn bald geht’s ja los. Aber schöner wären doch Familienmitglieder oder Freunde, Paten oder eben – dieser heilige Gral – die Sippengemeinschaft. Hach. 

Einknicken

Mit einem Jahr in den Kindergarten. Nein, erst mit drei! Mit zwei vielleicht? Oder anderthalb? Doch lieber mit drei? Wir haben schon während der Schwangerschaft drüber nachgedacht. Seitdem immer wieder. Seit der Geburt der kleinen Lady haben wir nach Alternativen zur Fremdbetreuung gesucht. Oft haben wir mehr Mangel als Hilfe gefunden. Nun sind wir ein bisschen eingeknickt. Mit anderthalb geht sie jetzt. Aber halbtags und nicht jeden Tag wahrscheinlich und nicht, wenn sie nicht will und nur, wenn es uns allen gut geht mit der Eingewöhnung. Wir freuen uns und haben Angst. Aber wir haben den Luxus, offen für alles sein zu können. Vieles ist anders als erwartet, aber es ist auch gut…

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