Die Angst, zu Hause zu bleiben

  

„Ständig habe ich das Gefühl, meinen Kindern etwas bieten zu müssen. Ich setze mich selbst total unter Druck. Immerzu will ich ihnen irgendwelche Aktivitäten anbieten, mit ihnen irgendwo hingehen, was unternehmen.“
Irgendwas in der Art schrieb mal eine Mutter in einer meiner vielen Facebook-Gruppen (Psst! Die brauch ich zum Netzwerken!). Und ich dachte mir: Pfft. Vollkommen irrational, sich so verrückt zu machen. Kinder sind doch ganz genügsam und brauchen nicht jeden Tag Ausflüge, Action, Aktivitäten. Außerdem geb ich doch nicht so viel Geld aus, um jeden Tag der Woche in Zoo, Schwimmbad, Indoorspielplatz oder sonstwo zu verbringen. Hätt ich auch keine Zeit zu, muss ich sagen, denn heute kommt eine Freundin, morgen besuchen wir eine befreundete Familie, übermorgen Spielgruppe auf dem Abenteuerspielplatz, Freitag zu Besuch bei Familie P und am Wochenende gehen wir auf mehrere Flohmärkte…

Oh.

Den Tag rumkriegen

Wie fing das eigentlich an? Ich wollte zum Babyschwimmen und vielleicht Babymassage oder Yoga oder so. Ich wollte so schöne Dinge mit meinem Kind unternehmen und andere Familien kennenlernen. Das war mein Plan schon vor der Schwangerschaft. Und währenddessen erst recht! Wie? Wochenbett?! Ich will doch was unternehmen! Naja, überraschenderweise war mein Tatendrang nach der Geburt doch etwas verhalten… Irgendwie gestaltete sich das dann auch alles nicht so einfach und die geplanten Aktivitäten waren auch nicht so, wie erhofft – die sozialen Kontakte erst recht nicht. 

Nach etwa einem halben Jahr saßen wir dann aber endlich mit einem anderen netten Paar mit Baby zusammen in deren Wohnung und waren uns einig, dass es doch netter ist, wenn man den Tag gemeinsam „irgendwie rum kriegt“. Die kleine Lady bestätigte uns immer wieder ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten: nur ein anderes Baby musste im Raum sein, schon konnte sie sich stundenlang allein beschäftigen. Ohne Gesellschaft zu Hause ging das kaum. Nach zwei Tage ohne Besuch war das Kind unausstehlich. Aber mir ging das ja selbst auch so: Also raus, raus, raus. 

Das verlorene Schloss

Immer war das ja nicht so. Früher war (und bin ich im Grunde meines Herzens sicher immer noch) ein Stubenhocker, Couchpotatoe, Kellerkind. My home is my Castle. Reisen genügen mir im Geiste und das Geld dafür (wenn ich es denn hätte) nehm ich gern für die Verschönerung des trauten Heims. Glück, das ist ein ordentliches Wohnzimmer, durch das der Duft von Räucherstäbchen weht. 

Wirklich ordentlich war ich natürlich nie, brauchte immer ein „Morgen kommt Besuch“ als Druckmittel, um dann einen Tag lang durch die Bude zu toben wie ein… Anti-Orkan. (Hinterlässt das Gegenteil von Trümmern und Chaos. Klar, ne?)

So einen Tag gibt es jetzt aber nicht mehr. Es gibt mal ’ne Stunde „Lass mich in der Küche allein, wir haben kein sauberes Geschirr mehr und ich glaub da hinten lebt was!“ So einmal die Woche. Ich kann im Chaos leben, kann es den Großteil des Tages ignorieren. Aber wirklich wirklich wohl fühl ich mich damit nicht. 

Also raus, raus, raus.

Social Life

So sozial bin ich gar nicht. Dachte ich. Aber mal abgesehen davon, dass ich sehr gut allein sein kann, brauch ich wirklich den Kontakt zu anderen Menschen. Konversation, tief gehende Unterhaltungen, organisatorische Gespräche, schnöder Smalltalk. Alles in regelmäßigem Wechsel. Die meisten Menschen haben das ja täglich, schon allein auf Arbeit. Während meiner Ausbildung bekam ich definitiv genug davon. Jeden Tag acht bis zehn Stunden außer Haus und dabei viel Kontakt zu anderen Leuten. Abends war ich platt und jedes dritte Wochenende verbrachte ich gern mit meinem Mann allein auf der Couch. 

Wenn ich jetzt daran denke: ein ganzes Wochenende zu Hause und auch noch ohne Besuch?! Da schnellt mein Puls in die Höhe und nicht vor Freude! (Damit wir uns nicht missverstehen: Wenn die kleine Lady an diesem hypothetischen Wochenende zum Beispiel bei ihrer Oma wäre, wäre das natürlich was ganz anderes. Aber hier geht’s um ein Wochenende mit uns dreien.) 

Jetzt geh ich ja nicht für den Großteil des Tages aus dem Haus, an fünf Tagen die Woche. Und es gibt auch sonst erstmal keine geregelten sozialen Begegnungen. Diese Tatsache scheint ein großes Vakuum in mir zu erzeugen, ein ständiges Bedürfnis nach anderen Menschen. Ich weiß nicht, wann in meinem Leben ich etwas in der Art so stark und so dauerhaft empfunden hätte. Eigentlich bin ich ja fast nie allein, nicht mal, wenn ich schlafe – die kleine Lady ist ja immer bei mir. Mein Mann ist auch beinah 24/7 bei uns. Und gleichzeitig habe ich den immer präsenten Drang, andere Leute um mich zu haben. Liegt das nur daran, dass ich nicht arbeiten gehe? Ich weiß es nicht.

Irrational 

Ein irrationales Unwohlsein befällt mich, wenn der Kalender für die nächsten Tage leer ist. Was machen wir morgen? Was machen wir heute?! Das Gefühl wächst, wenn mein Mann mal einen Termin hat. Und wenn ich dann keine Verabredung finde… Allein. Zu Hause. Mit dem Kind. 

Das ist absurd, sage ich mir. Die Kleine ist nicht mehr zwei Monate alt. Wenn du auf Toilette gehen willst, sagst du es ihr. Wenn du Essen machen willst, lässt du sie daneben mit Nudeln spielen. Sie braucht auch keine Dauerbeschäftigung und muss nicht jede Sekunde beobachtet werden. Ja, es war stressig letztens. Alle abendlichen Aufgaben zu erledigen, wenn man daran gewöhnt ist, das ein weiterer Erwachsener hilft, ist eben was anderes. Aber es war doch kein Drama! Trotzdem… nächste Woche, wieder… *schwitz* Da versuch ich mich lieber zu verabreden und außer Haus zu sein! 

Raus, raus, raus 

Ich geh nicht raus für mein Kind. Ja, sie braucht auch Beschäftigung, Gesellschaft, frische Luft. Aber viel mehr brauche ich das. Ich geh raus, weil mir sonst die Decke auf den Kopf fällt, ich mich einsam fühle, ich einen Lagerkoller bekomme. Ich brauch das. Weil mein Zuhause-Schloss gerade eine Rumpelkammer ist und mein Sozialleben sonst im Internet stattfindet. Weil ich mich entschieden habe noch eine Weile das häusliche Leben zu leben und ich immer den Gegenpol brauche. Vielleicht ändert sich das, wenn eine neue Phase beginnt (Kindergarten, Arbeit, …). Bestimmt. Bis dahin: Raus, raus, raus. 

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3 Kommentare zu „Die Angst, zu Hause zu bleiben

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