Ich bin nicht fernsehsüchtig 

Hallo, mein Name ist Julia und ich bin fernsehsüchtig.Das war ich schon als Kind. Hab vor der Glotze gehockt, wann immer es ging. Disney Club, Trickfilme am Morgen, abends was mit den Eltern zusammen. Viel Mist hab ich geguckt, den ich, soweit ich mich erinnere, auch selbst Mist fand: Alf, Alle unter einem Dach, Tom und Jerry. Ja, in meiner Erinnerung möchte ich die ganzen Serienecht nicht. Aber geguckt hab ich sie. Nachmittags bis abends. Natürlich gab es auch viele Sachen, die ich mochte, die mich begeisterten: Gargoyles, Katzenauge und dann natürlich Sailor Moon. Serien, die auch Einfluss auf mein Leben hatten, auf die ein oder andere Weise. Als ich dann, eher spät, so mit 13, einen eigenen Fernseher in meinem Zimmer hatte, lief der fast dauerhaft. Und dabei empfing er (uraltes Erbstück) kaum Sender. Aber er musste laufen. Eines Sommers schaute ich gar die… was war das noch? Wassersportweltmeisterschaft? Gibt’s sowas? Naja, Sport und Wasser halt. Ich! Schaute Sport! Wenn das nicht süchtiges Verhalte ist?! Ok, das lief nur nebenbei, während ich Goldfische aquarellierte. Aber die Droge TV immer dabei… 

Und jetzt haben wir…

Die Büchse der Pandora

… geöffnet. Wir, mein Mann und ich, haben unsere vierzehnmonatige Tochter fernsehen lassen. Ganz offiziell, denn die Naturdoku auf Netflix hätten wir für uns selbst nie angeschaltet. Eigentlich ist es noch schlimmer: sie sieht schon seit Monaten mit uns fern. Morgens beim Frühstück. Während wir essen. Wir Barbaren. Es ist die einzige Gelegenheit für mich, etwas zu gucken. 15 bis 45 Minuten, je nachdem, wie lang die kleine Lady das mitmacht (i.e. sich mit Essen beschäftigen lässt). Und nichts Kindgerechtes. Oh nein, US-Serien. FSK mindestens 12. Wir Rabeneltern. Offenbar hat uns das nicht gereicht. Nein, jetzt gibt es abends offizielles Fernsehen für das Kleinkind. Während ich duschen gehe, sitzen Vater und Tochter auf der Couch und schauen sich Fauna und Flora von Friesland bis Elbsandsteingebirge an. Die kleine Lady liebt es. So sehr, dass die es inzwischen tagsüber einfordert. Dann sitzt sie zwar nur wenige Minuten, bevor sie etwas anderes machen will. Aber vielleicht ist das der Beginn ihrer Sucht…

Ich gebe es zu, ich habe das Ganze angestoßen. Zur Zeit beschäftige ich mich ja immer wieder mit dem (Nicht-)Konzept „unerzogen“, lese den Blog https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com und einige Beiträge in einer Facebook-Gruppe und ebendaselbst ging es gelegentlich um den Umgang mit Medien. Und so wurde meine Haltung zu dem Thema in letzter Zeit weicher, entspannter, experimentierfreudig. Da dachte ich mir: Warum nicht dem Kind mal eine andere, bewegte Version vom Tierfotobuch zeigen? Warum nicht…

Bin ich süchtig?

Im Zuge meiner Überlegungen Habe ich natürlich auch mein eigenes Verhalten immer wieder hinterfragt. Mein erster Impuls ist ein klares Ja: Ich bin ein TV-Junkie. So viel, wie in den letzten Jahren der Fernseher lief. Wie oft habe ich ferngesehen, statt irgendetwas produktives zu machen? Wie oft habe ich den Fernseher nebenher laufen lassen? Beim Essen, arbeiten, lesen, aufräumen. Und dann diese Entzugserscheinungen! Was habe ich seit der Geburt der kleinen Lady gelitten, weil ich gar nicht oder kaum noch fernsehen konnte! 

Hm. Zugegeben, vermisst habe ich so einiges seit der Geburt. In Ruhe zu essen, Zeit mit meinem Mann, Zeit mit Freunden, Gesellschaftsspiele, Videospiele, Sport, tanzen, schminken, allein sein, Zärtlichkeiten, Sex, hochhackige Schuhe … Geweint habe ich wegen einigen dieser Dinge, ja, auch wegen dem ersehnten Fernseher, aber nicht nur. Vielleicht doch keine Entzugserscheinungen. Und wenn ich mal ganz oberflächlich im Internet die erste Seite (http://m.netdoktor.de/Krankheiten/Sucht/Sucht-die-Anzeichen-10689.html) bei der Suche nach „Sucht Anzeichen“ anklicke, lese ich von wirklich üblen Symptomen, die ich zum Glück noch nie nie nie an mir bemerkt habe: „unbezwingbares Verlangen“, „Kontrollverlust“, „Abstinenzunfähigkeit“ … Gibt es eigentlich überhaupt Menschen, die fernsehsüchtig sind? 

Ich bin’s jedenfalls nicht. Sicher hab ich es immer wieder etwas übertrieben und mich stark an diese Art der Kurzweil gewöhnt. Aber, wenn andere Aufgaben zugunsten der Glotze liegen geblieben sind, lag das wohl eher an meiner Faulheit. Ich hab auch schon mithilfe von Büchern gut prokrastinieren können. Oder mit sonstwas. Ja, wenn ich irgendwann mal wieder Zeit und Gelegenheit habe, werde ich bestimmt wieder mehr fernsehen. Ja, ich genieße sogar die wenigen Minuten Naturdoku, die die kleine Lady gern mal schaut. Aber wisst ihr, was ich noch viel viel mehr genieße? Mit ihr zusammen zu schauen! Das ist so herrlich! Das gehört für mich tatsächlich zu diesen idyllischen Familienbilder wie Lagerfeuer, Plätzchen backen und Waldspaziergänge (zwei von drei schon erledigt!). Wahrscheinlich hab ich deswegen das Fernsehgucken initiiert. Oh ja, und wie ich mich freue, ihr irgendwann Ghibli-Filme zu zeigen und Monty Python und Sailor Moon!

Und das arme Kind?

Wird hoffentlich nicht süchtig. Wird nicht allein vor der Glotze geparkt. Wird vielleicht lernen, sich selbst zu regulieren. Wächst mit einem ganz anderen „Fernsehen“ auf als ich. Mal sehen, was passiert. Mal sehen, wie sich alles entwickelt. Vielleicht entscheiden wir uns doch irgendwann, sie von außen zu regulieren. Vielleicht bekommt sie sogar mal Fernsehverbot. Hoffentlich nicht. Vielleicht hat sie mit drei ein Tablet und einen Netflix-Account. Mal sehen.

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2 Kommentare zu „Ich bin nicht fernsehsüchtig 

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