Erziehungsschäden

Lena vom „Apfelgarten“ (http://der-apfelgarten.de) fragte über Facebook nach persönlichen Geschichten von Leuten, die eben nicht bindungsorientiert erzogen wurden – welche Schwierigkeiten ihnen dadurch entstanden sind, welche psychischen Schäden.
Nun finde ich diese Fragestellung schon nachvollziehbar – aber auch etwas polemisch. Oder sagen wir unwissenschaftlich. Natürlich wird auch kein wissenschaftlicher Anspruch erhoben und doch… Woher weiß ich denn, welche meiner Macken auf meine Erziehung zurückzuführen ist? Ohne z.B. Psychoanalyse kann ich doch jetzt nicht behaupten, meine Höhenangst resultiere daraus, dass ich als Baby nicht getragen wurde. Das Thema ist schwierig, weil emotional extrem aufgeladen. Vorwürfe an die eigenen Eltern. 

Auf der anderen Seite – und das ist das Motiv hinter dieser Frage – stehen Aussagen wie: „Das haben wir früher so gemacht und es hat euch nicht geschadet.“ „Ihr habt das doch auch überlebt.“ Überleben als einziges Erziehungsziel finde ich fragwürdig, ebenso wie die Behauptung dieses oder jenes sei ohne negative Folgen geblieben. 
Ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch die Erziehung meiner Eltern emotionale Schäden davon getragen habe. Schäden, die ich meinem Kind gern ersparen möchte. Diese Schäden kann ich nicht genau verorten und in kausalen Zusammenhang bringen. Doch immer stand für mich fest, dass ich vieles anders machen möchte. Deshalb denke ich viel über Erziehung nach, lese viel dazu, reflektiere. Und natürlich erinnere ich mich auch. Dabei fallen mir Begebenheiten ein, die ich meiner Tochter gern ersparen möchte. Wodurch sie ausgelöst wurden, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich nicht möchte, dass meine Tochter sich so verhält, in solche Situationen kommt. Deshalb versuche ich, mit ihr anders umzugehen als meine Eltern mit mir. Bindungsorientiert, bedürfnisorientiert, vielleicht unerzogen. Ein paar sehr prägnante Erinnerungen, möchte ich hier teilen. Für mich (und nur für mich ganz subjektiv) sind sie symptomatisch für mein Verhältnis zu meinen Eltern bzw. meiner alleinerziehenden Mutter. 

Kuscheltier

Das ist sicher eine kleine Macke, die viele Kinder befällt: viele Kuscheltiere haben und sich emotional sehr an sie binden. Ich hatte allerdings sehr viele (zwei große blaue Müllsäcke voll) und ging so an ihnen, dass ich in meinem Alltag schon ein bisschen eingeschränkt war. Sie müssten alle in meinem Bett sitzen, so dass ich selbst kaum noch Platz hatte. Schließlich wollte ich sie auch noch zudecken und nahm mir heimlich ein paar Handtücher, die ich nachts über sie legte. Ich glaube, es dauerte Jahre bis ich mich von ihnen trennen konnte und in dieser Zeit liebte ich sie zwar, fühlte mich aber auch irgendwie unwohl und unfrei. War ich nachts mal nicht da, wer kümmerte sich dann um sie? War es ihnen nicht zu kalt? Bekam jedes einzelne genug Aufmerksamkeit? Ich denke, ich hatte viel Liebe und Fürsorge zu geben und es fehlte an einem passenden Empfänger.

Lob und Enttäuschung

„Die hat Stockbeine. Wenn eine Frau solche Beine hat, ist sie ganz traurig!“ Das war sicher das letzte selbst gezeichnete Bild, das ich meiner Mutter gezeigt habe. Ich war mit meinen zwölf Jahren sehr stolz auf die schöne Frau mit dem selbst entworfenen Kleid, die ich gezeichnet hatte. Meine Mutter reagierte eigentlich wie immer, auch wenn ich mit etwas anderes erhofft hatte. Ich beschloss, ihr nie wieder Arbeiten von mir zu zeigen und hielt mich auch meist daran. Bis heute.

Lügen und vertuschen



Das belastet mich heute noch und es hat die letzten zehn Jahre gedauert, nicht immer wieder in dieses Muster zu fallen. Bei besonders schwierigen Themen neige ich immer noch dazu. Direkte Lügen vermeide ich wirklich stark, aber ich verheimliche meinen Eltern immer mal wieder etwas. Als Kind habe ich jedes Mal, wenn mir ein Gegenstand oder Kleidungsstück kaputt gegangen ist, versucht, es zu verstecken. Das geschah ganz automatisch, ich wäre nie auf die Idee gekommen, meine Mutter über mein Missgeschick zu informieren. Manche Dinge versuchte ich, heimlich wegzuwerfen, manche verbarg ich in irgendeinem Schrank. Das Wissen darum lastete dann tagtäglich auf mir bis mein Geheimnis entdeckt wurde und ich den „verdienten“ Ärger bekam. 

Heimlich weinen

„Jetzt zieh gefälligst nicht so eine Fresse!“ „Wenn du nicht aufhörst zu weinen, dann scheuer ich dir noch Eine!“ Sie tat es nie, aber ich konnte mich durch so eine Ansage auch nicht wirklich beruhigen. Nein, mir kamen die ersten Tränen schon, wenn meine Mutter nur leicht die Stimme erhob. Aber ich musste lernen, sie zu unterdrücken. Mit der Zeit war ich dann in der Lage, erst zu weinen, wenn ich meine Zimmertür hinter mir geschlossen hatte.

Du hast mich lieb?!

Wieder mal hatte ich Angst vor dem Ärger, den ich für meine Fehler bekommen würde: diesmal war ich schon 15 und hatte zum ersten Mal ein wirklich schlechtes Zeugnis, das ich zu Hause vorzeigen musste. Es gelang mir nicht, meine Tränen der Angst vor Strafe und Enttäuschung von mir selbst zu unterdrücken und so stand ich meiner Mutter heulend gegenüber. Doch statt mich anzuschreien… nahm sie mich in den Arm und sagte: „Ich hab doch doch trotzdem lieb.“ An diese Szene erinnere ich mich so stark, weil in meinem Kopf widerhallte: „Trotzdem.“ Und: „Du hast mich lieb?! Das hast du mir noch nie gesagt!“

Ratschläge hinterrücks

Aus jüngster Vergangenheit, jetzt da mein Mann und ich selbst Eltern sind. Da kontaktiert mein Vater extra meine Mutter, mit der er seit der Scheidung vor vielen vielen Jahren eigentlich fast nichts mehr zu tun hat, um mit ihr über die Kinder zu reden. Sie solle uns ins Gewissen reden, denn wir machen ja so viel falsch. Als Argumente dienten ihm Erziehungsratschläge irgendeiner Lokalzeitung übers Stillen und Schlafen etc. Mit uns könne er darüber nicht reden, sie müsse das übernehmen. Erziehungstipps von jemandem der mit seiner Tochter nicht über Erziehung (oder irgendetwas persönliches) sprechen kann. 

Keine so gute Basis

Man sieht, mein Verhältnis zu meinen Eltern ist… kompliziert. Sie sind beide 1947 und 1957 geboren und in der DDR aufgewachsen. Mit ihren eigenen Eltern hatten sie es gewiss nicht leicht. Auch sie haben die damalige Erziehung „überlebt“. Mit Prügelstrafen und DDR-Ideologie hatten sie sicher noch schwierigere Kindheitstage als ich. Irgendwo dort liegen sicher auch die Gründe für ihren oft distanzierten und strengen Umgang mit mir. Schlecht ging es mir nicht, meine Kindheit war nicht nur schlimm und nicht ganz schön. Ich kann sie nicht verantwortlich machen für meine Macken, Fehler, Störungen. Aber ich möchte es anders machen. Ganz anders.

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