Richtig schreckliche Weihnachten

Rückblick

Mein Mann und ich sind seit über zehn Jahren ein Paar. Leute, wir haben früh angefangen, in unseren wilden Jahren. Da waren wir noch Teenager, das muss man sich mal vorstellen! Wir sind zusammen gewachsen und zusammengewachsen. Weihnachten haben wir in unser Wachstum integriert, wie ein Baum in und um einen Zaun wächst. Das erste Weihnachten verbrachten wir getrennt – wir waren ja noch Kinder und unseren Familien unterstellt – aber danach nie wieder eines. Wir mussten uns  entscheiden, ob wir dieses Fest lieben oder hassen wollten. Wir beschlossen es so fest zu umarmen, dass es sich nicht mehr wehren kann: Glitzer, Räucherkerzen, Adventskalender, selbst gebastelte Deko. Weihnachtsbaum natürlich, jedes Jahr mit anderem Gestaltungsthema! Dafür kaufen wir jedes Jahr neue Deko und haben inzwischen eine so beachtliche Sammlung, dass wir sogar was verleihen konnten. Gans kommt auf den Tisch. Treffen mit unseren jeweiligen Familien werden auf die einzelnen Feiertage koordiniert. Und immer war klar: wenn wir mal Eltern sind wird das alles noch viel wunderbarer!

Das Kind 

Was man irgendwie immer nicht bedenkt ist: bevor die Kinderaugen ob des magischen Lichterzaubers strahlen und die zarte Kinderstimme aufgeregt nach dem Weihnachtsmann fragt, bevor die kleinen Hände in der Weihnachtsbäckerei eine Riesenkleckerei veranstalten – ist da erstmal ein Baby, das bestenfalls das Festessen verschläft. Ein Jahr darauf ist da ein Kleinkind, das die Deko vom Baum zerrt und immer noch keinen Plan von Vorfreude und Geschenken hat. Wir sind also weiterhin in der Verantwortung, die Festlichkeit um unser selbst Willen zu erzeugen. Na gut, haben wir ja jahrelang geschafft. Allerdings müssen wir uns anpassen: keine Glaskugeln am Baum, keine Zeit zum Basteln oder Backen oder endlos Weihnachtsfilme Gucken. Hmpf. Aber nächstes Jahr!

Weihnachten fällt aus

Wer hat denn bitte am Heiligtag einen Magen-Darm-Infekt?! 70€-Gans (siebzig!!) vom glücklichen Bauern im Kühlschrank, Mutti fürs große Festessen am Abend bestellt und ich wach auf mit Schüttelfrost und Übelkeit! Und das ist verdammt noch mal der dritte MDI seit Geburt der kleinen Lady! Das ist doch kein Kind, das ist eine biologische Waffe! Die schleppt Krankheiten hier rein, von denen wusste ich mein Leben lang gar nichts. Weihnachten wurde also verschoben („Hoffentlich hält sich die Gans bis morgen!“) und stattdessen müssten wir uns irgendwie durch den Tag wurschteln und das Kind irgendwie bespaßen, während ich ganz wacklig auf den Beinen war. Ätzend, diese Feiertage, wenn keine Babyfreunde da sind und kein Kindercafé offen hat!

Und das Wetter! Weit über 10 Grad töten bei mir jede Weihnachtsstimmung. Macht mich ganz kirre, den ganzen Dezember über. Davon bekomm ich eine Winterdepression!

Geschenke gab’s auch keine. Mein Mann und ich hatten uns die letzten Jahre immer gemeinsam etwas größeres gekauft (wie erwachsen!), nämlich eine neue Videospielkonsole (doch nicht so erwachsen!). Aber dieses Jahr fiel das aus, unter anderem wegen Geldmangel. Für die kleine Lady haben wir einfach nichts besorgt. Sie hat genug Dinge und ist noch zu jung, um Geschenke zu verstehen. An sich ist das alles so ja voll im Ordnung, erhöht aber auch nicht unbedingt das Weihnachtsgefühl. 

Naja, und wenn’s einem eh schon nicht gut geht, dann kommt einer und trotz noch mal voll zu und das ist:

Das Leben

Das hat allerdings nicht uns getroffen. Und das wird mir erst jetzt so richtig klar. Ich fühle mich als wäre ein Hagelschauer über mich hinweggefegt und überall sind dicke Brocken eingeschlagen, ganz dicht an mir vorbeigezischt, doch ich selbst habe nichts abbekommen. Die Schäden sind verheerend und betreffen viele Menschen, die mir lieb und teuer sind. Trennungen, üble bitter böse Trennungen. Psychische Erkrankungen. Verluste. Es ist wie verflucht, seit Leuten Jahr geht das so! Zufall, dass das zu Weihnachten so kulminiert? Oder kommt mir das nur so vor? Mein Mann und ich wollen helfen, können aber in den meisten Fällen nur zur Seite stehen. Ich war so deprimiert die letzen Wochen, irgendwie unglücklich und all diese Hiobsbotschaften verdüsterten meinen Himmel noch. Und dann war gestern so ein schrecklicher Weihnachtstag. Und alles ist gut. 

Einen Tag lang Bauchweh und dann geht’s wieder. Die Gans einen Tag später, was soll’s? Mein Mann und mein Kind sind bei mir, wir leben ein wunderbares Leben. Wir dürfen einfach glücklich sein. Keine Geschenke? Pah, wir haben ein Auto! Eine Wohnung, einen Weihnachtsbaum. Ich freu mich jetzt schon auf das nächste Weihnachten, mal sehen wie das mit der kleinen Lady wird. Dieses Jahr zupft sie die Deko vom Baum und übt Sprechen. 

Neue Tradition

Viele neue Traditionen werden sich in unserer Familie in den nächsten Jahren etablieren. Ich stell mit da natürlich ganz romantische Szenen vor: Weihnachtslieder singen, Plätzchen backen, Kinderpunsch, Besuch der Großeltern. Nun ist weder dieses noch letztes Jahr irgendetwas romantisch abgelaufen. Stattdessen habe ich beschlossen, mich der Realität zu beugen und einfach zur Tradition zu erheben, was offenbar ohnehin zur Regel wird: an und um Weihnachten beherbergen wir bei uns die Verstoßenen, die Getrennten, die Verrückten, die Einsamen. Kommt zu uns, ihr armen Seelen, mein Mann macht eh immer zu viel Rotkohl!

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