Ich habe einen Baum gestreichelt

Die kleine Lady ist in der Zeigephase: Augen weit auf, schaut in die Welt und zeigt, zeigt, zeigt. Den kleinen Zeigefinger voran, wie einen Schlüssel, der die Geheimnisse des Universums aufschließt. Nur Schauen und Stauben unterwegs, Entdecken und Erkennen zu Hause. Man merkt: ich bin selbst ganz verzaubert. 

Nun standen wir an der Straßenbahnhaltestelle, sie im Bondolino vorn, zeigte hinter mich. „Baum. Wiese. Spree.“, benannte ich brav. Der Finger blieb in Position. „Baum“, entschied ich mich. Denn, offen gestanden, ist sie da im Moment nicht sehr präzise oder wählerisch. Sie zeigt in fremder Umgebung einfach allgemein und ist zufrieden mit einem warmen Worteregen. Da ich ohnehin warten musste, beschloss ich also, doch mal zu dem „Baum“ hinzugehen. Nun erlebte ich wieder ein anderes putziges Verhalten meines Zeigebabys: gucken ja, anfassen nein! Sie wird auf einmal ängstlich, wenn eine Distanz von etwa 50 cm zum bezeigten Gegenstand unterschritten wird. Dann klammert sie sich etwas fest, atmet erschrocken ein und zieht den Körper weg. 5 cm mehr Distanz und es wird wieder fröhlich gezeigt. Kurios! Nun stehe ich also vor dem Baum auf Armeslänge, berühre die Rinde und erkläre: „Baum. Gingko. Kann man anfassen. Schau, das ist die Rinde.“ Ich nehme die Rinde auf einmal ganz bewusst war: sie ist hell, fest, strukturiert. Anders als die dunkle, krümelige Rinde von heimischen Bäumen. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht. Was weiß ich schon von Bäumen und Rinde? Die kleine Lady ist zurückhaltend, aber doch interessiert. Sie wird ruhiger, auch wenn ich sie nicht überreden kann, den Baum anzufassen. Ich gehe zurück zur Haltestelle, sie zeigt weiter. Ich erkläre: „Der Gingko kommt aus Asien. In Japan gibt es viele Gingkobäume.“ Damit erschöpft sich mein Wissen fast. Ich stelle mir diese Situation in ein paar Jahren vor, wenn die kleine Lady sprechen und fragen kann. Wie sie sich dann für so einen Baum interessiert. Wie wir dann einen Gingko-Thementag machen. Eine ganze Themenwoche: Blätter sammeln, Gingkonüsse zeichnen, Rinde fotografieren, ein Buch über Bäume kaufen, Bilder von  Gingkobäumen zu verschiedenen Jahreszeiten ausdrucken und alles in ein Buch kleben… Ganz im Sinne von ElternvomMars.de 

Was sie mir alles zeigt!

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