Multimediababy

Wieviele Stunden am Tag sollte ein Baby fernsehen? Ab wieviel Monaten sollte ein Baby ein eigenes Smartphone haben? Wenn mein Baby mich bei „Mario Kart“ schlägt, zählt das als Anfängerglück?

Oder man zieht in eine Hütte im Wald, vorzugsweise ohne Strom, aber wenigstens ohne Internet, und bewahrt so den unverdorbenen Nachwuchs vor den Versuchungen der modernen Medien.

Wie wird sich die mediale Zukunft der kleinen Lady gestalten?

Die Eltern

Mein Mann und ich sind Couchpotatoes und Medienjunkies. No need to sugarcoat. Ich suchte TV, er Computerspiele, beide mit gelegentlichen Anfällen von Konsolengaming. Seit die kleine Lady da ist, bin ich ziemlich auf Entzug, aber das Smartphone ist mein Metadon. So bekommt unsere Tochter hier alles mit: Mommy am Smartphone, Papa am PC und zum Frühstück Netflix. 

Das Kind

Sieben Monate ist sie jetzt alt und leuchtende Elektronik schlägt sie voll in ihren Bann. Zehn Minuten lang wunderte ich mich über ein quengelndes Kind auf der Krabbeldecke bis ich darauf kam, dass sie zum leuchtenden Laptop wollte. Auf verhassten Autofahrten lässt sich das schlimmste Gebrüll für wenige Minuten durch ein verrücktes Handyvideo unterbrechen. Ihre Blicke wandern fasziniert zu Fernseher oder PC-Monitor. Soweit also alles normal.

Nicht so spannend findet sie elektronisches Spielzeug. Weder das lärmende Fisherprice-Mobile mit Drehbeweg, Lichteffekten und Gruselmusik, noch die automatisch selbst schaukelnde Babywiege brachten sie zur Ruhe. Musik und Geräusche abspielende Plastikdinger waren bisher auch uninteressant. Warum mich das freut, dazu weiter unten mehr.

 

Ein schlechtes Gewissen

… habe ich. Natürlich. Bin ja Mutter. Ich fühle mich jetzt gerade schlecht, während die kleine Lady auf meinem Schoß schläft und ich diesen Artikel auf dem Smartphone tippe. Nicht, weil ich glaube, sie beim Schlafen beobachten zu müssen. Wegen elektromagnetischer Strahlung. So nah an ihrem Kopf ist dieses Gerät. Immer wieder. Übel. Wenn sie immer wieder von der Krabbeldecke zum Fernseher schaut. Wenn ich Fotos verschicke, während sie spielt.

 

Aber sie spielt ja, da muss ich sie nicht ständig anstarren. Eine Folge einer spannenden Serie möchte ich schon gern am Tag sehen. Die sozialen und kreativen Prozesse über das Smartophone brauche ich für mein seelisches Gleichgewicht. Und Elektrosmog ist in unserer Welt ohnehin allgegenwärtig. Leider. Naja, letzteres beunruhigt mich echt am meisten…

 

Das Paradoxe

Ich möchte, dass mein Kind in Wald und Flur herumtollt, alle heimischen Vogelarten mit Namen kennt, Holzfiguren schnitzt, Körbe flechtet und mit ihrem Papa Fange spielt. Und ich möchte mit ihr „Mario Kart“ zocken, ihr beim „Zelda“-Spielen zusehen, ihr Photoshop beibringen und ihr coole Anime zeigen. Wenn’s nach mit geht, wird sie Gamedesignerin.

Aber wenn’s nach mir geht, kommt hier nichts von diesem leuchtenden lärmenden Plastikspielzeug ins Haus, das auf Knopfdruck drei verschiedenene Aktionen ausführt. Deswegen freu ich mich, dass sie das nicht so mag. Aber wahrscheinlich kommt das noch…

 

Digital Native

Ich glaube, dass dieser frühe und intensive Zugang zu elektronischen Medien die Gehirne der heutigen Kinder nachhaltig beeinflusst. Und zwar tatsächlich organisch. Ich glaube auch, dass sich diese Entwicklung nicht unterbinden lässt, so lange man eben nicht die Hütte im Wald bezieht. Ich glaube, diese Entwicklung gehört zur menschlichen Evolution. Es gab vielleicht Zeiten, da konnte ein Vierjähriger Schweine hüten, heute kann er ein Smartphone bedienen. Ich finde das spannend. Dennoch möchte ich natürlich, dass meine Tochter sich vielfältig entwickelt und keinen Schaden nimmt. Wär schon nett, wenn sie nicht so fernsehsüchtig würde wie ich. Ich hör jetzt auf zu schreiben und seh ihr zu, wie sie das Kriechen übt!

 

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Ein Kommentar zu „Multimediababy

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  1. Endlich mal jemand der das ähnlich sieht! Schnurpsel spielt auch schon erste Spiele auf dem Tablet… und ich finde das okay. Der Papa ist Informatiker, ich hab in der Gaming Branche gearbeitet. Ich halte Smartphones, Tablets und PCs für einen normalen Teil der heutigen Realität und das Aufwachsen damit für wichtig – auch und gerade zur Suchtprävention. Wie mit Süßigkeiten: wenn sie eine ganz besondere Belohnung sind, fängt man in schlechten Zeiten an, sie in sich reinzustopfen um Glücksgefühle auszulösen und so Trost zu finden. Da lob ich mir doch ein Kind, dass das Tablet dann auch wieder weglegt statt darin zu versumpfen.

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