Ach, du Arme!

„Und? Wie geht’s dir?“ „Gut. Alles super!“ „Echt? Dann machst du irgendwas falsch…“

Ein Gespräch mit einer Freundin zur Zeit meiner Schwangerschaft. Sie war einfach verwundert darüber, dass ich auch nach mehreren Monaten keinerlei Beschwerden hatte. Sie hat selbst noch keine Kinder – wie alle meiner Freundinnen. Dieser Verwunderung begegnete ich also häufiger. Ich glaube, sie fragten mich immer mit einer gewissen Erwartungshaltung nach meinem Befinden. Mit diesem wohligen Schauer, mit dem man sich einen Horrorfilm zum Gucken aussucht. Dann ist man natürlich enttäuscht, wenn der ganz unblutig und ungruselig ist. Ich kann es ihnen gar nicht verübeln, denn ich hatte ja vor der Schwangerschaft und zu Beginn noch ähnliche Erwartungen gehabt. 

Ich erwartete…

… fett zu werden. Quasi sofort. Spätestens eine Woche nach Ausbleiben der Periode. 

… Fressattacken. Ich was ja sowieso gerne. Potenziert mit Schwangersein – ungezügelte Schlingsucht.

… Morgenübelkeit vielleicht. Aufquellen, Aufschwämmen, fette Knöchel, Watschelgang. Totale Trägheit. 

Bilder im Kopf

Als ich nach drei Monaten immer noch nicht nennenswert aufgequollen war und mich auch sonst einfach normal fühlte, begann ich, reflektierter zu denken. Woher hatte ich denn diese absurden Ideen?

Fakt ist, ich hatte in meinem Leben so gut wie nie mit Schwangeren zu tun. Ich hatte Bilder im Kopf – aus Film und Fernsehen. Klischees. Sobald sich in einem Film eine Frau übergeben muss, weiß man, sie ist schwanger. In der nächsten Szene sieht man sie Würstchen mit Schokosoße essen. Dann ist sie auch schon kugelrund, kann kaum noch laufen, fällt aber plötzlich total rollig über dem männlichen Hauptcharakter her. Ach, und Stimmungsschwankungen hat die sowieso. Und schließlich liegt sie im Krankenhausbett schreiend auf dem Rücken und presst das Baby raus und der Mann wird ohnmächtig und sie flucht und eine Ärztin feuert sie an und so, liebe Kinder, kommt ein Baby auf die Welt.
Also, merke: Übelkeit – Fettsein – Stimmungsschwankungen – aua! – Baby. Und dabei halte ich mich selbst für recht kritisch und nicht so beeinflussbar durch die Medien. Aber ich bin inzwischen überzeugt, dass in unserer Gesellschaft ein negatives Bild von Schwangerschaft und Geburt vorherrscht. Natürlich freuen sich alle darüber. Doch man erwartet neun Monate des Leides oder zumindest der Unbequemlichkeit. Was man über die Geburt denkt – das wäre nochmal einen eigenen Artikel wert. Und ja, natürlich gibt es Unannehmlichkeiten. Aber mit dem ein oder anderem Zipperlein hat man doch immer zu tun, oder? Gelegentlich geht man mit Rückenschmerzen zur Physiothrapie – ob die nun vom Bürostuhl oder vom dicken Bauch kommen. Natürlich gibt es auch Frauen, die in der Schwangerschaft ernsthafte Probleme haben, jedoch ist das eben nicht die Regel. 

Dieses negative Bild ist problematisch. Ich selbst hatte Angst vorm Schwangersein. (Und vor der Geburt erst! Aber das ist eine andere Geschichte.) Ich sehe hierin ein Symptom unserer derzeitig krankenden Geburtskultur. Die Hebammen werden abgeschafft und an ihre Stelle sollen die Ärzte treten, um die medizinischen Probleme Schwangerschaft und Geburt zu behandeln. Sich gut zu fühlen, ist kein Normalzustand, sondern höchstens die Pause zwischen zwei Krisen oder das noch nicht wahrgenommene Symptom. 

Ich habe Angst um meine Freundinnen, die noch Kinder bekommen werden, denn ich hatte zumindest noch ruhige Hebammen an meiner Seite und durfte lernen, meinem Körper zu vertrauen. In ein paar Jahren gibt es das vielleicht nicht mehr.

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