Demonstrativ

„Ich find’s okay – solange du es nicht so demonstrativ machst!“

… war die Antwort einiger Freunde von mir auf meine Frage, ob ich in ihrer Anwesenheit mein Baby stillen könne. Ob es okay für sie wäre. 

Diese Aussage, diese Wortwahl ist mir inzwischen häufiger begegnet. Stillen ist schon okay. Nur diese Frauen, die das so demonstrativ machen nicht. Wer sind diese Demonstrantinnen?, frage ich. Wie stillt man demonstrativ? Ist das eine bestimmte Technik? 

Ich stelle mir das so vor: Die Frau lässt vielleicht erstmal ihr Baby ein paar Sekunden schreien, um es dann mit einem lauten (demonstrativen) Seufzen, das im ganzen Raum/Laden/Restaurant vernehmbar ist, auf den Arm zu nehmen und dann zu verkünden: „Mein Kind. Hat Hunger.“ Nun fängt sie an, ihren Schal abzuwickeln, ihr T-Shirt hochzuschieben und ihren Still-BH auseinander zu basteln. Alles sehr kompliziert, weil sie dabei ja noch das Baby auf dem Arm hat. Dieses schreit immer noch, während sie in einen Singsang verfällt, leise, aber doch kaum überhörbar: „Mama macht ja, Mama stillt dich gleich!“ Nun hat sie ihre Brust befreit, doch statt endlich das heulende Kind daran zu klemmen, hält sie es noch hoch, quatscht es voll und dreht es noch fünfmal hin und her, bevor sie endlich die anscheinend richtige Positon gefunden hat. Schließlich tritt Ruhe ein, aber nein! In die Stille hinein fängt diese Frau an zu erläutern: „Stillen ist ja das Beste! Bis zur Einschulung werde ich mein Kind mindestens stillen! Sehen Sie, wie prall meine Brüste  sind? Damit könnte ich eine Fußballmannschaft ernähren!“ Und dann muss plötzlich die Seite gewechselt werden, was wieder so umständlich geschieht, dass die erste Brust erstmal einige Sekunden Frischluft schnappt bis die zweite draußen und beweidet ist. Doch irgendwann ist das Spektakel vorbei und endlich können die Anwesenden sich wieder ihrem redlichen Tagwerk widmen – doch halt! Das Kind ist fort, die Euter aber nicht! „Am besten lässt man die jetzt zehn Minuten an der Luft trocknen“, verkündet die Frau. Ihr Kind lässt sie derweil ungerührt die aufgesogene Brühe über den ganzen Tisch kotzen, denn „das ist nur natürlich“…


Wo sind die demonstrierenden Frauenzimmer?

Stillende Frauen, die mir bisher begegnet sind, sind vieles. Aber nicht extrovertiert. Zumindest nicht, was das Stillen angeht. Sie sind zurückhaltend, vorsichtig, manche vielleicht sogar schamhaft. Ob sie sich bewusst so verhalten, weil sie damit rechnen, peinliche Kommentare oder gar einen Rausschmiss aus einem Café zu provozieren – oder ob sie sich unterbewusst einfach unbehaglich fühlen. In unserer Gesellschaft packt man nun mal nicht einfach die Brüste aus. Punkt. Für gewöhnlich nicht mal vor der besten Freundin. Mit Baby hat man dafür zwar eigentlich einen Freifahrtschein, aber die lebenslange Erziehung lässt sich so leicht nicht abschütteln. 

Stillende Frauen wollen meiner Erfahrung nach eines: ihr Kind ernähren. Und etwas, das sie nicht wollen, ist Aufmerksamkeit erregen. Wenn sie sich teilweise entkleiden, tun sie das, um ihrem Kind einen Zugang zu seiner Nahrung zu ermöglichen, nicht, um sich unter einem Vorwand zur Schau zu stellen. In den meisten Fällen bemühen sie sich, das schnell und unauffällig über die Bühne zu bringen. Und leicht ist das nicht! Man muss das erstmal hinkriegen, ein Kind, das vielleicht ungeduldig zappelt und jeden Moment zu schreien droht (verhüte noch mehr Aufmerksamkeit!), Oberteil, BH und Brust so zu jonglieren, dass schnellstmöglich und unauffällig alle Teile sinnvoll zusammenfinden! Wenn das wirklich einmal etwas länger dauert, dann ist das der Frau womöglich sogar unangenehm und sie hofft, dass niemand ihren Nippel hat blitzen sehen. 

Bestimmt gibt es Ausnahmen. Exhibitionistinnen, militante Mops-Mannequins, Brustbefreierinnen. Aber die würde ich ebenso ignorieren wie den Typen in der Bahn, dessen Skinnyjeans keinen Platz mehr für Fantasie im Bereich seiner Lenden lassen.

Meine Freunde

… die ich eingangs erwähnte und von denen ich inzwischen, nach drei, vier Monaten das Stillens, etwas mehr Toleranz abverlange – ja, die haben keine Kinder. Sie wissen nicht, wie das ist mit Baby. Sie wissen nicht, wie es ist, sich nach einer Operation erst wochenlang mit Milchpumpe und Stillhütchen rumzuquälen. Alle paar Stunden das Kind wecken und anlegen zu müssen. Erst zu lernen, wie das geht. Und dann wird das Stillen irgendwann zur Normalität und ganz selbstverständlich. Für meine Freunde ist es das aber eben nicht. Es ist ein ungewohntes Bild, das sie erstmal in ihre Wahrnehmung integrieren müssen. Deshalb verzeihe ich ihnen diese für mich etwas taktlosen Kommentare. Und hoffe, dass sie mir meine inzwischen etwas flapsige Offenherzigkeit verzeihen – get used to it! Und das verlange ich auch vom Rest der Gesellschaft. Demonstrativ.

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18 Kommentare zu „Demonstrativ

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  1. Wieso fragst Du überhaupt, ob es okay wäre das Baby zu stillen, wenn die anwesend sind?

    Es geht um ein Baby das Hunger hat, das nicht in der Lage ist an den Kühlschrank zu gehen und sich etwas zu nehmen. Und wer darauf nicht klar kommt, möge doch bitte einfach mal zur Hölle fahren!

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    1. So ein bisschen demonstrativ bin ich ja manchmal schon drauf. In manchen Situationen komm ich mir einfach komisch vor, aber dann denk ich: es sollte ein Bild des normalen Alltags sein!

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  2. Ich habe keine Kinder, würde mich auch nicht als besonders kinderfreundlich bezeichnen, verstehe aber null, warum Stillen störend sein soll oder warum man sich als Kinderlose daran erst gewöhnen muss. Ich muss weder hinschauen noch sieht man meistens viel, weil ja sowieso das Kind davor liegt. In Großbritannien ist es unterdessen gesetzlich verboten, Frauen am Stillen zu hindern.

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  3. Naja ich hab das schon öfter erlebt, dieses erst 1-2 Brüste freilegen – oben aus dem Ausschnitt herausschieben, dann erst das Kind ewig aus seinen Laken wickeln, erst noch mit ihm sprechen und dann an einer Seite anlegen, wobei die andere Seite anfängt zu tropfen. Ernsthaft, ist mir mehr als einmal passiert, neben so einer Dame auf einer Parkbank zu sitzen, einmal sogar im Bus. Und ja, das stört mich selbst ungemein. Oder die Mutter, die sich im KiGa demonstrativ blank gezogen neben die Tür setzt, statt in die gemütliche ruhige Stillecke. Sie sprang dann immer auf, wenn jemand kam um die Tür zu öffnen, obwohl die Leute ja in den Gruppen klingeln. Ja, das ist demonstrativ.
    Und saublöd dazu, denn Stillen definiert nicht, ob man eine gute Mutter ist oder sowas. Stillen ist auch nicht einfach immer geschickt, z.B. in einem vollen Bus etc. Wenn’s drum ginge, was am Geschicktesten wäre, würden die Leute Stillen und Flasche kombinieren und so immer die freie Wahl haben, je nachdem, wo sie grad sind und wieviel Platz sie da haben. Stillen ist immer eine Aussage: Schau her, ich tu das Richtige. Und ja, damit kann man schon provozieren, wenn man’s drauf anlegt. Das liegt daran, dass es eben nicht als etwas Normales propagiert wurde, sondern als das einzig Richtige und Beste für’s Kind. Damit wertet man automatisch das Stillen auf, aber auch alles andere ab. Und dadurch wurde den Frauen eben auch viel Freiheit genommen, denn sie können nicht mit Kind ungehindert überall hin, sondern stillen bevor sie losgehen, oder brauchen dann dort einen ruhigen Platz zum Sitzen etc. Eine völlig unnötige Einschränkung, für die man dann aber doch gern sowas hören würde wie ‚Hast du gut gemacht, das Opfer lohnt sich!‘. Die demonstrativen Stillerinnen suchen vielleicht nur nach an ein bisschen Anerkennung. Lustig finde ich auch immer, wie viele Frauen dann beim Stillen bewusst anderen ins Gesicht schauen und deren Reaktionen beobachten. Dabei könnte man sich in der Zeit eben auch auf’s Kind konzentrieren, streicheln oder ein Lied summen um eine geborgene Atmosphäre zu schaffen. Machen aber die wenigsten. Warum nur?

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    1. Sehr schön geschrieben Rosalie. Es sollte den Umständen entsprechend die passende Methode gewählt werden. Ja, das Stillen ist natürlich, das ist der Beischlaf oder der Toilettengang aber auch – keines der beiden wird jedoch (im Normalfall) in der Öffentlichkeit ausgeübt. Es sollte niemanden stören wenn eine Mutter ihr Kind im Park, Einkaufszentrum etc stillt. In einem Restaurant aber, ist es einfach angebracht sich als auch den anderen Gästen gegenüber entweder zurückzuziehen (um dem Kind die VOLLE Aufmerksamkeit zu geben, nicht das gestresste „Es gucken mich alle an“-Gefühl) oder eben das vorbereitete Fläschchen mit der Muttermilch. Nicht jeder muss den Anblick in bestimmten Situationen (bspw Restaurant) ansprechend finden und auch hier sollte, Rücksicht genommen werden. Es geht hier um GEGENSEITIGEN Respekt, dass auch (mal) die Rücksichtnahme der Mutter auf die Umwelt, im Gegenzug sollten die „Nichtstillenden“ eine stillende Mutter auch im Alltag (Spielplatz, s.o. etc) respektieren. Nur so ist ein friedvolles Miteinander innerhalb der Gesellschaft möglich – Respekt, Rücksichtnahme und Empathie, nicht das Beharren auf der eigenen Position – ein Entgegenkommen BEIDER Seiten ist hier notwendig.

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  4. Ja, ich stille vermutlich „demonstrativ“. Ich bin eine von denen, die Rosalie nerven. Wenn das Kind Hunger hat pack ich die Brust aus und dann erst das Kind ran. Andersrum ist es nämlich Getüdel. Und manchmal fällt mir hinterher auf, dass ich das Baby vielleicht erst aus Decken befreien oder sonstwas hätte tun sollen. Stilldemenz existiert wirklich! Manchmal merke ich auch beim Hochnehmen des Kindes, dass es erstmal nur knuddeln will ohne stillen. Nee, dann pack ich nicht das schreiende Kind wieder hin um erstmal meine Brust züchtig zu bedecken. Kind hat Vorrang. Und ich packe meine Brüste nicht dezent wieder ein bevor ich das Baby zum Rülpsen über meine Schulter lege.
    Nahrungsaufnahme mit Ficken oder Kacken zu vergleichen ist ja auch ganz großes Kino.

    Mir ist es offen gestanden ganz schrecklich egal wer meine Brüste sieht. Wer bei entblößten Brüsten mit Baby dran an irgendetwas anderes denkt als an einen bald gut gefüllten Babybauch, der hat ein Problem das ich nicht teile. Es sind nur Brüste, n Mann oben ohne ist doch auch kein Thema. Oder wie Hollie McNish es so schön formuliert: „In this country of billboards covered in tits…“. Nur weil die weibliche Brust andauernd sexualisiert wird, hat doch Stillen nichts Anrüchiges.

    Ich ziehe mich zum Stillen auch selten in ruhige Ecken zurück und ich starre dabei nicht die ganze Zeit meine Kinder an. Ich stille seit 29 Monaten das Kleinkind, das Baby seit 5,5 Monaten, mein Kleinkind hat als Baby bis zu 120min (!) an einer Brust gehangen. Und dabei soll ich dem Kind die ganze Zeit verliebt ins Gesicht schauen? Ja ist niedlich, aber nee! Ich bin fast 24/7 mit meinen Kindern zusammen. Manchmal mache ich den ganzen Tag nichts als Stillen, selbst was essen und zum Klo gehen. Da will ich auch mal was anderes sehen als niedliche Kindergesichter an meiner Brust. Mein Smartphone zum Beispiel. Oder die Gesichter anderer Menschen. Oder ich stiere einfach ein bisschen vor mich hin, weil ich letzte nacht mal wieder nur 4h geschlafen habe (nicht am Stück!) und irgendjemand fühlt sich davon „angedemonstrativt“.

    Und ja ich stille auch mein Kleinkind. In der Öffentlichkeit. Auf Parkbänken, Spielplätzen, in Bussen wenn es sein muss. Und dafür ziehe ich blank. Und manchmal lässt das Kind beim Stillen einfach die Brust los und erzählt mir was spannendes „Mama da! Wau!“ und ich bin sicher, dabei ist meine nackte Brustwarze zu sehen – hat ja gerade kein Kind seinen Mund drum. Ich stille meine Kinder wenn sie Hunger haben oder einfach die Nähe und den Trost des Stillens suchen. Egal wo, egal wann.

    Würde jemand behaupten nicht-stillende Mütter würden demonstrativ erstmal Milch anrühren und die Flasche vorbereiten, statt dezent ein bereits vorbereitetes Fläschen aus der Tasche zu holen und in einem abgeschiedenen Raum ihren Kindern zuführen (sicherheitshalber unter einen Tuch, falls doch jemand vorbei kommt), wäre das Geblöke sicher groß. Sobald aber ein bisschen nackte Haut involviert ist, die nicht nett in einem Dekoltee drapiert wurde um Männer anzuturnen sondern, Gott bewahre, aus einem schlabbrigen Stillshirt mit Kotzflecken von der letzten Mahlzeit des Kindes drauf hängen, um in Bälde im hungrigen Mund eines Kindes zu verschwinden, kommen Hinz und Kunz aus ihren Ecken gekrochen und fordern sowas wie „dezentes Stillen“.

    Meine Güte, ich guck doch anderen Menschen auch nicht beim Essen zu. DAS ist unhöflich.

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    1. I hear you!
      Inzwischen – der Artikel ist schon wieder etwas alt – müsste ich was neues zu dem Thema schreiben. Denn es ist in Deutschland schon eine politische, demonstrative Handlung ein Kind von über 12 Monaten überhaupt noch zu stillen. Und dann noch so, dass es irgendjemand sieht. Und dann noch wirklich und ganz und gar nicht heimlich in der Öffentlichkeit! Das tue ich nämlich. Jetzt bin ich echt diese demonstrative Still-Emanze…

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  5. Eben erst den Artikel gefunden, verschlungen und geteilt. Schon alleine die Kommentare zu lesen war sehr aufschlussreich, wie kontrovers das Thema stillen in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Spannend.

    Bei mur ist es übrigens so: gemeinsames Haus mit Schwiegereltern, aber zwei Wohnungen. Oft essen wir alle zusammen bei uns. Mein fünf Wochen altes Baby möchte gerade jetzt im Sommer stündlich an die Brut. Und ihm ist egal, ob Besuch da ist oder nicht. Er hat schließlich Hunger. Nun ist es aber so, dass wir einen offenen Wohn-Essbereich haben und mein Schwiegervater oft peinlich berührt war, wenn ich stille. Er hat es nie so formuliert, aber ich hab es bemerkt. Einmal hat er sich dann doch dafür entschuldigt, dass er an mir in einer solchen Stillposition an mirvorbei musste. Daraufhin sagte ich dann: stillen ist doch wohl die natürlichste Sache der Welt. Thema durch, endlich wieder lockerer Umgang.

    Und Erfahrungen wie Rosalie musste ich auch noch nie machen – zum Glück. Denn Frauen, die stillen, um nicht stillenden Frauen zu zeigen, sie würden die besseren Mütter sein, sind mir noch nicht begegnet. Ich unterstelle erstmal jeder Mutter, dass sie sich für das Beste für ihr Kind entscheidet, egal ob Muttermilch oder Flasche. Denn manchmal ist das Stillen aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich. In solchen Situationen sollten Flaschen-Mütter sich aber nicht „bedroht“ von stillenden Müttern fühlen. Beides hat Vor-und Nachteile.

    Und zum Vorbereiten von Muttermilchflaschen, um in der Öffentlichkeit nicht stillen zu müssen… Da sind meines Erachtens Milchstaus, bzw. Zumindest unangenehm prall gefüllte Brüste für die Mutti vorprogrammiert. Oder soll diese dafür eine Milchpumpe mit schleppen, um sich die prallen Brüste leise still und heimlich in einer Toilette zu entleeren? Dann bin ich auf den entsetzten Aufschrei gespannt, der lautet: Abpumpen Mutti sorgt für Warteschlange vor Toilette – WO BLEIBT DAS RECHT ZU PINKELN?

    In diesem Sinne: leben und leben lassen.

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