Rede doch ma orntlich!

Ich stehe meinem Onkel gegenüber. Er ist ein großer Mann, ich bin recht klein, die Erinnerung stellt das natürlich überdimensioniert dar. Ich mag ihn, damals noch, er ist immer lustig. Lacht viel, macht Witze. Der lustige Onkel M. Er trägt Schnurrbart, damals war das noch modern. Oh. Ist es ja heute wieder. Also damals war das NOCH modern. Zumindest im östlichen Teil Deutschlands. Alle Trends aus den späten Achtzigern sind ja erst so Mitte der Neunziger in den Osten Deutschlands geschwappt und haben sich dort hartnäckig bis mindestens Ende der Neunziger gehalten. Teilweise länger. Ich sehe heut noch Frauen mit Haaren wie die Kronen von Königspudeln. Ich stehe also meinem Onkel gegenüber. Wir sind im Urlaub, wir alle. Meine Mutter und ich und zwei ihrer Schwestern mit Familien. Ich bin vielleicht neun? Onkel M steht laut meiner Erinnerung im Wohnzimmer des Ferienhauses vor mir und fordert: „Rede doch ma orntlich!“ Er berlinert, das lässt sich in diesem kurzen Satz schriftlich nicht so gut darstellen. Sein Berlinerisch ist so von mittlerer Intensität, nicht das extreme Berlinerisch, das nur gebürtige Brandenburger sprechen, sondern das klassische Berlinerisch eines in Ostberlin geborenen Mittelständlers. Und dann noch eine kleine Nuance darüber, weil er sich ein bisschen aufregt. Berliner berlinern nämlich besonders, wenn sie sich aufregen. Gibt es das auch in anderen Gegenden? 

„Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegne ich und berlinere überhaupt nicht. Wobei, vielleicht ist da ein Hauch Berlinerisch, den zum Beispiel Sherlock Holmes oder Professor Henry Higgins wahrnehmen würden, um dann meine Herkunft als in Berlin-Marzahn mit einem Elternteil aus Mecklenburg-Vorpommern und einem (weniger präsenten) Elternteil aus dem Raum Dresden aufgewachsen zu deduzieren. Aber für jeden mit einer nicht so intensiven linguistischen Ausbildung und auch um der Narrative gerecht zu werden, sagen wir einfach, ich berlinere nicht. 

Onkel M wiederholt seine Forderung persistent. Vielleicht variiert er sie und sagt etwas wie: „Rede doch jefällichst ma wie’n richtiger Mensch!“ Ich bestehe weiterhin auf meinem Unverständnis hinsichtlich seines geäußerten Wunsches. Ich finde die Situation ein bisschen lustig und halte das Gespräch für ein Spiel. Ist ja schließlich der lustige Onkel M. Aber vielleicht ist Onkel M inzwischen ein bisschen genervt von mir und überhaupt den ganzen Familienmitgliedern in dem Ferienhaus. Ich glaube, der ganze gemeinsame Urlaub dauerte zwei Wochen und das kann einem schon die Nerven dünn werden lassen. Ich spüre allmählich, dass Onkel M tatsächlich eher nicht zu Scherzen aufgelegt ist und ernst meint, was er sagt. Doch was will er eigentlich wirklich von mir? Was meint er mit „ordentlich reden“? Zunächst weiß ich es wirklich nicht. So verläuft unser Gespräch ein bisschen repetitiv: er verlangt, ich verstehe nicht. Ich bitte um Erläuterung, er erläutert nicht. 

Mit der Zeit dämmert mir aber doch, was er meint. Ich bin nämlich nicht wie die anderen Kinder und das weiß ich sehr wohl, mit meinem neun (?) Jahren. Ich berlinere eben nicht. Ich benutze keine Schimpfworte, weder in Gegenwart meiner Mutter, noch in ihrer Abwesenheit. Überhaupt: meine Mutter. Gelernte Sekretärin und in der DDR hieß das noch was. Keine Tippse und Kaffeefee, nein eine Hochgeschwindigkeitsschreibmaschinentipperin, Bürologistikerin mit erschöpfenden Kenntnissen der deutschen Orthografie und Grammatik. Damals gab es keine kleine rote Linie, die einem falsch geschriebene Wörter unterstrich und erst recht kein Autocorect. Nur Tipp-Ex und das sieht in einem Schreiben natürlich nicht gut aus. Mit einem Blick in den Duden verschwendet eine gute Sekretärin keine Zeit, sie IST der Duden. 

Dieser Hintergrund meiner Mutter führte dazu, dass ich noch bevor ich schreiben lernte, Merksätze wie „wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ überhaupt nicht zu gebrauchen“ verinnerlicht hatte. Einmal klärte ich eine Grundschullehrerin über diese Regel auf. Sie war nicht begeistert. Noch heute kann ich nicht einfach sagen: „Das brauchst du nicht machen.“ 

Und die vielen Bücher natürlich, auch die haben mich geprägt. Unsere Zweijährige hat jetzt bereits ein volles Bücherregal und Lesestoff für die nächsten zehn Jahre, allein, weil sie fast (!) alle meine Kinderbücher übernommen hat. Meine Mutter hat immer gelesen. Selbst gelesen und vorgelesen. Und dann habe ich gelesen. Sowas hinterlässt Spuren. Und schließlich die Fremdwörter. Oh, die Fremdwörter. Irgendwann begann ich neben einem Fremdwörterbuch zu schlafen, Ausgabe von 1986. das klingt erstmal veraltet, aber Worte wie „Xenophobie“ und „olfaktorisch“ sind ja beständig. Gut, etwas… rot gefärbt war das Buch, aber das schlug sich nur in einem Bruchteil der Worterklärungen nieder. Ich nutzte das Buch wie ich heute das Internet in einem freien Moment des Müßiggangs nutze, ich schlug einfach Worte nach und folgte Verweisen. Ach, ich wollte doch noch wissen, was… Damals war ich jung und mein Gehirn schwammig, also aufnahmefähig, nicht weich. Die Worte prägten sich mir ein und mehrten meinen Schatz, meinen kostbaren Wortschatz. Ich liebte sie und wollte sie gern immer wieder bewundern. Ganz natürlich kamen sie immer wieder über meine Lippen. Noch heute liebe ich die Worte, auch wenn mein Gehirn leider nicht mehr so schön schwammig (spongoid) ist. 

 

Mein Freund, das Fremdwörterbuch
 
Wo war ich eigentlich? Da steht noch Onkel M meinem neunjährigen Ich gegenüber und wir verstehen uns einfach nicht. Nun, ich verstehe inzwischen immerhin, worauf er hinaus will. Ich soll sprechen wie er, wie die anderen Kinder. Das wäre dann „ordentlich“. Aber eigentlich spreche ich doch ordentlich, soll heißen: korrekt. Warum ärgert ihn das überhaupt so? Ich verberge mich nun bewusst hinter vorgeschütztem Unwissen. Das Gespräch, soweit ich mich entsinne, endet in Frustration seinerseits. Ich bin und bleibe stolz auf meine Ausdrucksweise und trage sie nun erst recht als Rüstzeug. Kein bisschen verunsichert bin ich durch dieses Gespräch. Nur, dass ich mich eben bis heute noch daran erinnere…

#12von12 zum Ersten

12 von 12 kennt ihr, ne? Siehe: http://draussennurkaennchen.blogspot.de/p/12-von-12.html Und zum ersten Mal hab ich’s geschafft, Fotos zu machen und gönn mir jetzt den enormen Luxus Zeit, um die Fotos von der richtigen Kamera auf dn PC usw…. keine Zeit, los geht’s.

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Guten Morgen! Die Zweijährige hat zum ersten Mal ohne Windel geschlafen und die Matratze ist erwartungsgemäß trocken.

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Frühling passiert – zumindest in der Wohnung.

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Frühstück. Einfach alles auf den Tisch geknallt, so läuft das bei uns. #noFilter #fürmehrRealitätundüberhaupt

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Die Zweijährige zerlegt Teelichter in ihre Einzelteile.

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Schick machen für einen Ausflug in ein Familiencafè. #Steampunk

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Yay, Union spielt! Fußballfans auf dem Bahnhof, Betrunkenen ausweichen. Ich nenne es: eine Lektion in Großstadtleben.

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Das Familiencafé, das wir heute testen, ist… keine Rezension wert. Kein Platz, viel Krempel, kaputtes Spielzeug. Die Zweijährige hat Spaß, aber nochmal wollen wir nicht hin.

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Im Café: ein summender, brummender, ratternder Heizlüfter auf Kinderhöhe. Direkt über der ungesicherten Heizung. Faszinierend.

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Abendessen: Tiefkühlpizza. Die Zweijährige bevorzugt wie meistens Tiefkühl-Himbeeren.

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Unser Badezimmer hat Style. Die Zweijährige badet.

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Während ich duschen gehe, darf die Zweijährige mit Papa fernsehen. Sie wählt das Programm.

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Gegen 22 Uhr bestellt die Zweijährige noch eine Obstteller, um Kraft zu haben für den Rest des Abends. Ins Bett geht sie schließlich erst so gegen 23 Uhr. Und gute Nacht!

 

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Karaoke

Es ist noch nicht ganz halb 11. Nur vereinzelt Leute um und auf dem Bahnhof. Die wirkliche Berliner Partyszene ist noch nicht mal raus aus der Wohnung. Steht vielleicht noch vor dem Kleiderschrank oder kocht sich gemütlich Ramen. Ich fahre nach Hause. Was soll’s. Schön war’s.

Partymaus war ich nie. Feierngehen stand nicht auf meiner Hobbyliste. Nur manchmal. Manchmal eben. Sich aufbrezeln. Tanzen. Manchmal war das schön.
Wann war das letzte Mal? Wann war das noch…? In der Schwangerschaft? Eher davor. Über zwei Jahre her. Seitdem war ich kaum noch in dieser Stadt unterwegs. Nachts gar nicht. Meine Stadt.

Berlin ist auch ein magischer Ort. Ganz anders magisch als der Apfelhain in Hessen oder das Meer. Magisch voll mit Menschen, ganz verschiedenen Menschen. Magisch, weil einen die Reise von einer Bahnstation zur nächsten in eine andere Welt bringen kann. Wenn man jeden Tag in Berlin unterwegs ist, bemerkt man die Magie nicht mehr. Man spürt nur die negative Energie und das ist ja auch eine Form von Magie.

Ich bin heute Abend jedoch als Gast unterwegs. Ich komme aus meiner eigenen Welt – meinem Kiez, meinem Mikrokosmos Familie. Ich bin ganz offen für die positive, lebendige, seltsame Kraft der Stadt. Ich habe mein rituelles Gewand angelegt: Stiefel, kurzer Rock, lackierte Fingernägel, falsche Wimpern, Lidschatten, Accessoires. Zum Essen war keine Zeit, aber das gehört auch irgendwie zu einem Ausgeh-Abend. Zeremonielles Fasten.

Musik begrüßt mich am S-Bahnhof Warschauer Straße. Ein Straßenmusiker ist das schon nicht mehr, das ist ein Act, eine Performance: ein Schlagzeug hat der Mann und mehr und irgendwas Leuchtendes. Ich kann es nicht sehen, denn da ist eine große Menschentraube um ihn, an der ich kaum vorbeikomme. Tanzbar ist das, was er da macht, elektronisch, rhythmisch. Ein, zwei Leute können nicht widerstehen und bewegen sich ein wenig. Der Rest steht still und schaut. Es ist eben auch erst kurz vor 19 Uhr, fünf Stunden später sähe das vielleicht anders aus, dann wäre hier die Party. Vielleicht. Ich möchte auch tanzen. Endlich wieder tanzen. Aber heute nicht, heute bin ich verabredet. Heute werde ich singen. Ich gehe also weiter, schade, zum verabredeten Treffpunkt des Abends.

Monster Ronson Ichiban Karaoke

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http://www.karaokemonster.de/

Dieser Ort ist so berlin, das ist schon klischeehaft. Und Klischees können auch schön sein und mit Liebe gefüllt. Von bunten Lichtschläuchen erhellte Dunkelheit, Mikrofone als Türgriffe und Deckendeko, Spiegel, Glitzer, Diskokugeln, Cocktails und Mocktails und freche Sprüche und herzenswarme Bartender. Hochglanz findet man hier nur in Form von Pailletten, der Rest ist, was wir Berliner liebevoll abgefuckt nennen. Ich fühle mich direkt wohl. Ein bisschen ist es muffig, ein bisschen riecht es nach altem Rauch, aber nur ein bisschen, denn heutzutage wird in Clubs nicht mehr so viel geraucht wie früher. Die Preise sind Friedrichshain, nicht Mitte, das kann man schonmal machen. Ich bestelle mir einen Ginger Rogers und später einen CaipirOhne und genieße sie und vergesse meine Enttäuschung über das Fehlen von Tee mit Honig auf der Karte. Ich bin doch ein wenig erkältet und will gleich singen, da wäre so heiße Zitrone eigentlich ganz gut. Aber Ingwersirup und Limetten tun es dann wohl auch.


Meine Freundin, die heute hier ihren Geburtstag feiert, hat Elvis gebucht. So heißt die Karaoke-Kabine, in die wir alle nun entschwinden. Elvis scheint die größte Kabine zu sein. Wir sind 13 Leute und es hätten noch mehr Platz. Etwas befremdlich ist das zunächst, in dieser Kabine zu sitzen. Am Rand sind Bänke, in der Mitte eine Stange, die an Striptease-Einlagen denken lässt und an der oben Monitore hängen, auf denen die Songtexte erscheinen. Da sitzen wir also alle, die wir uns zum großen Teile nicht gut kennen, zumindest untereinander nicht, wie die Hühner auf der Stange, nein, eher wie so Katzen im Kreis. Wir blicken auf die Striptease-Stange in der Mitte, oder eher auf die Monitore darüber und lesen dort die Songtexte mit. Seltsam ist diese Kreisformation, so erwartungsvoll, so offen. Kein schützender Tisch vor einem, unter dem man unbeobachtet die Beine kreuzen kann. Wohin mit dem Getränk. Irgendwo auf die Bank, da in die Ecke. Wie komm ich da jetzt wieder ran, darf ich mal, gibst du mir mal, danke. Es ist auch einfach Licht an, so ganz banal. Kein Schummerlicht, das die Gesichter und schiefen Töne weichzeichnet. Einfach Licht.

Und in dieser seltsam aufeinander gedrängten Situation, intim und ungeschützt, sollen wir jetzt singen? Aber meine Freundin lässt sich nicht lumpen, vielleicht hat sie ausreichend vorgeglüht, schon singt sie mit einer anderen Freundin, da bin ich noch gar nicht ganz angekommen. Wohin mit meinem Blick, frage ich mich kurz und stelle fest: alle schauen nach oben. Auf den Monitor. Und lesen mit. Hm. Nicht lieber die Singenden anschauen? Ich lasse den Blick hin und wieder schweifen, den ganzen Abend über. Die Singenden schauen verlegen, konzentriert, auch fröhlich. Die anderen schauen meist auf die Texte und singen mit. Das ist schön, das Mitsingen, verbindet und nimmt denen, die eines der beiden Mikrofone vor den Mund halten, die Hemmungen.


Vorbereitet hat sich natürlich niemand. Doch, meine Freundin, ein bisschen. Und ich natürlich. Ich mach sowas doch nicht einfach so! Nein, ich habe mir Songs rausgesucht, auf der Website der Bar überprüft, ob sie zur Verfügung stehen (Monster Ronsons Angebot ist wirklich umfangreich!) und alles einige Male mitgesungen, während ich die Küche aufgeräumt habe oder so. Einige Songs kann ich eh auswendig: „Wild World“ von Cat Stevens“ und „Dream a Little Dream of me“ von Mama Cass zum Beispiel. Beide rocke ich, mein Selbstbewusstsein hüpft. Dafür läuft bei „Mercedes Benz“ von Janis Joplin und bei „I wish I was a Punk Rocker“ von Sandi Thom (meinem absoluten Immer-wieder-Song!) alles schief. Schief ist meine Stimme, ich finde die Tonlage nicht und der Rhythmus ist doch auch irgendwie ganz anders! Aber so ist das, was soll’s, dafür klappt „Where the wild Roses grow“ überraschend gut und darauf hatte ich mich doch eigentlich gar nicht vorbereitet.

Magisch ist diese seltsame Kabine, isoliert irgendwie und doch sieht man etwas von draußen, wie aus einem Raumschiff heraus. „Space Oddity“ singt ein junger Mann aus der Famile meiner Freundin, der gar nicht danach aussieht und meistert den überirdischen Bowie erstaunlich gut.

Die Kabine hat Fenster, aber zunächst ist es draußen dunkel und wir sehen nur unsere eigenen Gesichter. Mit der Zeit geht in den umliegenden Räumlichkeiten die Beleuchtung an: da sind weitere Kabinen, viel kleiner, mit Gästen drin. Man kann durch Lichtreflexionen bruchstückhaft sich selbst und die anderen sehen – Raumschiffe, die sich begegnen, deren Crews flüchtig aus dem Fenster schauen und sich dann wieder ihren Tätigkeiten im Innern widmen. Im Laufe des Abends dann werden die Sterne angeschaltet: direkt neben unserer Kabine ist der große Saal mit Bühne. Jetzt, da er beleuchtet wird mit einer sich drehenden Discokugel können wir ihn durch unser Fenster sehen. Hinter der Bühne wurde der laufende Songtexte an die Wand projiziert, es gibt Bilder mit glitzernden Rahmen an den Wänden, ein DJ-(KJ!)Pult, eine Sitzecke, wo später die Singenwollenden auf ihren Aufruf warten. Noch singen auf der Bühne aber nur zwei Leute, es ist ja erst so gegen 8. Beide haben’s voll drauf, können sich mit vollem Recht auf der Bühne behaupten – eine davon entpuppt sich später als die KJane des Abends. Schön, dunkle Haare, große Augen, melodische Stimme und mit einer so warmen Ausstrahlung wie alle Angestellten der Location. Immer wieder schauen wir aus unserer Kabine in den Saal, haben einen ausgezeichneten Blick auf die Bühne und können die Musik von dort hören, wenn bei uns gerade keine läuft. Das Niveau dort draußen ist natürlich ungleich höher als bei uns, da macht auch das reine Zuhören schon Spaß. Und kostenlos ist es dort, während so eine Kabine gemietet wird.

Was für eine Perle (nein, Paillette!) des Berliner Nachtlebens: stellt euch das vor, kostenlos (nebst einiger mittelpreisiger Drinks) schaut man sich den ganzen Abend die verschiedensten Leute beim Singen der verschiedensten Songs an! Keine langweilige Professionalität, glatt polierte Allerweltsperformance – nein, etwas raues, etwas echtes. Und trotzdem gut. Bewegend. Schön. Da ist der Knappfünfziger mit zusammen gekniffenen Augen (betrunken oder ist der so?), erinnert optisch etwas an Meatloaf, singt einen traurigen Lovesong, echt schön, trotz leicht quäkiger Stimme. Jeden Ton trifft er, mit Gefühl drin, nur Stimme und Optik versperren ihm den Weg zur professionellen Bühnenkarriere. Das gilt wohl auch für Susi, sicher über 50, etwas zerknautschtes Gesicht, aber die langen schwarzen Haare hat sie sich sicher für den Abend extra frisiert. Wie oft hat sie „The first Cut is the deepest“ von Rod Steward wohl schon gesungen? Sicher oft, sie kann es in und auswendig. Am schönsten sind sicher die Duette, denk ich mir, eines bekommen wir immerhin zu Gesicht und es ist einfach ob der (in unserer Gesellschaft mit Rollen- und Ästhetik-Klischees) ungewohnten Optik hinreißend: ein schöner junger Mann, fast modellartig gut aussehend und ein dicker Mann mit Halbglatze und Pferdeschwanz singen „Can’t help falling in Love“. Ein Traum.

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Duet made in Heaven

Der Abend schreitet voran, unsere Gruppe wird kleiner, es ist schließlich Sonntag und morgen wird gearbeitet. Eine Weile halten wir uns noch, doch irgendwann sind alle Lieder gesungen und wir machen Feierabend. Man könnte noch den Rest der Nacht im großem Saal verbringen, lauschen und beobachten und, wer weiß, sich selbst auf die Bühne trauen. Ich würde das, ich glaub, ich würde. Jedoch ruft mich meine Welt, nicht wirklich, aber ich kann den Zug am Herzen spüren. Es war schön an diesem Ort, diesem magischen Platz. Ich will wieder kommen, immer wieder. Ich werde wiederkommen, nehme ich mir vor.

Nun, nach Hause, zurück in meine Welt. Ich lebe ja zum Glück in Berlin, wo all die verschiedenen Welten so dicht nebeneinander liegen, dass eine kurze Fahrt mit der Bahn einen hinüber bringt.

Hab sogar ausnahmsweise meine GUTE Kamera für die Aufnhamen rausgkramt!

Wer spielt mit mir „Smallworld“?

Etwas rezensieren, das man Jahre lang nicht in der Hand hatte? Das man erstmal unterm Bett hervorkramen muss, um wenigstens ein Foto davon zu machen? Etwas, von dem man nicht weiß, wann man es endlich mal wieder nutzen kann? Das muss ja was gutes sein!

Gesellschaftsspiele
… spiele ich manchmal ganz gerne. Schön müssen sie sein. Ich bin schließlich Grafikerin. Spannend. Eine Geschichte erzählen. Am liebsten was mit Magie und so. Von mir aus auch Weltraum. Bloß nichts mit schnöden Zahlen und Farben und so. Orks, Zwerge, Werwölfe, Totensümpfe, Cthulu, magische Ausrüstungsgegenstände. Klar?

Mit Kleinkind geht das aber eben nicht so. Das klaut einem dann nämlich die magischen Ausrüstungskarten aus der Hand, bringt das Spielfeld durcheinander und schubst Cthulu um. Und lässt einem keine Ruhe, um die Armeen zu ordnen und den nächsten Zug vorzubereiten. Die Zweijährige ist eh eher so: Mama, du sitzt? Komm mit!!

Ich vermisse das Spielen mit Freunden und weiß nicht, wann das mal wieder was wird. Und deswegen schwelge ich jetzt ein bisschen in Erinnerungen und präsentiere euch mein Lieblingsbrettspiel (nachdem ich es unter dem Bett hervorgekramt habe*). Vielleicht sind eure Kinder ja ruhig genug, oder alt genug, um mitzuspielen.

Smallworld


Gespielt wird gegeneinander um Siegmünzen, die man für eroberte Gebiete erhält. Zum Erobern wählt man ein Volk bzw. eine Rasse, zum Beispiel Orks, Amazonen, Elben – die üblichen Verdächtigen des Fantasy-Gengres. Den Rassen werden vor Beginn durch Zufall noch Sonderfertigkeiten zugeordnet, wie etwa „fliegende“, „Seefahrer“ und „wohlhabende“. Allein dadurch, dass Rassen und Fähigkeiten vor jedem Spiel neu gemischt werden, ist jede Runde wieder anders und ich persönlich hab immer wieder Spaß an Kombinationen wie „diplomatische Orks“. Dann kann man im Laufe das Spiels das eigene Volk untergehen lassen und sich ein neues wählen, um noch mehr zu erobern. Die meisten SpielerInnen finden nach dem ersten Spiel recht gut heraus, wann das sinnvoll ist und wann nicht.

Überhaupt mag ich an Smallworld das Verhältnis der Chancen.  Langfristige Strategie, kurzfristiges Taktieren, impulsive Spielzüge – alles kann zum Sieg führen, weil Glück durchaus auch ein entscheidender Faktor ist, ohne dass das Spiel aber willkürlich abliefe.
Smallworld ist recht easy to learn, nach einer oder zwei Runden weiß man, was zu tun ist und nach einem Durchgang hat man auch die langfristigen Mechanismen verstanden. Die Anleitung ist sehr verständlich und gut strukturiert. Es dauert also nicht lang bis man loslegen kann.

Zwei bis fünf Leute können spielen, die Anzahl der Runden wird jeweils angepasst. Jaha, es gibt eine begrenzte Rundenzahl, Smallworld hat ein absehbares Ende!
Laut Vorgabe ist Smallworld ab acht Jahren spielbar, ich selbst konnte das noch nicht testen und wie immer ist das sicher vom jeweiligen Kind abhängig. So richtig vorstellen kann ich mir das für Achtjährige gerade nicht, aber wer weiß, wie unsere Zweijährige so in sechs Jahren drauf ist.

Jetzt mal zu meinem Herzensthema: die Optik (Grafik, wie die Gamer sagen). Es ist so liebevoll gestaltet! Die Illustrationen sind verdammt cool und auch lustig und prägen entscheidend die lockere Atmosphäre des Spiels. Alles ist konsequent durchgestaltet und stimmt bis in die Details. Schade eigentlich, dass es bei uns unter dem Bett vergraben* liegt – das Spiel ist so schön, es gehört an die Wand!

Es gibt einige Erweiterungen, wir besitzen Realms und Keine Panik. Das letztgenannte enthält je fünf neue Rassen und Spezialfertigkeiten und lohnt sich nach einigen Spieldurchläufen schon, einfach weil dann eben noch mehr Kombinationen zur Verfügung stehen.

Realms bietet dann für Enthusiasten und Bastler reichlich Material: variabel zusammensetzbare Kartenteile, diverse verschiedene Spielvariationen für wenige oder auch viel mehr Spieler. Wir haben die Basisversion eigentlich gar nicht so oft gespielt, dass ich mich genug gelangweilt hätte, dieses Add-on wirklich spielen zu wollen. Ein paar Mal haben wir wohl die ein oder andere Variante getestet und soweit ich mich entsinne, sind die Optionen genauso gut gestaltet und durchdacht wie das Grundspiel. Aber eben etwas komplexer teilweise. Wie gesagt, eher was für Enthusiasten.
Dann gibt es noch Smallworld Underworld, welches wir auch besitzen. Es ist genauso wie Smallworld, nur mit einem anderen Setting (der Unterwelt) und demnach anderen Rassen und Fertigkeiten. Genauso schön, humorvoll und cool, vielleicht nicht ganz so klassische Fantasy-Elemente. Das Problem: jedes Mal zu entscheiden, welche Version man nun spielt!
Fazit

Ich liebe dieses Spiel und möchte es endlich mal wieder spielen. Zum Glück geht das auch zu zweit – wenn die Zweijährige also wirklich wieder in den Kinderladen geht oder doch noch lernt, allein zu schlafen, können mein Mann und ich mal wieder zusammen spielen. Mit Smallworld geht das sogar, ohne dass wir nachher zur Paartherapie müssten. Ich würde aber auch gern mal wieder in etwas größerer Runde spielen. *seufz* Also Leute, kauft euch das Spiel und spielt ein paar Runden für mich mit!

*War doch in einer Schublade! Jetzt liegt es auf dem Schrank…

Taschenwärmer

Eine Geschichte

Nach Hause gehen, es ist spät. Kalt. Die Kleine ist ganz müde. Ich trage sie in der Trage nach vorn. Dafür ist sie eigentlich zu schwer, aber ich habe keine Tragejacke, die mir erlauben würde, die Zweijährige auf dem Rücken zu tragen. Auf kurzen Strecken geht es. Für den Weg nach Hause benötigen wir zwanzig Minuten und die Kleine ist ganz müde. Wir waren bei einer Freundin zu Besuch, jetzt ist es schon 22 Uhr durch. Ich laufe nach Hause und trage mein Kind. So weit ist es nicht. Ich bin auch müde.

Es fängt an, zu schnieseln. Das ist ein Neologismus von mir und meint eine Mischung aus Schnee und Nieselregen. Ungemütlich ist das. 

Soll ich dir die Kapuze aufsetzen? Ja? Soll ich deine Ärmel umklappen? Nein? Nicht doch die Kapuze? Möchtest du einen Taschenwärmer? Ja? Ich habe einen im Rucksack. Ja, Moment, ich hol ihn raus. Ja, warte kurz. Ich muss den Rucksack erst wieder zu machen. Warte kurz, du bekommst ihn gleich. Ich muss den Rucksack erst wieder aufsetzen. So. Hier. Soll ich deine Ärmel umklappen? Nein? Steckst du sie da rein? Okay, ja, mach das. 

Die Kleine ist zufrieden und wird immer ruhiger. Ob sie tatsächlich auf dem Weg einschläft? Nein, das kann doch nicht… Ich bin heute Abend allein zu Hause, bin müde und auf einen langen Abend gefasst. Ist halt so. Aber jetzt scheint das Kind auf dem Nachhauseweg einzuschlafen. Na sowas. Da könnte ich im Bett noch etwas lesen und dann auch schlafen. Schön wäre das.

Die Straßen sind ruhig an diesem kalten, ungemütlichen Sonntagabend. Das Einkaufszentrum ist beleuchtet, der Burger-Laden auch. Die Bankfilialen auch. In der einen liegt ein Mensch in der Ecke mit dem Kopf auf der Heizung. 

Ja, da drinnen ist es warm, denke ich. Lässt die Bank das zu, denke ich, macht da keiner was? Überwachungskamera? Nein? Dann ist ja gut. Hat der Obdachlose Glück, heute Nacht. Kältebus rufen? Aber er ist ja im Warmen und schläft. Wäre bestimmt nicht glücklich, wenn er geweckt würde, denn heute Nacht hat er es ja warm. Was könnte ich sonst tun…?

Ich laufe vorbei. Das Kind ist fast schon eingeschlafen. Schön, einfach zu Hause ins Bett gehen. Taschenwärmer. Ich hab doch noch einen Taschenwärmer. Nein, nicht der vom Kind, der ist ja benutzt. Man kann die wieder verwenden, wenn man sie zehn Minuten in Wasser kocht, aber ein Obdachloser hat vielleicht eher keine Möglichkeit, etwas in Wasser zu kochen. Im Rucksack ist doch aber noch ein Taschenwärmer, oder? Ja. Also zurück? Ja. 

Die Kleine wird wach, sobald wir die Bank betreten. Was ist das? Eine Bank, ich muss kurz… Da liegt der Mann, schläft ganz tief. Kram um ihn herum, seine Habseligkeiten. Aufgedunsenes, zerknautschtes Gesicht. Ich gehe hin, den Taschenwärmer in der Hand. Den Lege ich auf den Boden, neben dem Mann, wie man einem fremden Tier etwas Futter hinwerfen würde. Ich kann mich mit der Kleinen in der Trage doch nicht richtig bücken. Und ich will ihn doch nicht wecken. Er wird aber wach und sieht mich bei meiner seltsamen Bewegung. Ein Taschenwärmer, sage ich halblaut, fast defensiv. Er murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht sagt er, dass er das Ding nicht braucht, dass so ein kleines Mistteil von zwölf Zentimetern Durchmesser oder so, das vielleicht für zehn Minuten warm ist, ihn auch nicht vor Erfrierungen bewahren kann, wenn er jeden verdammten Tag und jede verdammte Nacht auf der verdammten eiskalten Straße rumhängt. Vielleicht sagt er das, nur kürzer, denn es hört sich nach maximal vier oder fünf Silben an, was er da murmelt. Dann sagt er Danke und das verstehe ich tatsächlich. Kein Problem, sage ich, was auch immer ich damit sagen will. Und dann gehe ich wieder und vielleicht sage ich Tschüss.

Nach Hause sind es nur noch ein paar Meter und einmal um die Ecke. Die Kleine ist wieder ganz wach und stellt mir immer wieder Fragen. Naja, hauptsächlich fragt sie Warum, das ist gerade so ihr Ding. Also, warum habe ich dem Mann den Taschenwärmer gegeben? Weil der kein Zuhause hat und immer draußen ist und da ist es immer ganz kalt und da kann er einen Taschenwärmer gebrauchen. Warum? Damit er sich ein bisschen wärmen kann. Ein bisschen wenigstens. Vielleicht friert ihm dann ein Finger erst zehn Minuten später ab. Vielleicht reicht das ja. 

Ausblick

Das Kalenderjahr hat sich vor einiger Zeit erneuert – eine Zeit, so gut wie jede andere, um mal zu schauen, wie es mit dem unangespießten Blog hier so in naher und ferner Zukunft weitergehen könnte, soll, mag. Ein Ausblick also, vielleicht. Eine Absichtserklärung, aber ganz unverbindlich.
  

Gelegenheit

… zum Bloggen hab ich eigentlich noch weniger als sonst schon. Ich blogge nämlich immer, wenn das Kind zu Mittag schläft. Also nachmittags. Aber das tut es zur Zeit eher gar nicht mehr. Stattdessen lassen wir es morgens bis sonstwann ausschlafen und schleifen es dann so lang durch den Tag bis es irgendwann erschöpft nach hinten kippt. Hat zu viel Entspannung im unangespießten Haushalt gesorgt. (Klingt paradox, ist also wahr.) Demnach fehlen mir gute anderthalb Stunden täglich, in denen ich neben dem Kind im Bett liege und manchmal auf dem Handy was tippe. Dazu noch so’n bisschen persönlicher Kram und sogar etwas Arbeit (oho!) und schon lass ich meine geschätzte Leserschaft (Hallo, ihr drei!) vergeblich auf meine erquicklich eloquenten Ergüsse warten. Ab demnächst soll die keine Lady aber wohl wieder eingekitat werden, ob das klappt, ist natürlich die Frage, aber wenn, dann ändert sich sowieso wieder alles und dann sehen wir mal. Apropos…

Die kleine Lady

… möchte ich gern umbenennen. Irgendwo (hier: https://unangespiesst.wordpress.com/2016/06/27/gruesse-aus-der-rosahellblaufalle/) erwähnte ich, dass ihr bisheriger Spitzname vielleicht ein bisschen sexistisch konnotiert ist. Kommt auf die Betrachtungsweise an. Dazu kommt für mich inzwischen, dass ich viel, sehr viel in meiner Tochter sehe: Chibiusa aus Sailor Moon, Mei aus Totoro, Saki aus Totoro, einen Hobb aus Fable – und vieles mehr und vor allem aber sie selbst. Wirklich, so ein Kind gibt’s nicht nochmal! 

Ihr neuer Blogname soll also neutrale sein. Und gleichzeitig eindeutiger. Ich präsentiere: die Zweijährige. Und in einem halben Jahr dann die Zweieinhalbjährige. Und so weiter. Klar soweit? So weiß man immer, wie alt das Kind in meiner Geschichte gerade ist, ohne, dass man irgendwo die „Über“-Seite suchen und dann mit dem Datum des Artikels abgleichen muss. Auch auf weitere Kinder wäre das Prinzip einfach anwendbar. Und es ist so herrlich lang, umständlich – erhöht gleich den Schwierigkeitsgrad bei Twitter. 

Inhalt

Das Nuf (http://dasnuf.de) ist ja für mich Vorbild – nicht nur bei Zahnhygiene, nein auch beim Bloggen. Eigentlich nehm ich mir bei kreativen Sachen selten andere Leute wirklich als Vorbild, aber diese inhaltliche Bandbreite von Patricia Cammarata finde ich wunderbar und möchte ich gern ein bisschen nachahmen. Meinen Blog etwas öffnen. Nicht so oft fragen: Aber gehört das zum Repertoire, interessiert das die Leser eines Elternblogs? 

Bei gesellschaftlichen Themen zögere ich da wahrscheinlich gar nicht so sehr. Die sind durch meine eigene Lebenswirklichkeit ja ohnehin meist direkt mit den Themen Familie und Kinder verbunden. 

Das Thema Religion (ich bin pagan) fiel bisher unter den Tisch bzw. würde als Gastartikel ausgelagert. In diesem Bereich bin ich nach wie vor unsicher, aber eigentlich… Es könnte!

Produkterfahrungen gab’s hier bisher nur sporadisch und sehr willkürlich. Das Willkürliche soll bleiben, aber das Thema soll sich etwas mehr häufen: ich möchte euch Zeug zeigen, das ich cool finde. Und vielleicht auch welches, dass ich doof finde. Manches kann mit meiner Tochter in Zusammenhang stehen, aber das soll nicht Bedingung sein. 

Das ist für mich Neuland. Rezensionen. Ich hab da einen gewissen Anspruch, deswegen hab ich mich bisher noch nicht rangewagt. Finde sowas schnell langweilig. Also, ich lass mich überraschen, was ich da so zusammenschreibe.

Ansonsten

… hab ich mich gestern zur Blogfamilia angemeldet und warte nun auf die Bestätigung. (Diese Spannung!!) Ich freu mich so und kann’s kaum erwarten und werde jetzt Monate lang Gedanken wälzen: Wem begegne ich? Was sage ich? Was frage ich? Was trage ich? Waaaah!

Liebe Grüße jedenfalls!

Es ist mir eine Ehre und ein Glückshormonkick, Menschen mit meinem Blog ein wenig zu unterhalten. Peace!

Kinderfreundliche Restaurants in Berlin – LoL nope

Mit Kindern ins Restaurant, geht das? Oder mit Großeltern? In Familiencafés gibt’s nur kalte Küche und was sind überhaupt die Kriterien für kinderfreundliche Gastronomie? 

„Essen gehen klappt ja noch nicht“, hörten wir von meinem Vater seit Geburt der kleinen Lady. Mit einem Baby, das war klar, kann man nicht ins Restaurant gehen. Wenn es weint, und das machen Babys nunmal immer wieder, stört es Gäste und Personal und womöglich wird man der Örtlichkeit verwiesen. „Und du stillst ja noch“, bekräftigte der Opa seine Haltung. Stillen vor anderen – gar fremden! – Menschen, das geht natürlich gar nicht. Ich war damals selbst noch unsicher mit dem Kleinchen und den Möpsen und nahm das mal so hin. 

Die kleine Lady wuchs und meine, sowie meines Mannes Kühnheit ebenso. Wir überzeugten den skeptischen Großvater: „Doch, doch, das klappt!“ Es folgten ein paar Restaurentbesuche in einer Phase, in der die kleine Lady das Knabbern an einem Stück Brot für eine gute halbe Stunde so unterhaltsam fand, dass wir tatsächlich ein bisschen fremd bereitete Speisen zu uns nehmen konnten. Wir reizten die Lage nicht bis zum Desert aus, doch genossen mal wieder anatolische, kreolische und indische Küche. Mit zunehmender Mobilität schwand der kleinen Lady jedoch die Gemütsruhe, mit gesteigerter kulinarischer Offenheit verflüchtigten sich ihre Tischmanieren: sie wollte spielen, laufen, entdecken – und mit dem Essen rum matschen. Mein Vater zeigte sich milde besorgt lächelnd. Und rief hinter unserem Rücken meine Mutter, seine Exfrau, an: so ginge das doch nicht mit dem Tischverhalten der Enkelin, sie solle den Kindern doch mal ins Gewissen reden! Mich bat er, der Zweijährigen doch wenigstens beizubringen, sich von mir füttern zu lassen. Ich schnappte nach Luft und verwarf alle Pläne für einen weihnachtlichen Restaurantbesuch für die nächsten zwölf Jahre und spielte mit dem Gedanken, überhaupt nie wieder mit dem Opa in einem Raum Nahrung zu konsumieren. Meine Mutter, die ich empört Unterstützung heischend angerufen hatte, stand überraschenderweise zum ersten Mal seit Dekaden auf der Seite ihres Exmannes: „Du musst zugeben, sie isst ja auch wie Miss Piggy!“ Es folgten Erziehungstipps bzw. der Erziehungstipp unter den Erziehungstipps: Kinder. Muss man. Erziehen. Ja nee. Grundsatzdiskussion und so. Jetzt nicht. 

Die Suche nach El Dorado

Zuvor, also vor diesen frustrierenden Gesprächen mit der Parentalgeneration, hatte ich mich ganz naiv auf die virtuelle Suche nach einem kinderfreundlichen Restaurant begeben. Haha. 

  
Diesen utopischen Ort meiner Träume stellte ich mir folgendermaßen vor:

  • Angestellte, die Kinder nicht hassen
  • evtl. kleine Spielecke i.e. kleiner Tisch mit Papier, Stiften und ein zwei Kinderbüchern
  • evtl. kleiner Garten/ Spielplatz vor der Tür
  • warme Speisen

In einer großen Stadt wie Berlin wird es ja wohl irgendwas in der Art geben! Haha. Naive me. 

Exkurs

Ja, es gibt „Familiencafés“ oder „Spielcafés„, wie ich im Laufe meiner Mutti-Karriere gelernt habe. Find ich auch richtig toll. Dort gibt es Platz (irgendwas zwischen 4 und 20 Quadratmeter, je nach Etablissement) zum Spielen, oft mit Bällebad, Spielzeug, kleineren Turngeräten oder auch mal ganz waldorfig reduziert mit viel Freiraum und wenig Holzspielzeug. Dazu findet die Begleitung auch Tische und Stühle wie in so nem richtigen Café. Serviert wird meist kalte Küche, Frühstück zu jeder Tageszeit, Kuchen, Smoothies, in manchen Fällen frische Waffeln. Hunger leiden muss man nicht, auch wenn die Preise in manchen Berliner Gegenden mich bei einem Glas Wasser verweilen lassen. Meist kostet die Nutzung des Spielraums pro Kind ein, zwei Euronen. Ist mein Gewissen weniger schlecht, wenn ich mich drei Stunden lang an meinem Kräutertee zu 2,50€ aufhalte. 

Tolle Sache, diese Cafés. Sollte es überall geben. Wir haben gejubelt, als eines in unserer (!) Altstadt eröffnete: http://www.sonnenkind-koepenick.de Das hat uns letztes Jahr durch den Winter gebracht! 

Aber. 

Essen gehen kann man so nun mal nicht. Daher meine virtuelle Quest über Twitter, Facebook und natürlich google. Über Twitter bekam ich eigentlich nicht viel mehr als das:

  
Oh. Zu viel verlangt, hm? Wenn selbst die Alu von http://www.grossekoepfe.de/ keinen Tipp für mich hat…

Über Facebook fand ich noch weniger bzw. den Verweis auf diese Hitliste von 2012 (bei Berliner Lokalitäten ist das alles andere als aktuell!), die auch den besten meiner Google-Funde darstellte: 

Kinderfreundliche Restaurants in Berlin

https://www.tip-berlin.de/kinderfreundliche-restaurants-berlin/ 

Die Liste ist lang, da wird wohl was dabei sein. Was macht wohl ein Restaurant aus, das als kinderfreundlich bezeichnet wird, das explizit für Familien mit Kindern empfohlen wird? Mal schauen…

Ein Restaurant wird als „ausgesprochen familienfreundlich bezeichnet, „mit seinen langen Tischen“. Aha. Lange Tische. Naja, vielleicht gibt’s da noch was besseres. „Die Tische sind von Kindern selbst bemalt“ Hey, wenn die Zweijährige da direkt weiter malen kann, dann passt das sogar! Aber da geht’s wohl eher um eine abgeschlossene Deko-Idee und nicht um einen laufenden künstlerischen Prozess… Es gibt „Suppen, die wir genauso gerne essen wie unsere Kinder“. Wow. Suppen. Die stehen bei Kindern auf der Hitliste ja sicher noch über Köstlichkeiten wie Püree oder Eintopf. 

Ein „nettes kleines Café […] mit Spielecke“ klingt gut, bietet als kulinarisches Highlight aber wieder nur Toast. Cafés eben. Das sind für mich keine Restaurants. Trotzdem sind viele auf der Liste, denn irgendwie scheint es Spielecken, wenn überhaupt, nur in Cafés zu geben. Außerdem bekommt man in Cafés Kuchen, Eis oder auch Waffeln und das meist schnell, was einen Besuch mit unruhigen, Süßkram verschlingenden Blagen kurz und unkompliziert macht. Richtig essen muss man dann aber eben wieder zu Hause. 

Auch Biergärten zählen bei mir nicht als Restaurants. Bier trinke ich nicht und die kulinarische Auswahl zwischen Würstchen und Schweinshaxe lockt mich maximal nach einem sehr langen Ausflug ins Grüne. Da reizt mich auch nicht die Aussicht auf „Hopfenkaltschale“, während „der Nachwuchs […] um die Biertische“ rennt. 

Ich spann euch hier auf die Folter, jetzt mal zur Sache: anhand dieser Liste konnte ich nachvollziehen, was eine kinderfreundliche Lokalität wirklich ausmacht. Hier also die Kriterien, haltet euch fest!

  • „direkt neben einem großen Spielplatz“ 
  • „Für die kleinen Gäste gibt es einen tollen Kinderteller.“ 

Ja, wenn du ein Restaurant neben einem Spielplatz eröffnest, rennen dir die Familien die Tür ein. Dann kann nämlich immer ein Elternteil in Ruhe essen, während das andere die Bälger auf dem Spielplatz rumscheucht. Wenn die Eltern sich gut verstehen, wechseln sie sich irgendwann ab. Große Tische brauchst du also nicht, sitzt ja immer nur ein einsamer Erwachsener beim Essen. Bietest du dann noch Kinderteller, halbe Portionen oder gar Fischstäbchen an, können sich die Eltern das Zeug einpacken lassen und den Bälgern direkt auf dem Spielplatz zum Fraß vorwerfen. 

Leider wollten wir ja nun an Weihnachten essen gehen und da bin ich manchmal etwas zimperlich mit dem Wetter und so. Und irgendwie hatten wir ja auch die verrückte Idee, und zusammen im Restaurant aufzuhalten und eben nicht zur Kinderbetreuung nach draußen aufzuteilen. 

Am Ende alles egal, meinen Eltern ist es eh peinlich, mit uns in der Öffentlichkeit zu essen. Hab ich mir die Arbeit umsonst gemacht, doch immerhin was gelernt. Mein absolutes Highlight auf dieser Liste, die zahlreiche kinderfreundliche Gastronomien vorstellt, war übrigens diese Beschreibung:

„Das lauschige Ambiente […] ist der beste Grund, auch mal ohne Kinder einen schönen Abend zu verbringen.[…] da fehlt nur noch der Anruf beim Babysitter.“

Es wird wohl Zeit, eine*n Babysitter*in zu suchen. Bis wir einen haben essen wir zu Hause. Oder binden die Kinder einfach draußen an wie hier vorgeschlagen: