Blogparade „Mamis* Bucket-List“

Bucket List – eine Liste mit Dingen, die man noch machen will „before you kick the bucket“, also bevor man abkratzt. 
 

Bild: Adrian Moran, unsplash https://unsplash.com/search/Grave?photo=CO10tWyhSJE
 
Regine von https://raiseandshine.de rief auf zur Blogparade (https://raiseandshine.de/2016/09/20/blogparade-mamis-bucket-list/) für Bucket-Listen (also das Wort find ich echt unbequem) von Menschen mit Kindern, namentlich Mamis und Papis. Und tatsächlich schossen mir direkt ein, zwei Gedanken durch den Kopf, die ich Lust habe, beizutragen. Aber erstmal vorweg:

Was nicht auf der Liste ist

Die vielen, vielen, vielen, vielen Dinge, die ich gern mit meinem Kind und/oder mit hypothetischen zukünftigen Kindern machen/erleben möchte. Damit könnte ich nämlich ein ganzes Buch füllen. Unsere Erstgeborene ist immerhin noch nicht mal zwei und da gibt es unzählige Vorhaben, Wünsche und Pläne – angefangen mit Plätzchen backen (könnte in zwei Monaten passieren) bis hin zu „Ich möchte ihre Hand halten, wenn sie ein Kind zur Welt bringt“. 

Die Liste

Japan

Klar, die übliche Reise, die alle machen wollen. Bei meinem Mann und mir ist es Japan. Das Herzensziel, das wirklich unerreichbar ist, weil wir uns schon den Flug nicht leisten können. Wenn wir dort wären, dann sicher nur für ein paar Tage und dann würden wir alles an Essen kosten, was das Land zu bieten hat. Der Rest wär der reine Nippon-Kawaii-Rausch. 

Tattoos

Mehr davon. Für mich und meinen Mann. Ich hoffe, dass unsere Körper, wenn sie starr und kalt sind, reich verziert sind. Eine Geldfrage hauptsächlich. Ich hab jedenfalls keine Lust, das Handwerk selbst noch zu lernen.

VR

Virtual Reality erleben. Am besten bei uns zu Hause. What a time to be alive! Auch eine Geldfrage. 

Buch schreiben

Meinte Frau Raise-and-Shine ja auch, dass das wohl bei fast jedem auf der Liste ist. Nun, bei mir ist es ein Fantasy-Roman, von dem schon ein paar Zeilen existieren. Wenn ich in dem Tempo weitermache, könnt ihr ihn 2100 lesen. Dann wird er auch direkt auf der Bestseller-Liste landen. 

Kinderbuch illustrieren

Kinderbücher sind ja auch bei allen auf der Liste. Ich hab selbst eigentlich gar nicht wirklich den Drang, eines zu schaffen, vermisse aber Bücher zu paganen Themen und fürchte, da muss ich einfach selber ran.

Motorrad

Eine Geldfrage. Irgendwann soll mein Mann wieder ein Motorrad haben und dann möchte ich endlich wieder hinter ihm sitzen und über Landstraßen fahren. Oder gar selbst fahren?! Eine Geldfrage. 

Kinky Sex-Kram

So eine langjährige Ehe will hier und da neu belebt werden und in unserer aufgeklärten Zeit gibt’s ja so einiges, das man unternehmen kann. Und irgendwann dann ist das Kind vielleicht auch alt genug, um mal übers Wochenende aushäusig zu sein…

Burlesque

Ich möchte mal als Burlesque-Tänzerin auftreten. Oder Bauchtänzerin. Aber wahrscheinlich eher Burlesque. Man kann dazu so Workshops machen und am Ende gibt’s eine kleine Show, glaub ich. Möchte ich mal machen. Denk ich mir manchmal. Würde ich mir aber wahrscheinlich nie leisten und mich auch nicht trauen. In meiner Fantasie ist das voll cool, aber in der Realität bin ich motorisch eher eingeschränkt. 

Fazit

Sind das jetzt alles Dinge, die ich erst im Kopf habe, seit ich ein Kind habe? Nee. Sind das Dinge, die erst machbar sind, wenn das Kind aus dem Haus ist? Nee, eigentlich nicht. Irgendwie sind es aber fast ausschließlich Dinge, die (viel – zu viel) Geld kosten. Machen mich nur materielle Dinge glücklich? Nee. Ich glaube, alles, was im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten liegt, machen wir einfach und deswegen steht sowas nicht auf der Liste. Die vielen Dinge, die wir als kleine Familie in unserer idyllischen Fantasiewelt planen – die passieren jetzt! Der erste Laternenumzug steht an, wir planen eine Halloween-Party und bewirtschaften ein eigenes Beet im Nachbarschaftsgarten. Lagerfeuer wurden schon unzählige gemacht und Jahreskreisfeste haben wir schon mehrfach gefeiert. Unsere Wohnung ist wunderbar und ich habe mir doch tatsächlich endlich die Haare gefärbt. („Cerise“ von Directions, falls ihr euch fragt…)

Joah, und damit bleiben für diese Liste nur noch die dicken Fische, die teuren Posten, die großen Projekte. Auch schön.  

Ferienhölle

Ich habe die Sommerferien schon als Kind gehasst und gefürchtet. Nein, das stimmt nicht. Natürlich habe ich mich auf die ewig lange freie Zeit gefreut und ihr erwartungsvoll entgegen gesehen. Aber ich erinnere mich auch an diese schrecklich öden Tage: Die Sonne scheint. Die Wiese ist vertrocknet. Ein leichter Wind weht oder kein leichter Wind weht. Es ist still im Hof. Totenstill. Tumbleweed rollt durchs geistige Bild. Der Spielplatz ist verwaist. Sämtliche Kinder des Blocks sind verreist. Auf Gran Canaria oder im Harz oder wasweißichwo. Meine Mutter schickt mich raus: „Es ist schönes Wetter – du hockst gefälligst nicht den ganzen Tag in der Bude!“ Ich sitze auf der Schaukel. Das Quietschen der Kette schallt über den einsamen Hof. Ich will wieder rein. Da bin ich zwar genauso allein, aber wenigstens kann ich zeichnen. Oder ein bisschen spielen. Ich hasse die Ferien. Im Sommer ist es am schlimmsten, weil das Wetter so schön ist, dass meine Mutter mich aus der Wohnung schmeißt. Und weil die verdammten Ferien sechs endlose Wochen dauern. Und weil es so heiß ist zwischen den Plattenbauten. 

Hölle reloaded 

Und da sind wir wieder, nach zehn Jahren Pause: Sommerferien! Wer hätte gedacht, dass sich die ätzendsten Passagen des Lebens einfach wiederholen?! Haha! 

Ok, es sind Kitaferien und ich übertreibe voll, denn wir kleine Familie sind alle zusammen zu Hause und gesund und alles ist supi und es sind auch nicht sechs Wochen, sondern nur drei. Also alles easy. Haha. Jetzt geht’s los, wir fahren als kleine Familie durch die Lande, machen Ausflüge, Picknick, Lagerfeuer, Abenteuer – genießen die Zeit mit Kind und ohne Verpflichtungen. Ja! 

Ja, doch! Machen wir ja. Aber eben nur zu dritt. Nur Mutter, Vater, Kind. Und das ist schön, echt schön. Aber. Mal einen anderen Erwachsenen zum Quatschen. Mal ein weiteres Kind zum Dran-Erfreuen. Mal mehr Kinder. Mal eine gemütliche Runde zum Grillen. Irgendwie waren da in meiner Vorstellung von dieser entspannten, spannenden Sommerzeit mehr Leute. Coole Familien mit Wohnwagen und so. 

Die Hölle, das sind die anderen.

Oder eben der Mangel an denselben. Und das macht mich inzwischen mürbe. Ich kann nicht mehr. Ich liebe meine zwei Lieben, doch ich will nicht mit ihnen auf einer einsamen Insel leben. Das tut uns allen nicht gut. Wir geben unser Bestes, uns nicht gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben und leisten dabei alle echt Großes, glaube ich. Mein Mann und ich fahren ein abwechslungsreiches (und für unsere Verhältnisse viel zu kostspieliges) Programm aus verschiedenen Unternehmungen und wir haben Spaß und langweilen uns nicht und die kleine Lady ist abends annähernd ausreichend bettschwer. Aber wirklich entspannt wäre ich, wenn einfach alle paar Tage mal ein netter Besuch anstünde. Einfach mal mit einer anderen Familie treffen. Oder mit irgendwem anderen. Abwechslung im geistigen Input, Inspiration durch wechselnde Anregungen von außen. Das würde uns allen gut tun. Mir vermutlich besonders. 

Heaven knows I tried

Wirklich. Ich. Hab’s. Versucht. Schon seit mindestens Mitte der Schwangerschaft. Kurse hab ich besucht, Foren und Facebook-Gruppen frequentiert, Anzeigen geschrieben, mehr Kurse besucht und mit Leuten gesprochen. Gelächelt hab ich und mir beim Smalltalk einen abgebrochen. Ist nicht so meine Königsdisziplin, aber – bei allem Göttern – ich war doch so nett, verdammt nochmal! Irgendwem muss ich doch sympathisch sein! Ich mein, da sind die an den Seiten abrasierten Haare und das Nasenpiercing, aber wir haben doch auch nicht 1953! Und manche Leute in den Elterngruppen haben doch selbst Deadlocks. Irgendwer muss doch mal Bock haben, sich mit uns anzufreunden! 

Meine Ausbeute nach nun zwei Jahren Eigen-PR und Freunde-Akquise ist mehr als kläglich: einige lockere Bekanntschaften, die inzwischen mehr und mehr im Sande verlaufen und verlaufen sind und eine einzige interfamiliäre Beziehung, die solide und verlässlich ist, auch wenn beide Eltern als Babysitter nie in Frage kommen werden, weil sie selbst so viel arbeiten müssen. Als Sahne-Kackhaufen oben drauf kommt der Verlust so mancher Vor-Kinder-Freundschaft, so dass ich mir meine Freunde von „früher“ inzwischen an einer Hand abzählen kann – ohne Daumen und Ringfinger. Als Kack-Kirsche ziert diesen Eisbecher der Kackigkeit die Tatsache, dass natürlich niemand irgendwann irgendwie Zeit hat. Familie nicht, Freunde nicht. Arbeit, Renovierung und dieser verdammte Uuuuurlaub, von dem immer alle reden. Verreisen und so’n Scheiß. 

Verzweiflungstat

  
Ich geb’s mir aber gern nochmal selbst so richtig hart und beweise mir, dass ich wirklich wirklich der letzte Loser in der Ecke beim Sportunterricht bin, während sogar der einbeinige, blinde Timmi noch in die Mannschaft gewählt wurde. Also malte (ja, malte, mit verschieden farbigen Stiften!) ich ein Zettelchen mit meiner bewusst locker flockigen Botschaft für die anderen Eltern in unserem Kinderladen: „Was macht ihr so in den Sommerferien?“ Müssen doch auch Leute dabei sein, die nicht die vollen drei Wochen Schließzeit verreist sind, oder? Und die freuen sich doch bestimmt auch über nette Gesellschaft, oder? Und die Kinder spielen doch dann immer so schön und die Erwachsenen können in Ruhe quatschen und Kuchen mampfen, oder? Kann man sich doch einfach zusammen tun, oder? Oder?!

Am Arsch! Eine (eine!) halbe Zusage für ein (ein!) mögliches Treffen in der letzten (letzten von drei!) Woche habe wir beim Sommerfest ergattert. Beim Sommerfest! Wo wir auch so sympathisch und nett waren und total lässig Kontakte knüpfen wollte und wieder mal alles ganz nett, aber so verdammt unverbindlich war. 

Und jetzt langsam wird mir klar, dass das auch so bleiben wird und meine letzte Hoffnung damit auch zunichte ist. Nein, wir werden uns nicht mit den anderen Eltern aus dem Kinderladen anfreunden. Die werden nett mit uns reden auf dem Elternabend und uns anlächeln, wenn mein Mann mal wieder beim Handwerken im Laden hilft oder ich ein Plakat für den Kuchenbasar male. Und das war’s. Die meisten von denen kennen sich schon und sind voll die Clique oder vielleicht wollen die auch einfach keine Freunde. Vielleicht haben die keine Zeit, weil sie nur arbeiten oder sie sind sich einfach selbst komplett genug. Oder sie haben irgendwoher anders schon ganz viele Freunde, vielleicht wurden da mal welche verteilt und ich hab’s verpasst. Oder sie hassen uns einfach. Ja, das wird’s sein. Wir sind einfach so fucking unsympathisch. Warum, weiß ich nicht, aber das ist sicher Teil des Problems. 

Mein liebes Kind, es tut mir leid. 

Ich fürchte, das Außenseitertum ist erblich. Du wirst wahrscheinlich nie Freunde mit zum Spielen nach Hause bringen, weil niemand sein Kind mit zu uns schicken wird. Deine Nachmittage kannst du gern mit uns, deinen Eltern, verbringen. Wir können basteln und Videospiele zocken. Deine Ferien werden lang und einsam. Ich verspreche dir, dass ich dich nicht allein auf den Spielplatz schicke. 

Social anderswo – Gedanken

Wieso macht es mir inzwischen mehr Spaß, auf Twitter Banalitäten von Fremden zu lesen als auf Facebook mit realen Bekannten zu kommunizieren? Welche Blogs lese ich am liebsten? Wie schafft es YouTube mich jung zu halten? Wie funktioniert Snapchat? Und was zum Fick ist ASMR?Fragen, die ich im Folgenden zum größten Teil nicht beantworten werde.
Facebook

Auf Facebook bin ich in über 40 Gruppen. Muss mal wieder aussortieren. Wichtig sind mir vor allem die Gruppen von Eltern in Berlin – AP-Eltern, unerzogen-Eltern, Kitafrei etc. Habe darüber immer mal wieder ein Treffen mit anderen Müttern angebahnt, die ich vorher gar nicht kannte. Wirkliche Bekanntschaften sind daraus nicht entstanden, aber hätte ja klappen können. Trotzdem kann man in den Gruppen immer mal nach Treffen schauen oder nach Ausflugszielen oder guten Ärzten fragen. 

In der Hausgeburtsgruppe erhielt ich unzählige brauchbare Tipps, während meiner Schwangerschaft. Schwarmwissen. Menstruationstassen-Gruppe, NFP-Gruppe, Montessori-Gruppe. IKEA-Flohmarkt, Berliner Verschenken-Gruppe. Gruppen, in denen man erfährt, was so los ist in der Gegend. Gruppen für gemeinsame Interessen, Gruppen, um Gleichgesinnte zu finden, zu diskutieren, sich auszutauschen. Gruppen, in denen ich vielleicht mal Werbung für meinen Blog posten könnte. 

Für Facebook-Freunde halt bei mir früher: nur Menschen, die ich real kenne. Lange vorbei. Überhaupt hab ich mit Facebook angefangen, weil alle nur noch darüber kommunizierten. Inzwischen nutzt man wohl whatsapp oder was weiß ich. Ich nutze jedenfalls whatsapp und Telegram. Was die Leute von früher nutzen, weiß ich nicht, zu denen hab ich keinen Kontakt mehr. Veraltete Kontakte, veraltetes Kontaktmedium. „Freunde“ hab ich auf Facebook jetzt über 50 und manche noch nicht einmal persönlich gesehen. Mit einigen kaum mehr als einmal kurz korrespondiert. Aber: vielleicht brauch ich die mal. Vielleicht liken die mal einen Blogpost von mir. So sieht’s aus. 

Früher habe ich durch meine Timeline gescrollt und geschaut, was meine Freunde und „Freunde“ so posten. Jetzt postet ja kaum noch jemand was. Und die, die es machen, hab ich deabonniert. Will ja keiner wissen, das die bald Feierabend haben oder sonstwas. Stattdessen lese ich Posts von George Takei und Collegehumor. Die sind wenigstens witzig. 

Aber inzwischen habe ich immer weniger Lust, mir meinen ewig langen Facebook-Newsfeed anzusehen und schau lieber schnell auf…

Twitter

Da kenn ich (fast) niemanden persönlich – und alles ist interessanter. Seltsam. Die schreiben auch, dass sie bald Feierabend haben, aber irgendwie witziger. Ich hab hauptsächlich Blogger abonniert. 

Überhaupt Blogs

Seit der Schwangerschaft lese ich sie. Informationen, Sichtweisen, Unterhaltung. Viel wird auch die (oder eine) Blogger-Community erwähnt, aber wie immer gehöre ich nirgendwo dazu. Naja. Trotzdem hab ich das Gefühl, einige Leute zu kennen. Und Twitter verstärkt das natürlich, besonders, weil man dort auch man schnell kleine Nachrichten an die „Großen“ schreiben kann und die sogar manchmal antworten. 

Also bin ich von Facebook immer mehr Richtung Twitter gezogen. Lange nach dem eigentlichen Hype. In zwei Jahren fang ich dann mit Snapchat an. 

ASMR

Und nun folgt mir auf Twitter jetzt @asmr-deutsch.de – vermutlich einfach mal, um sich selbst zu bewerben. Was ist denn ASMR? Google. Autonomous Sensory Meridian Response. Hä? Wikipedia. Oh. Das kenn ich. Seit meiner Kindheit. Das gibt’s wirklich? Andere Menschen haben das auch. Wow. Hat sogar eine Art eigene Community mit YouTube-Videos. Wow. Und es ist einfach schön, sowas nebenbei rauszufinden. Das liebe ich am Internet. 

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Pummelig

Hier und da erwähnte ich es in früheren Artikeln: die kleine Lady trug als Baby den inoffiziellen Titel des „Speckigsten Babys Weit und Breit“. Sehr sehr selten sah ich mal ein Baby mit vergleichbaren Speckröllchen, aber nie so proper wie mein Wonneproppen. Inzwischen ist sie 19 Monate alt, um einiges länger und immer noch pummelig, wenn auch bei Weitem nicht mehr so Buddha-artig (ihr wisst schon, der chinesische Lachende Buddha). Ein Bäuchlein, etwas Speck an Armen und Beinen, mehr nicht. Ich vermute gar, dass sie jetzt fast genauso viel wiegt wie vor sechs Monaten, dass sie sich eben einfach in die Länge gezogen hat. Wir haben keine Waage, deshalb kenne ich nur die Werte der jeweiligen U beim Kinderarzt, wo sie längenmäßig immer innerhalb der Durchschnittskurve lag, vom Gewicht her aber weit oberhalb. Bei einer Untersuchung (mit sechs Monaten?) fragten wir den Arzt, ob wir uns sorgen müssten und er war ganz irritiert. „Sie stillen doch? Ausschließlich? Na dann ist das ganz normal! Die Kinder sind eben verschieden!“ Und das war das. Und die kleine Lady war stets fidel, mobil und gut entwickelt. Soviel dazu.
Die Anderen
Nun ist sie immer noch moppelig, gut im Futter, kräftig usw. Sie ist aber ein kleines Kind, deshalb verzeiht ihr die Gesellschaft das noch. Ja, irgendwie wirkt dieser knuddelige Körper mit seinen Speckfältchen besonders anziehend auf viele Menschen und ich vermute schon einen verschütteten Urinstinkt nahe der Reaktion auf das Kindchenschema: ein dickes Kind macht uns ganz zufrieden, denn es ist ja so offensichtlich gesund und wohl genährt. Evolutionär ja unsere wichtigste Direktive – gut ernährter Nachwuchs. Dem entgegen spricht natürlich unsere moderne Konditionierung: dünner, dünner, dünner. Dass die schon für Kleinstkinder greift, zeigen mir Ausflüge in Kinderkleidungsabteilungen. Vielleicht gibt es leise Stimmen in den Hinterköpfen der Leute, die unser Kind zu dick nennen. Aber da ich die nicht hören kann, muss ich mich damit nicht auseinandersetzen. Stattdessen pass ich auf, dass niemand die kleine Lady zu heftig knuddelt. Besonders, wenn sie jetzt im Sommer mit wenig bis keiner Kleidung rumläuft, ist das nämlich das größte Risiko! 

Die anderen Kinder

Tatsächlich verhält sich der Drang sie zu knuddeln antiproportional zur Menge ihrer Kleidung – gerade bei anderen Kindern. Die wollen die kleine Lady dann unbedingt auf den Arm nehmen, ihre Arme anfassen oder ihren Bauch streicheln. Es ist eine meiner größten Freuden, solche Szenen zu beobachten! Wie verhalten sich die Kinder, wie verhält sich mein Kind? Manche sind zurückhaltend, andere sehr stürmisch. Gemein haben sie diese Zärtlichkeit, diesen unschuldigen, liebevollen Kontakt. Einen anderen Menschen einfach mal berühren wollen, kitzeln, streicheln. Und die kleine Lady sticht mit ihrer offenen Art und eben auch ihrem etwas rundlichen Körper dann doch etwas hervor. Die Kinder fragen: 

„Was ist das?“ „Was hat sie da?“ Und zeigen auf die kleinen Speckfalten. Ich erkläre, dass das Speckfalten sind, weil sie so dick ist.

„Warum sieht sie so aus?“ Ich sage, dass manche Menschen dicker und andere dünner sind.

„Findest du sie trotzdem hübsch?“ (Was für eine Frage, was für eine faszinierende Frage von einem vierjährigen Mädchen!) Ich sage, dass ich sie sehr schön finde!

Die Kinder bewundern die weiche Haut der kleinen Lady und wie gewandt sie auf dem Trampolin springt und wie sie ausgelassen lacht. Und die kleine Lady ist froh und nackt und macht Arschbomben.

Die Anderen nochmal 

„T (Bezugserzieherin im Kinderladen) hat gefragt, warum unser Kind so dick ist“, erzählt mein Mann als er nach Hause kommt. Oh ha, denke ich, was denke ich jetzt? Ist das übergriffig, sowas zu fragen? Nun, eigentlich ist es gut, das die Pädagogin auch auf den körperlichen Allgemeinzustand unseres Kindes achtet. Ja, ich finde das gut. Natürlich musste mein Mann dann erklären: Stillkind, bekommt nicht viel Zucker oder so, keine gesundheitlichen Probleme. Damit hatte sich das Thema, die Pädagogin wollte ja nur Bescheid wissen. 

Noch vor einen Jahr – zur Zeit des -Lachenden-Buddha-Babys – hörten wir häufiger Kommentare. Gerade von Verwandten. Von Diät wär gar die Rede. Bei einem Kind, dass kaum Beikost aß… Und natürlich: „Wenn sie erst laufen lernt, schmilzt das alles!“ Überhaupt, Sport sollten wir sie machen lassen. Heute noch wird uns das gelegentlich gut meinend empfohlen. Ja, nun, joggen war ich mit ihr noch nicht, aber davon abgesehen, weiß ich nicht, wie man mit einem Kleinkind etwas anderes unternehmen kann als körperliche Aktivitäten. Klar, Bücher angucken und malen – für zehn Minuten. Ist ja nicht so, als ob so ein Kind auch nur annähernd die Ausdauer hätte, mal so zwei bis fünf Stunden „Batman – Arkham Knight“ zu zocken. Ich könnte das ja, aber das Kind – pfft! Fängt nach zwei Minuten Fernsehen schon wieder an zu toben! Keen Sitzfleisch! Stattdessen: „Rampiin! Trampiin!“ (heißt: Trampolin) Und so schmelzen die Pfunde und mein kleines Mochi* ist schon lang kein Mochi mehr…
* japanische Süßigkeit aus Reismehl – weiß, weich, rundlich und überaus süß

unerzogen über die eigenen Grenzen hinaus? – ein Brief an Mo

Auf 2kindchaos.com hat Mo Zart ihre Gedanken über das (Nicht)Konzept „unerzogen“ geäußert: https://www.2kindchaos.com/familie/erziehung/unerzogen Am Ende hat sie dann nach der Meinung der Unerzogenen (also anderer Eltern, die diesen Weg gehen) gefragt und da ich mich ja selbst immer wieder mit diesem Thema befasse, möchte ich ihr hier antworten – und damit vielleicht meine eigenen Gedanken ausformulieren und ordnen.



Liebe Mo,

du hast mir erstmal schon einiges voraus. Meine einzelne Tochter ist nämlich erst anderthalb Jahre alt. Du hast also schon wesentlich mehr Elternerfahrung als ich. Insofern habe ich das Gefühl, dass ich mich mit „unerzogen“ eigentlich nicht so richtig auskenne – einfach, weil ich „erziehen“ nicht kenne. Denn ich weiß immer noch nicht so ganz, wie man einem Kind in dem Alter etwas wie Erziehung angedeihen lassen soll. Vielleicht ist diese Einstellung aber auch gerade ziemlich unerzogen… Ein bisschen was gelesen hab ich aber bisher (besonders auf dem Blog https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com und in der unerzogen- Facebook-Gruppe, die ich dir beide sehr empfehle!) und will von diesem Punkt aus mal auf deinen Text eingehen.

Wie soll ich das stemmen?

Diese Frage kommt mir bekannt vor durch das Lesen von Blog und Facebookgruppe. Das Fragen sich nämlich viele Leute, die auf diese Idee treffen! Und dann die Sorge: ich mach das gar nicht richtig! 

Aber es geht hier nicht um eine Diät oder ein Sportprogramm, bei dem man immer wieder schwach wird und sein Wochenziel nicht erreicht. Nein, es geht darum zu den Kindern in Beziehung zu treten, Denkmuster zu hinterfragen und aufzulösen. Das ist eine Herausforderung, die sicher auch Schwierigkeiten und Zweifel mit sich bringt. Doch vielleicht sollte man es besser als eine Richtung ansehen, die man einschlägt, und nicht als festen Weg, den man beschreitet. Ein Prozess. Es gibt keinen Wettbewerb „Wer lebt unerzogener?“ oder „Die entspanntestestesten Eltern Deutschlands“. 

Ich würde sagen, wann immer du das Gefühl hast, etwas „stemmen“ zu müssen, entfernst du dich eher vom unerzogenen Weg. Wenn du das Gefühl hast, frei zu sein oder eine Last loszuwerden, hast du einen unerzogenen Schritt gemacht. 

Freie, glückliche Kinder – und immer mehr Arbeit für mich

Dass du als Familienmitglied genauso Recht auf Bedürfnisserfüllung und Grenzen hast, hast du ja schon von deiner Therapeutin und Jesper Juul gelernt. (Und wahrscheinlich musst du es immer mal wieder lernen, wie so ziemlich alle Eltern – ich jedenfalls schon!) Unerzogen ist da voll mit dir auf einer Wellenlänge! Es soll allen gut gehen. Das Prinzip beinhaltet nicht: die Kinder tanzen auf den Tischen und die Eltern räumen die Scherben auf. (Es sei denn, alle wollen das so.) Dich stört die Kletterlandschaft im Wohnzimmer? Na, dann weg damit! Du bist nicht verpflichtet, deinen Kindern besondere Attraktionen zur Verfügung zu stellen. Schon gar nicht dauerhaft. 

Wenn irgendein Spiel deiner Kinder für dich unerwünschte Konsequenzen hat (wie zum Beispiel aufräumen), dann sag ihnen das. Vielleicht fällt euch eine Alternative ein. Aus Prinzip alles zu verbieten, ist unsinnig. Aus Prinzip alles geschehen zu lassen aber auch. 

Die Sache mit den Gesellschaftsspielen. Es ist für Coco sicher noch nicht nachvollziehbar, warum dich das nervt. Sagen, würde ich es aber trotzdem. Meine Tochter im gleichen Alter überrascht mich immer wieder mit ihrem Verständnis. Außerdem hat sie so Phasen, in denen sie etwas immer wieder spielt und nach einigen Tagen ist das vorbei. Vielleicht endet das irgendwann. Vielleicht kannst du sie auch ablenken, indem du ihr ein eigenes Spiel kaufst und ihr erklärst, dass die anderen eben der Schwester gehören. Oder du vereinbarst mit Maple, dass die Spiele erstmal an einen anderen, für Coco nicht zugänglichen (und eventuell nicht sichtbaren) Ort verschwinden. 

Unerzogen bedeutet jedenfalls nicht, dass du gezwungenermaßen alles zulassen musst. Wenn du dich hier fragst: „WTF spricht dagegen?“, lautet die Antwort ja, dass du keine Lust auf das Chaos und dessen Beseitigung hast. Das ist doch ein legitimes Argument! Als Unerziehende sagst du aber nicht: „Lass das! Du darfst das nicht!“ Sondern: „Ich möchte das nicht, weil dann überall Unordnung herrscht. Wir können aber gern etwas anderes spielen.“

Süßigkeiten 

Wie Fernsehen und Computerspiele ist das ein Thema, dass im Unerzogen-Kontext immer wieder auftaucht. Diesen Artikel mochte ich sehr dazu: https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/2016/01/11/machen-fernsehen-und-suessigkeiten-kinder-suechtig-so-kannst-du-es-verhindern/

Mir fallen zwei Dinge dazu ein.

Erstens: Willst du es vielleicht mal ausprobieren? Würde Coco wirklich nur Schokolade essen und das über einen so langen Zeitraum? Oder hätte sie nach zwei Tagen das Bedürfnis nach einem Apfel oder einem Stück Brot? Meine Tochter manchmal tagelang fast ausschließlich Joghurt. Dann wechselt sie plötzlich ihre Diät. Wurst ist auch furchtbar beliebt. Aber gelegentlich schaffen es auch Tomaten, Butter oder sogar Brot auf ihren Speiseplan. Ich bin da recht entspannt und immer wieder überrascht, wenn sie mit einem Mal auf ein ganz umgewohntes Nahrungsmittel umschwenkt. Der kleine Körper scheint schon irgendeinen Plan zu haben und da misch ich mich nicht allzu sehr ein.

Zweitens:  Vorleben. Wenn niemand bei euch Schokolade isst und keine im Haus ist, vergisst so ein kleines Kind recht schnell die Süßigkeit. Wenn bei uns keine Salami auf dem Frühstückstisch liegt, fragt die kleine Lady auch nicht danach. Haha, man muss sich nur selbst disziplinieren, haha! (Wir schaffen’s noch nicht!) 

Und ansonsten: Nieder mit der Konsequenz! Manchmal ist es für die kleine Lady ok, wenn ich sage: „Nein, jetzt ist es zu spät am Abend für Kekse. Du kannst morgen wieder welche essen.“ Manchmal ist es nicht ok und sie will unbedingt Kekse (oder sonstwas). Dann bekommt sie sie, und ich muss keinen Tantrum über mich ergehen lassen. Einmal nachzugeben, bedeutet nämlich nicht, immer nachzugeben. Kompromisse finden, ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt. 

Erziehungsziele

Richtig, Unerziehende solltest sowas nicht haben. Geht ja auch nicht, wenn sie Erziehung ablehnen. Vielleicht irritiert dich hier aber eher die Formulierung. Du möchtest, dass deine Kinder sich richtig fühlen, so wie sie sind. Das wünsche ich mir auch. Ja, ich wünsche es mir. Ich versuche, aktiv dazu beizutragen, indem ich meiner Tochter meine Liebe zu ihr zeige und mich selbst immer wieder bemühe, sie so anzunehmen, wie sie ist. Mehr Einfluss darauf habe ich nicht. Oder wie sollte ich sie dahingehend „erziehen“? Wie „erzieht“ man denn jemanden zur Selbstliebe?? „Jetzt hör auf, so selbstkritisch zu sein! Du bekommst eine Praline, wenn du dich brav selbstbewusst fühlst! Sich schlecht fühlen, ist in unserem Haushalt verboten!“

Und dann kommt in deinem Text wieder stark dein Glaube durch, unerzogen bedeute, die Kinder alles machen zu lassen, egal, was es dich kostet – das ist nicht unerzogen! Du sagst selbst, ihr müsst aufeinander hören – und das bedeutet unerzogen! Es heißt, aufeinander zu hören, anstatt sinnlos Regel aufzustellen und zu befolgen, weil „man das nunmal so macht“. 

Unerzogene Kinder leben nicht ohne Grenzen. Die Grenzen sind eben nicht die willkürlichen Grenzen, die Personen und Situationen ignorieren („Jeden Abend geht’s 19 Uhr ins Bett, egal wie müde du bist!“). Es sind natürliche Grenzen: Ich bringe mein Kind ins Bett, weil es müde ist. Ich tobe nicht mit meinen Kind, weil ich selbst müde bin. Wir toben jetzt nicht laut durchs Zimmer, weil die Nachbarn schlafen. Diese Grenzen sind genauso real wie die Tatsache, dass ein Kind nunmal nicht fliegen kann. Es ist weder deine Pflicht, über deine eigenen Grenzen hinauszugehen, noch deinem Kind ein Flugzeug zu kaufen. 

Was du also über Grenzen und Freiheit formulierst, was du über Bedürfnisse und Rücksichtnahme gelernt hast, dein Wünsch nach Lösungen, die für alle passen – das ist unerzogen. Du bist schon voll in Fahrt, während du noch überlegst, ob du einsteigen sollst. Also, lehn dich zurück und genieß die Aussicht. Dein Gefühl hat dich auf diesen Weg gebracht und jetzt hast du ein Wort dafür gefunden: unerzogen. Das ist ein sehr flexibles Wort und du kannst es drehen und zerren, damit es zu eurer Familie passt. 

Zum Abschluss noch mal ein Verweis auf diesen Post, der gerade wieder die Runde machte und einfach sehr gut passt: http://unerzogenleben.com/index.php/2016/07/10/4-fehler-die-du-niemals-machen-solltest-wenn-du-nicht-mehr-erziehen-willst/

Ich wünsche euch dabei eine ganz luftige, freie, leichte Zeit,

Julia

PS: Eine ganz subjektive, persönliche Sache von mir: das Beitragsbild zu deinem Text irritiert mich sehr – ein kleines Kind, das an einem Bierkrug nippt. Ich selbst bin wirklich sehr allergisch auf die Kombination von Kindern und Alkohol, selbst wenn es nur „Spaß“ sein soll. Im Kontext wirkt das außerdem ein bisschen, als ob unerzogene Kinder alles alles machen dürften, was ja eben nicht der Fall ist. Gefahren für Leib und Seele sind immer die absolute Grenze. Das Bild, habe ich das Gefühl, wirft ein schlechtes Licht auf unerzogen und schafft bzw. bestätigt womöglich Vorurteile. 

Grüße aus der Rosahellblaufalle!

Da hatte ich gerade so viel auf dem Blog von http://ich-mach-mir-die-welt.de gestöbert und mir reichlich Gedanken über diese elendige Farbklischeefalle gemacht, als meine mir liebe Schwiegermutter aus dem Urlaub ein Geschenk für die kleine Lady* mitbringt: ein rosafarbenes, Spitzen besetztes, kleines Umhängetäschchen. Mit Goldkettchen dran. So süß. So Mädchen. So… falsch. Irgendetwas in der Richtung sagte ich und stieß die Granny damit ganz schön vor den Kopf. (Tut mir immer noch leid!)Natürlich war sie irritiert, weil bei uns ja nun kein offensichtliches Rosa-Verbot herrscht. Unsere Tochter hat zwar kein Prinzessinnenzimmer, aber hier und da ein Schleifchen (wörtlich und im übertragenen Sinne) ziert sowohl ihre als auch meine Garderobe. Und gelegentlich auch die meines Mannes… 

 

Die Tasche des Anstoßes – die anstößige Tasche
 
Warum hat mich die kleine Tasche dann so gestört?

Darüber musste ich eine ganze Weile nachdenken. Ja, der Blogs wegen, natürlich. Rosa – Mädchenkram – kleine Prinzessinnen – kleine Tussis. Abwärtsspirale Richtung „echte Mädchen“ und so weiter. Trotzdem, wie gesagt, hatten wir bisher kein Rosa-Verbot und waren der ganzen Problematik bisher eher entspannt begegnet. Aber eine Handtasche. Das ist per se ja schon Frauenkram. Dass unsere Tochter seit sie laufen kann gern Tüten und Taschen rumträgt, um sie zu füllen, finde ich persönlich faszinierend und niedlich. Doch wie schnell sind alle Erwachsenen, die das beobachten, dabei zu sagen: Oh, eine richtige Dame! Gehst du shoppen? Fängt ja früh an!

Typisch weiblich eben. Evolutionär bedingt. Schon kleine Steinzeit-Mädchen verwendeten die Geschenktüten aus Mammuthaut zum Shopping spielen. 

Und da schnappt sie zu, die Rosa-Hellblau-Falle. Und dann kommt, wie zur Bestätigung, diese zuckersüße Tasche daher. Als ob Handtäschchen nicht ohnehin schon vor Östrogen tröffen. Dann ist da auch noch Spitze dran! Auf 20 Meter Entfernung kann jetzt jeder Mensch das Kind in die Kategorie „niedliches Mädchen“ einordnen. 

Und was ist daran schlimm?

Sie ist doch ein Mädchen. Und niedlich ist sie erst recht! 

Wie erklär ich das jetzt? (Ich kann wirklich nur den Blog http://ich-mach-mir-die-welt.de empfehlen, da kommt das alles viel besser rüber und wird ausführlich erläutert!) Mädchen sein und niedlich sein ist fein. Eigentlich. Aber. Unsere Gesellschaft findet Mädchen und ihre Weiterentwicklung Frauen: doof, inkompetent, minderwertig, schwach. Ja, auch heute noch. Ja, ich war da auch skeptisch. Aber isso. Inzwischen bin ich ein wenig sensibilisiert (Danke, http://ich-mach-mir-die-welt.de!) erkenn ich die Hinweise…

Mädchen in Hosen, Jungs in Kleidern

Schon bevor ich ein Kind hatte, war da diese dezente Unsicherheit in Bezug auf eine Sache. Natürlich wollte ich offen sein und mein zukünftiges Kind nicht in Rollen pressen. Mädchen mit kurzen Haaren, Latzhose und Matsch im Gesicht? Kein Problem! (Im Gegenteil: voll cool, so’n kleiner Wildfang!) Junge mit langen Haaren und Puppen? Kein Problem! (Im Gegenteil: in diesen Typ Mann hab ich mich doch verliebt!) Meine Kinder dürfen sich aus allen Rollenschubladen frei bedienen. X Und wenn dein Junge ein rosafarbenes Kleid tragen will? Nicht nur zum Fasching? X … Kein… Problem…? Naja, darf er schon, irgendwie, wenn er das unbedingt… Warum find ich dieses Bild nicht so erfreulich wie das von meinem wilden Töchterchen in Hosen?

Warum überhaupt find ich Frauen in Anzügen ok, Männer in Ballkleidern irgendwie verstörend. Dieses ganz leichte Unwohlsein im hintersten Eckchen meines Kopfes. Auf http://ich-mach-mir-die-welt.de habe ich die Antwort gefunden und hatte ein Aha-Erlebnis:

Das Männliche ist erstrebenswert, das Weibliche ein Abstieg. Ein Mädchen, das männliches Verhalten an den Tag legt, verbessert die eigene Position. Indem sie Sport macht z.B., oder technische Fähigkeiten erlangt. Ein Junge, der mit Puppen spielt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten. Gibt er sich weiblich, verschwendet er sein Potenzial auf und erniedrigt sich. Eine Frau, die ambitioniert Karriere macht, ist bewundernswert. Ein Mann, der Zuhause die Care-Arbeit übernimmt, ist ein Weichei. 

Und deshalb ist rosa-weiblich-niedlich nicht neutral, sondern ein Stempel, der eine Bewertung mit sich bringt. So unendlich subtil, fast in homöopathischer Dosierung. Aber bewertend. Und wenn wir unseren Töchtern das Rosa zuweisen, versehen wir sie (unbewusst und unabsichtlich!) mit Prädikaten wie zart, unschuldig, schwach, irrational, minderwertig. Nicht, weil rosa minderwertig ist. Sondern weil rosa weiblich ist und weiblich als minderwertig angesehen wird. Das ist die Rosa-Hellblau-Falle.

Und wir stecken in der Falle

Jeden Tag.

– Wenn wir uns ganz unwohl fühlen, weil wir das (biologische) Geschlecht eines anderen Kindes nicht optisch bestimmen können. Höre ich immer wieder auf dem Spielplatz: „Nein, Leon, die Schaufel gehört dem Mäd… Juu… Die gehört dir nicht!“ Tipp: Kind. Es ist ein Kind. Im Zweifelsfall das Kind selbst nach seinem Namen fragen. Und wenn es dann Jay oder Kim heißt, so what? 

Den Kindern ist das biologische oder soziale oder sonstige Geschlecht egal. Warum ist es für die Eltern so verdammt wichtig, dass ihr Nachwuchs einwandfrei kategorisiert wird? Wenn das Kind alt genug ist, um diese Zuordnung wichtig zu finden, ist es in einem Alter, in dem das die Eltern nichts mehr angeht. Ich bin ja manchmal gemein und lasse verwirrte Eltern, die ich hinter meinem Rücken rumeiern höre, bewusst im Unklaren. Und ich verbessere sie auch nicht bei Falschraten. Halten sie mein Kind eben für männlich. Ist doch nicht schlimm, ein Junge zu sein, oder? Witzig, wenn’s dann rauskommt und es ihnen peinlich ist!

– Wenn wir Dinge sagen wie: „Das heißt FeuerwehrMANN!“ Denn damit lassen wir ganz unterschwellig die Botschaft ins kindliche (und unser eigenes) Gehirn einsickern, dass Brandbekämpfung ein Beruf für Männer ist. Sprache ist Macht, Wiederholung verursacht Gewissheit. Natürlich steht es Frauen frei, eine Karriere bei der Feuerwehr anzustreben – aber wieviele ziehen es gar nicht in Erwägung, weil sie eine Sperre im Gehirn eingebaut haben?

– Wenn allen Ernstes sowas in Schulbüchern steht. Warum? WarumwarumWARUM?!

– Wenn eine Mutter in einem Blogpost schreibt, dass sie ihre Kinder gern ohne Rollenklischees erzieht. Dann erläutert sie aber, dass ihr Fünfjähriger gern Kämpfen spielt, weil das bei Jungs nunmal von Natur aus so ist. Evolutionsbedingt. Mädchen spielen von Natur aus gern mit Puppen und lästern gern, Jungs raufen. Isso.

– Viele weitere Beispiele beim Twittergewitter: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/11/twittergewitter/

Und jetzt?

Darf unsere Tochter jetzt kein Rosa, keine Täschchen, keine Kleider mehr tragen? Und was ist mit Glitzer, auch keinen Glitzer?? (In unserem Haushalt? HahahaHA! *blink*) Es geht nicht. Ich liebe die Kleidchen, mein Mann erst recht. Unsere Tochter trägt sie auch gern und wenn sie nicht situativ total unpraktisch sind, dann hol ich sie verdammt gern aus dem Kleiderschrank. Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich ihr Zöpfe machen kann und Blumen ins Haar flechten. Und Schminke und Nagellack! Ich steh ja selbst auf das Zeug! Nicht täglich, aber bei passender Gelegenheit umso mehr und mit Begeisterung! Ich will ihr diese Freude an der Dekoration des eigenen Körpers nicht vorenthalten. Sie soll nur irgendwie lernen, dass das nicht alles ist, was ihr als weiblichem Menschen zusteht und dass es eine freiwillige Option ist. 

Dass Freude an Schmuck, Schminke, Glitzer und langen Haaren nicht den Frauen allein zustehen, wird ihr ihr Vater schon vermitteln. Mit diesem Täschchen will ich meinen Frieden machen, das kann ja nichts dafür – und es ist echt hübsch, vielleicht leih ich’s mir mal aus…

*In diesem Beitrag heißt unsere Tochter einfach „unsere Tochter“, denn der Name, den sie sonst auf diesem Blog hat, wäre einen eigenen Rosa-Hellblau-Artikel wert: „kleine Lady“. Als ich sie so nannte, hatte ich noch nicht angefangen, derart intensiv über Fragen des Sexismus nachzudenken. Aber trotz aller negativer sexistischer Konnotationen wird sie den Namen auf diesem Blog weiterhin tragen, denn er ist eine Anspielung auf eine von mir heiß geliebte TV-Serie und damit meine ureigenen Wurzeln. Ich lebe gern mit Kontrasten. Auch, wenn ich dann immer wieder darüber nachdenken muss.

Arm, aber sexy

Kürzlich tauchte in meiner Twitter Timeline und wohl auch auf einigen Blogs ein Gedanke auf: die meisten (alle?) von diesen Elternblogs werden von Akademikern betrieben. Akademiker, nehme ich an, steht hier wohl für gut situierte Mittelständler mit hohem Bildungsgrad. Ihr wisst schon. Ja, ich hab ja selbst eine ganz bestimmte Vorstellung von den Leuten, deren Blogs ich lese. Auf Fotos sieht man da Teile vom Leben aufblitzen. In den Texten werden die beruflichen Tätigkeiten angedeutet. Produkte des Alltags werden erwähnt. Ihr wisst schon. Das Gesamtbild – so verschieden die Elternblogger auch sind – ist schon recht homogen. Was den mutmaßlichen Kontostand angeht. Correct me if I’m wrong. Über die Gründe have ich jetzt gar keine Lust, zu spekulieren. Nur eines ist für mich hierzulande recht sicher:

Über Geld spricht man nicht.

Über Geldmangel erst recht nicht. Ich fand das schon immer albern. Meine Freundin will nicht sagen, wieviel sie verdient, man darf nicht nach der Miete anderer Leute fragen und dass man Schulden hat, darf man nie nie nie erwähnen. Weil. Naja, auch da hab ich jetzt keine Lust, mich mit den Gründen zu befassen, denn das wäre wieder ein eigener fetter Blogpost. Ich sag’s euch einfach, wie es ist:

Wir sind arm.

Mein Mann, unser Töchterchen und ich – wir sind eine arme Familie. Das waren wir schon, als das Töchterchen gezeugt wurde. Wir haben unser Kind bewusst unterhalb der Armutsgrenze zur Welt gebracht. Wir Rabeneltern. Wir hätten es ja auch anders machen können. Erstmal „Karriere“ machen. Erstmal irgendwas machen. Fertig werden. Uns was aufbauen. Haben wir nämlich in den letzten zehn Jahren noch nicht auf die Reihe gekriegt. Nein, wir sind hin und her, auf und ab auf unserem Lebensweg gewandert, sind Umwege gegangen, haben begonnen und abgebrochen. Wie heißt das? Ich studiere – ich studiere das Leben. Ja, studiert hab ich auch ein bisschen. Ein paar Monate, weswegen ich nicht sicher bin, ob ich in die oben erwähnte Kategorie der Akademiker Fälle oder nicht. Meine Traumausbildung habe ich erst mit Mitte 20 gefunden und mit Ende 20 abgeschlossen. Und dann? Dann hab ich erstmal noch ein bisschen das Leben studiert, anstatt, wie meine Mit-Azubis, richtig fett in die Arbeitswelt zu starten. Und dann hab ich einfach ein Kind bekommen. Mit voller Absicht. Dieses Durchstarten wäre nämlich wahrscheinlich eine Sache von X Jahren gewesen. Ökonomisch sicher sinnvoll, aber wir hatten für uns eben andere Pläne. Ich bin also gar nicht in Elternzeit, wie ich das meist euphemistisch behaupte. Nö, ich bin einfach mal arbeitslos. Und mein Mann… der ist jetzt schon ganz offiziell in Elternzeit – allerdings ohne einen Chef, den das interessiert. Unbefristet quasi. Wir haben eben wesentlich mehr Zeit als Geld.

Wie ist denn das Leben als arme Leute?

Erst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich das Wort „arm“ hier so inflationär gebrauche. Das ist eher provokativ. Denn wir selbst sehen uns natürlich nicht als arm an. Per definionem sind wir es wohl, weil unser Einkommen eben einen bestimmten Wert unterschreitet. In der Realität aber Leben wir, wie man eben so lebt in Deutschland. Gut. Wir mieten eine wunderschöne Wohnung, kaufen Essen und Kleidung, machen Einkäufe, fahren Auto, schauen Netflix, spielen Videospiele, treffen Freunde. Wir kaufen selten Kleidung, gehen nie essen, leisten uns fast nie Bio-Lebensmittel und unsere Freunde hören immer mal wieder von uns, dass wir uns dieses oder jenes nicht leisten können. Reisen zum Beispiel. Wir jammern nicht – wir äußern nur Tatsachen. Reisen sind uns nämlich nicht wichtig, ebenso wenig wie häufige Shoppingtouren. Bio-Essen wäre schon nett, das ein oder andere Kleidungsstück mehr im Schrank vielleicht auch – aber hey, Platz nach oben ist doch immer! Ansonsten geht es uns sehr gut. 

Das erdet einen

Ok, diesen Monat geht es uns nicht ganz so gut. Da ist jetzt noch sehr viel Monat übrig und das Geld ist fast alle. Wirklich. Es musste eben das ein oder andere bezahlt werden, hier und da waren wir etwas lax und jetzt… Nun ja, Fugenkit und Toastbrot stehen diese Woche ganz oben auf der Speisekarte. Was macht man da? Da geht es an die Basis der Existenz, das kann Angst machen: nicht zu wissen, ob man für die nächsten zehn Tage genug Münzen für Essen zusammenkratzen kann. Essen. Das ist doch nun wirklich keine echte Sorge in unserem Land, oder? Vegan oder glutenfrei ist vielleicht manchmal die Frage, aber doch nicht, ob überhaupt. Zeit für echte Existenzangst. *dramatische Musik*

  

Fuge ohne Kit – schon leer gefressen.
   
Um ehrlich zu sein, sind wir gerade ganz entspannt. Ja, bin fast ein wenig froh. Ich fühle mich geerdet. Endlich plane ich mal wieder unser Essen für die Woche. Endlich kaufen wir nicht nach Impuls, oder mit Zeitdruck. Endlich hören wir auf, so viel wegzuwerfen. Die Brötchen, die von heute Morgen noch übrig sind, müssen morgen früh gegessen werden. Egal, ob sie ein bisschen pappig sind. Das Gemüse, das wir (zum Glück!) in der Restekiste vom Gemüseladen in großer Menge zu kleinem Preis ergattert haben, muss diese Woche nach und nach komplett verbraucht werden. Wegschmeißen geht nicht, auchnicht bei braunen Stellen. Sinnvoll und in der richtigen Reihenfolge (die schneller verderbenden Stücke zuerst) muss es verarbeitet werden. Schmecken sollte es trotzdem. Kreativität ist also gefragt. Gestern gab es Brot mit selbst gemachter Schnittlauchbutter und Rohkostsalat. Dann noch Porridge mit Zutaten, die wir noch im Haus hatten. Wir sind also durchaus mit Stil gut satt geworden. Wenn wir mehr Geld haben, kaufen wir gern mal Fertigessen, denn wir sind viel unterwegs und haben zu Hause dann wenig Zeit und Lust, ordentlich zu kochen. Mit der kleinen Lady am Bein, die dann gegen Abend immer anhänglicher wird, ist das nicht besser geworden. Fertigessen ist aber nicht nur ungesund, sondern auch teuer. Jetzt genieße ich gerade meinen mit leicht angematschten Gemüse für 2,50€ gefüllten Kühlschrank und überlege, was ich womit kombinieren könnte. 

Aber das arme arme Kind!

Arm sein mit Kind geht natürlich nicht. Man muss doch viel kaufen! 

Wahrscheinlich haben die meisten Eltern vor der Geburt des ersten Kindes genauso, wie wir, gelegentlich gedacht, dass man tonnenweise Zubehör für das Projekt Baby benötigt. Und wahrscheinlich haben die meisten dann, wie wir, nach ein paar Monaten den Großteil des angeschafften Zubehörs annähernd unbenutzt in Kisten im Keller verstaut. 

Inzwischen ist die kleine Lady anderthalb Jahre alt und diese Erfahrung hat sich bisher nur bestätigt. Vielleicht wird es noch anders, dann sehen wir weiter. Vielleicht braucht man später mehr Zubehör. Ja, die ersten dicken Posten tauchen auf: monatliche Gebühr für den Kinderladen, Regenkleidung und so in doppelter Ausführung, sommerliche Ausflüge zum See. Doch gerade jetzt, da es uns diesen Monat finanziell so richtig kalt erwischt hat, merke ich, das wir noch mehr sparen können. Klappt schon, hat immer geklappt – ist nicht umsonst unser Familienmotto.

Und das möchte ich meinem Kind mitgeben: Schätze, was du hast. Geld ist nicht wichtig. Liebe, Zeit, Genuss sind wichtig. Sei sparsam, aber klammere dich nicht an dein Geld. Improvisieren geht immer. Sei nicht zu stolz, um um Hilfe zu bitten. Teilen bringt Glück. 

Zurück zum Anfang 

Diese wohlhabenden Akademiker mit ihren Blogs. Schreiben über Kosmetik von Weleda und teure Familienhotels als ob’s nix kostet. Ernähren sich vegan und trinken ihren Hipster-Kaffee jeden Tag in einem anderen Laden. 

Ich les das alles gern und denke mir: Vielleicht irgendwann… Es stimmt schon, ein gewisser Mainstream ist da, eine bestimmte Szene mit ihren Attributen. Trotz allem ist die Elternbloggosphäre eine der heterogensten. Kleinster gemeinsamer Nenner sind die Kinder, darüber hinaus können die Unterschiede groß sein. Und ich unterscheide mich eben von den meisten der Elternblogger durch meinen mickrigen Kontostand. Und meine Frisur, vermute ich mal, aber das ist eine andere Geschichte.